Artist's Favourites von Matias Faldbakken

 Lars Hertervig Coastal Landscape with mountains and boats , 1856 Wasserfarbe auf Papier Foto: Dag Myrestrand / Bitmap
 Screenshot von 4chan
 Cover Bild von Hard Er Mitt Lands Lov,  2011
 Still aus Agnes Martin Interview , 1997
   Portrait of Sir Thomas Elyot , 1532–34 Kreide, Bleistift und Pinsel auf rosa grundiertem Papier

Der 1973 geborene Matias Faldbakken wurde als Schriftsteller mit seinem Roman »The Cocka Hola Company« (2001) bekannt, der erste Band der Trilogie »Skandinavische Misanthropie«. Der offenen Gesellschaftskritik seiner Bücher steht die bewusste Hermetik seiner künstlerischen Arbeiten gegenüber, in denen er gefundene Materialien zu »negativistische Gesten« in Form von Skulpturen und Malereien umarbeitet. Oft sind es Fliesen, Beton, Zugbänder, Spinde, oder Pappe, wie in einer jüngeren Serie zusammengefalteter und gerahmter Schachteln. Die »ästhetischen Produkte« in seinen Ausstellungen sind, wie Faldbakken sagt, »Nebenerscheinungen einer künstlerischen Strategie, die vorhandene Möglichkeiten der Distanzierung nutzt«. Hier wählt er fünf Künstler und Autoren aus, deren Arbeit er schätzt.

LARS HERTERVIG

Arbeiten auf Papier, spätes 19. Jahrhundert

Als vielversprechender Student in Düsseldorf von psychischer Krankheit geplagt, kehrte dieser norwegische Künstler 1865 in seine Heimat-Region Stavanger zurück und verbrachte den Rest seines Lebens in Armut. Weil er sich keine Ölfarbe mehr leisten konnte, malte Hertervig in Aquarell und Gouache auf Einwickel- und Zigarettenpapier oder auf mit Roggenmehl zusammengeklebten Stoffstücken. Religiöse Halluzinationen, surreale Visionen, Quäker-Schweigen (er hat einen Quäker- Hintergrund) und eine besondere Sensitivität für Licht fließen in seine idiosynkratischen, romantischen Landschaften, die mit erstarrter Turneresquen Raffinesse ausgeführt sind.

*1830 auf Borgøy, †1902 in Stavanger

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ANONYMOUS

»By Far the Worst Thing…«, n. d.

Ab und an wird auf dem bekannten Online Imageboard 4chan eine bestimmte Schreibgattung gepostet. Die Texte beginnen meist mit etwas »Biografischem«, um dann zu einer Anspielung auf etwas ganz anderes zu schwenken, oft auf einen Song. Manchmal postet »Anon« ein Juwel wie dieses:

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TORE KVÆVEN

»Hard Er Mitt Lands Lov« (Streng ist das Gesetz meines Landes), 2011

Tore Kvæven ist Lehrer und lebt in Sirdal im Süden Norwegens. Er hat ein Epos über einen Wikingerraub zug den Kongo hinauf rund um das Jahr 1000 geschrieben. Der Grönländer Ulfr übernimmt das norwegische Schiff Havjerven und führt eine große Schar Skandinavier in die Tiefen des unbekannten Afrika. Was als Jagd nach Gold und Ruhm beginnt, stellt sich bald als gut geplante Suche nach Vergeltung heraus. Ein wirklich fesselnder Roman, der teils historische Erzählung ist, teils Thriller, teils Fantasy-Roman, teils »Herz-der-Finsternis«-trifft-nordischen-feuchten-Traum. Er ist in einem reichen, fast archaischen Norwegisch geschrieben, mit einer überw.ltigenden Aufmerksamkeit für das Detail.

*1969, lebt in Sirdal

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AGNES MARTIN

Interview, 1997

Im Interview mit Chuck Smith und Sono Kuwayama aus dem Jahr 1997 spricht die 85-jährige amerikanische Malerin über die Wichtigkeit einen entleerten Geist zu haben (online zu sehen). Sie sagt, es sei wichtig, keine Ideen zu haben, und dass sie ohne Zweck male; dass man nicht an die anderen denken kann, wenn man malt. Und dass sie mit dem Rücken zur Welt malt; ihr nichts durch den Kopf geht. »Die besten Dinge im Leben passieren dir, wenn du allein bist.« All das wird interpunktiert von ihrem Kaugummi kauen und schmatzen – manchmal klingt es fast als würde sie südafrikanische khoisanische Klicklaute von sich geben.

*1912 in Kanada, †2004 in New Mexico

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HANS HOLBEIN THE YOUNGER

Porträtzeichnungen, ca. 1520s–1543

Als Jugendlicher (ich denke es war 1993) sah ich eine Ausstellung von Porträtzeichnungen Hans Holbeins des Jüngeren in der Londoner Nationalgalerie. Seit damals gehören sie für mich zu den besten Porträts, dich ich kenne. Vergangenen Winter sah ich sie alle wieder in den Archiven von Windsor Castle (dank Katharine Burton, die mir den Zutritt ermöglichte). In natura sind die Zeichnungen ein unergründliches Gemisch aus hypersensitiver Porträtkunst und maschinenähnlichen Renderings. Fragen nach Autorschaft häufen sich unter dem (seinem?) Medienmix: Wer war verantwortlich für die Kohle, den Bleistift, die Tusche, den Kupferstich, die letzte Schicht der Malerei? Bis zu welchem Grad haben die Konturen eine Doppelfunktion? Sie könnten für beides gemacht sein: um die Gesichtszüge des Modells einzufangen oder das Motiv auf die Leinwand zu übertragen. Dass die höchste Porträtkunst in diesen Zeichnungen untrennbar von rein technischen Lösungen ist, verleiht ihnen eine Ungelöstheit, die sie aktuell hält. (Dazu kommt noch, dass Holbein etwa Thomas More und Thomas Cromwell, die treibende Kraft hinter Mores Hinrichtung, mit der gleichen Sensibilität und Distanz zeichnete – und das bleibt ein Rätsel.)

*1498 in Augsburg, †1543 in London

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Aus dem Englischen von Roland Bartl

 

Matias Faldbakken​ lebt in Oslo