Bernadette Corporation »2000 Wasted Years«

Review
 Installationansicht »Bernadette Corporation: 2000 Wasted Years« Artists Space, New York, 2012.  Foto: Daniel Pérez
 Bernadette Corporation, Ein Projekt für Purple Fashion No. 2, mit Mode aus der BC Kollektion Frühjahr / Sommer 97  Foto: John Minh Nguyen
 Installationsansicht »Bernadette Corporation: 2000 Wasted Years«, Artists Space, New York  Foto: Daniel Pérez

Die ausufernde, auf mehrteiligen Tafeln präsentierte Chronologie der Bernadette Corporation beginnt mit dem Jahr 1993, als Initiative einer gewissen »Bernadette« und ein paar Mitstreitern der lokalen Clubkultur.

Auf den vielen übergroßen Tafeln breitet sich in entnervenden und schwer nachvollziehbaren Details eine Geschichte der Aktivitäten der Künstlergruppe aus. Namen, Orte, und verschiedene Referenzpunkte – Arbeiten des Kollektivs, der Kontext, in dem sie auftauchten – erzeugen eine oftmals hermetische Geschichte. Trotz ihres Umfangs und ihrer Tiefe ist diese Chronologie nicht unbedingt der benutzerfreundlichste Einstieg für die Arbeiten, die innerhalb einer schwarzen, pseudominimalen Ausstellungsarchitektur gezeigt werden.

Aber die gezeigten Objekte – Mode, eher Streetwear als High Fashion, mit dem Label »BC« (das Firmenlogo), Drehbücher, mit Gedichten bedruckte Kaffeetassen, Hochglanzfotos eines sexy Models, Seidenschals und andere Produkte – sind genauso eigenartig wie die Ausstellungsarchitektur und profitieren vom ätherisch dünnen Referenzrahmen, der sich von BCs Übernahme institutioneller Konventionen wie historischer Kontextualisierung und entsprechendem Ausstellungsdesign ableitet. Diese Arbeiten funktionieren besser und können besser verstanden werden im Verhältnis zur allgegenwärtigen Intransparenz der Unternehmen und den Massenmärkten für Konsumwaren. Das ist die heutige Welt, nirgends präsenter als in der Gegend um den New Yorker Artists Space, die Bernadette Corporation in den letzten zwanzig Jahren genau untersucht hat – vom Straßenverkauf zweitklassiger Kinodrehbücher auf der Canal Street bis zu den edlen Shops der Straßen von Soho. Die Gruppe verkörperte (und verfremdete gleichzeitig satirisch) auf eine beispiellose Weise diesen Ort und die Veränderungen, denen er unterworfen war.

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Jede der in objets d’art verwandelten handelsüblichen Waren trägt die essenzielle Spannung des Readymade in sich – von den appropriierten Formaten massenproduzierter Waren bis zum Display, hier verschiedene Varianten eines Bechers, eines Schals oder eines Headshots. Alle diese Objekte sind wertvolle Einzelstücke, aber sie werden in Vitrinen präsentiert, wie man sie aus Schmuckläden kennt, als ob identische Versionen in Filialen auf der ganzen Welt zu finden wären. Und doch lenken ihre Arbeiten die Aufmerksamkeit nicht nur (oder nicht einmal primär) auf die Kunstseite der Gleichung, vielmehr üben sie Druck auf kulturelle Normen aus: sie stellen die Unantastbarkeit von Luxuswaren und Konsum, Eitelkeit und Ruhm (wie in der laufenden Zusammenarbeit mit Chloë Sevigny) und die stillschweigend akzeptierte Suspendierung der Unternehmensverantwortung in Frage. Denn wer, wenn nicht wir, duldete schließlich die jüngsten Entwicklungen in der Warenproduktion, -konsumation und -zirkulation?

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Was in der Ausstellung allerdings auffällig fehlt, ist eine überzeugende Behandlung von Bernadette Corporations ausgedehntem Textoutput. Obwohl auf einem Klapptisch ein Stapel ihres Drehbuchs »Eine Pino Grigio, Bitte« liegt, und die Besucher durch die E-book Version der drei Ausgaben ihrer Zeitschrift »Made in USA« auf iPads blättern können, ist die Reduktion dieser Arbeiten auf etwas Objekthaftes oder einen Bildschirm falsch. Einer der bemerkenswertesten Aspekte der Arbeiten von Bernadette Corporation – von dem kollektiv verfassten Roman »Reena Spaulings« bis zu der handgearbeiteten, auf Schaufensterpuppen präsentierten Kleidung – ist, dass ihr Gehalt nicht nur an der Oberfläche liegt: Zeit, Mühe und ein Wollen (sei es individuell oder als Gruppe) floss in Konzeption und Entwicklung des Inhalts. Gleichgültig, ob man den Roman gerne liest, oder er eine fesselnde Lebensgeschichte erzählt, er ist voller Leben. Und das hat etwas.

 

Aus dem Amerikanischen von Christian Kobald

Bernadette Corporation »2000 Wasted Years«
Artists Space, New York 9.9.–16.12.2012