12 Dinge, die von der Art Cologne übrig bleiben

 Anne Imhof bei Galerie Buchholz  
 Henrik Vibskov Palmy Lips, 2016 Ruttkowski;68
 Fabrice Stroun während des Spike-Talks
 Stand der Galerie Max Mayer: Wandarbeiten von Jan Paul Evers (*1982, lebt und arbeitet in Köln), Bodenarbeit von Sarah Kürten (*1983, lebt und arbeitet in Düsseldorf), Skulptur von Nicolás Guagnini (*1966, lebt und arbeitet in New York)  
 Fernand Léger, Komposition I [Dekoration für ein Esszimmer]), 1930 Öl auf Leinwand. Wandgemälde für das Esszimmer von Dr. Reber, Schweiz Fondation Beyeler, Riehen/Basel, Collection Beyeler Foto: Cantz Medienmanagement, Ostfildern, Bonn 2016
 Fernand Léger im Museum Ludwig, 2016
 Fernand Léger, Das Kamin-Wandgemälde im Apartment Nelson A. Rockefeller in New York, um 1939 Foto: Courtesy of Rockefeller Archive Center
 „Palmyra – Was bleibt?” im Wallraf-Richartz-Museum  
 Andro Wekua im Kölnischen Kunstverein  
 Das Kolumba Museum, Raum 5, Keith Haring mit „Labyrinthstein mit einer Minotauromachie, Köln (?), Mitte des 12. Jh. (?), weißer Marmor“
 Kolumb a!
 Im Kölner Dom 

Heute gehen vier Tage Art Cologne zu Ende. Zum 50. Mal fand sie statt. Hier sind die Situationen, Menschen und Ausstellungen, die uns auf der Messe und Umgebung aufgefallen sind.

Anne Imhof
Wie die Frankfurter Künstlerin am Rande ihrer ersten Performance in der Galerie Buchholz konzentriert der Choreografie zuschaut. Und auch die Zuschauer choreografiert scheinen, wenn sie sich um die Tänzer herumbewegen wie Wasser. Es knistert euphorisch-diabolisch während der 4-stündigen Performance. Ein wunderschöner Falke wird durch den Raum geführt. Anbei leere Gesten der Darsteller, die sich mit schweren Silberrasierern und weißem Schaum wie in Zeitlupe die Innenfläche der Hände scheren. Wie Imhof eine destruktive, gegen sich selbst gerichtete und superzärtliche Nullstimmung ihrer Generation zwischen Grunge und Berghain einfängt: knallharter Pop, der einen rasend macht.   

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Henrik Vibskov
An der Rolltreppe Henrik Vibskov treffen und wieder merken, wie egal es ist, wenn einer gut ist, ob er nun Mode, Design oder Kunst macht. Oder eben alles auf einmal, wie der schlaksige Kopenhagener. Die Entspanntheit und Unabhängigkeit, mit der Vibskov dreinschaut und über Schlagzeugtechniken und Stockholm redet, wirkt wie ein Powernap. Vor seinen gerahmten Wandteppichen aus bunten Stoffe am Stand der Kölner Galerie Ruttkowski68 bleiben viele Besucher stehen. Weil wohl klar ist, dass sie nicht von hier sind.  

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Fabrice Stroun 
ruft beim Spike-Talk mit Alexi Kukuljevic das Loch in Erinnerung, das in alten Comics regelmäßig ein Comic-Held auf die Wand malt, um in ihm zu verschwinden. Und Stroun erinnert an die Hoffnung, dass, wenn man eine Show macht, man am Ende nicht über Kunst spricht, sondern über die Welt.

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NADA Collaborations
Der von Art Cologne und NADA kuratierte Bereich im obersten Geschoß macht Laune. Tobias Naehring und Aurel Scheibler präsentieren Sophie Reinhold und Tom Chamberlain. Die Berlin Connection KOW und Kraupa-Tuskany Zeidler, die zum zweiten Mal gemeinsame Sache machen, wirkt wie ein Jahrmarkt der Zukunft. DREI aus Köln sowie Proyectos Monclova aus Mexiko City arbeiten angeregt durch die Künstlerin Anna Virnich zusammen, die bei beiden jungen Galerien im Programm ist.

 

Der Stand von Max Mayer 
Es ist eindrucksvoll, wie der Junggalerist ein intellektuell-ambitioniertes, rheinisches Programm durchzieht. Und das bei einem Vater, der nicht weniger als die Finissage erfunden hat. Auf der dann The Who spielten. Mayer zeigt Jan Paul Evers und Sarah Kürten, ergänzt durch eine Skulptur des New Yorkers Nicolás Guagnini.  

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Kasper König 
bringt Bier auf die Bühne des Festhaus Gürzenich, wo die Band Kreidler spielt. Er geht danach wieder tanzen. Hemd aus der Hose, Hosenträgerfarbe Schwarz. 

 

Fernand Léger, „Malerei im Raum“, Ludwig Museum 
Ausgangspunkt ist das riesige Wandgemälde „Les Plongeurs“ von 1942. Peter und Irene Ludwig hatten es 1984 auf der Art Cologne entdeckt. In einem runden Raum im Raum nun ganz neu präsentiert, brüllt es einen herrlich an: Utopie! Doch auch in Zeiten der großen Kunstzusammenführungen gelang nicht alles, ein paar kleine Geschichte davon erzählt die Ausstellung im Schatten großer Wandgemälde: etwa die von Léger, dem Syn­th­etiker der Kün­ste, der auch Filme dre­hte, Kostüme und Büh­nen­bilder entwarf und Le Corbusier, dem Architekten. Sie lernten sich 1920 in Paris kennen. Le Corbusier hatte die revolutionäre Idee gehabt, Wände von Innenräumen einfach weiß zu streichen, und sie von den Tapeten und Vorhängen zu befreien. Fünf Jahre später gestaltete Le Corbusier dann den wegweisenden Pavillon de l’Esprit Nouveau. An die Wand hängte er neben sein eigenes ein Gemälde von Léger. Mehr Zusammenarbeit wollte der Modernist aber nicht. Le Corbusier bestimmte die Farbgestaltung der Wände in seinen Gebäuden seitdem selbst und realisierte – sehr zur Trauer von Léger – seine eigenen Wandgemälde.

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Die MD Bar 
von David Ostrowski und Michail Pirgelis. Allein schon von außen: Das Gold! Drinnen ist es rappelvoll, bis auf ein kleines Separee neben der Bar, dort ist niemand. Außer einer Malerei an der Wand. Kölsch wird in der nach Michael Douglas benannten Bar immer noch nicht ausgeschenkt. 

 

Palmyra
Angesichts der Zerstörung der syrischen Ruinenstadt durch den IS stellt das Wallraf-Richartz-Museum die Frage „Palmyra – Was bleibt?”. Es ist eine kleine und wichtige Ausstellung aus vierzig feingliedrigen, seltsam zeitgenössisch wirkenden Zeichnungen, die der französische Künstler, Archäologe und Architekt Louis-François Cassas 1785 vor Ort machte. Traurig läuft man durch den Raum, der eingefasst ist von viel größeren Räumen europäischer Renaissance-Malerei, die noch unberührter wirkt als sonst. Die IS-Sprengmeister zerstörten einen Ort, der ohnehin halb in Trümmern lag, der an sich schon verletzt war. Hier in den Zeichnungen wirkt er noch präzise, geschlossen und ansichtig. 

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Fast alle Zeichnungen sind von rosa Farbflächen bevölkert, deren Sinn wir nicht deuten können, die aber an den gleichfarbigen Teppich von Andro Wekua erinnern, den der Künstler so großzügig im Kölnischen Kunstverein ausgelegt hat, auf dem er seinen gespenstischen Mädchenroboter präsentiert, von dem wir auch schon nicht wissen, was er bzw. seine Farbe wohl sagen soll. 

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Kolumba
Zur Betriebsamkeit und Präsentationsform der Art Cologne gibt es keinen schöneren Spiegelraum als das Kunstmuseum Kolumba des Erzbistums Köln. Wenn alle – auch Architekturen – dieser Tage die Transparenz feiern, verschließt sich dieses Haus von Peter Zumthor der Welt. Es ist ein Gebäude, dessen Fundament nicht einfach Erde ist, sondern Mauerreste einer gotischen Kirche und 2000 Jahre Stadtgeschichte. Und es stößt einen vor Schönheit wirklich um. Kruzifixe und Holzmadonnen stehen in loser Nachbarschaft zu zeitgenössischen Arbeiten, aktuell etwa von Keith Haring, Richard Serra, der walisischen Künstlerin Bethan Huws oder einer Videoinstallation von Marcel Odenbach zum Genozid in Ruanda, deren assoziative Bilder fast so rhythmisch und auratisch komponiert sind, wie man sich durch dieses Gebäude bewegt. 

Die Übergänge und wechselnden Proportionen von den großen Sälen in die kleinen Kabinette ergeben Blickachsen nach draußen, die eine Stadt erschließt, die plötzlich gut aussieht. Das Treppenhaus karg, ohne jede Dekoration, die Wand ohne Oberflächenstruktur, blanke Stufen und der elegante Handlauf schaffen Konzentration – jegliche Ablenkung verschwindet. Auf Erläuterung zu einzelnen Exponaten wird verzichtet. Aufschluss gibt statt dessen ein kleines rotes Handbuch, auf dem ein einziges Wort steht: Kolumba. Soll das nicht alle Religion können? Andacht, Genauigkeit, Sinnlichkeit, Kontemplation, Stille, weltabgewandt und gleichzeitig in aller Welt zu sein. Verlässt man das Museum, berührt man dazu die dünne Strebe der großen Haustür, es sagt die seltsame Verschraubung zur Hand zum letzten Mal: Bewusstsein. Sei vorsichtig, sei wach, gib’ Acht, sei ein Mensch. 

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God @KölnerDom:  

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Halle 11.1 
Der weitläufige Beweis, dass es die BRD doch noch immer gibt. Die untere Halle der Art Cologne ist wohl, was Kenny Schachter zuletzt mit „a factor that's the greatest draw for me, is the distinctly German flair to the fair fare.“ meinte. Wie sich hier ein r(h)eindeutsches Publikum durch die Gänge schiebt und mit ganz schönen Unschuldsaugen und viel Geld in der Tasche auf das Kunsthandwerk schaut, das muss man gesehen haben. Eine Gegenwart wie gelebte Erinnerung an die in diesem Jahr zum 50. Mal stattgefundene, erste aller Kunstmessen.