Books: Timeline Terror

 Karl Owe Knausgaard von  André Løyning

Geht man von der Annahme aus, dass man bekommt, was man verdient, dann gilt es die Romane des Norwegers Karl Ove Knausgård zu lesen. Sie sind lang und sehr langweilig und der genaue Ausdruck unserer Zeit. Timo Feldhaus über den Neuesten Band „Träumen“

Auf 3.600 Seiten und in einer an Detailfülle kaum vergleichbaren Gedankenflut schreibt ein Autor über sein Leben, das kein besonderes ist. In einer Sprache, die keine besondere ist. Und in einem Stil, den schlicht zu nennen, ein großes Kompliment wäre. Die Romane des 1968 geborenen Karl Ove Knausgård sind ziemlich schlecht, sehr erfolgreich, und eine literarische Revolution.

Soeben erschien der fünfte Band auf Deutsch, „Träumen“. Darin durchlebt Karl Ove sein Erwachsenwerden in der Stadt Bergen, in die der Junge vom Land zieht und die er am Ende des Buches nach zehn Jahren verlässt, wo er versucht, Schriftsteller zu werden, dann studiert. Kurze Glücksgefühle geben sich die Hand mit langen Zeiten tiefster Selbstverachtung. Karl Ove raucht eine, weint, lacht wenig, hört Musik, ritzt sich im Gesicht mit Glasscherben und trinkt ein Bier. Man liest und fasst es nicht: Warum nur verschwende ich damit meine Zeit?

Es gibt Rezensenten, die „Min Kamp“ [Mein Kampf], so der Originaltitel des Zyklus, mit Proust vergleichen, und sie irren. Marcel Proust hat über Erinnerung geschrieben, Knausgård erinnert sich nur. Der Schriftsteller ist nicht auf der Suche nach der verlorenen Zeit, er findet sie permanent. Ein deutsches Magazin fragte Knausgård: „Sie erzählen peinliche und intime Dinge über sich und die Menschen, die Ihnen nahestehen. Warum tun Sie das?“ Er antwortete: „Mein großes Lebensthema ist: Ich möchte gemocht werden. Ich möchte gefallen. Dafür tue ich alles.“

Ist dieser Knausgaard denn ein Clickbait-Schriftsteller, der dem Like hinterher schreibt?

Soziale Netzwerke leben von dem Bedürfnis, die kleinen Ereignisse des eigenen Daseins zu teilen. Und das Leben der anderen zu verfolgen. Die Sucht wird gleichsam befeuert von Narzissmus und Voyeurismus. Die Knausgård-Serie ist Überwachungsliteratur, ein ewiger, in Romanform gegossener Facebook-Thread: ausschließliche Aneinanderreihung von Alltagsbeschreibungen, das „wo gehe ich hin, was mag ich, was habe ich gegessen, wie fühle ich mich“. Kaum ambitioniert, nicht künstlerisch überformt, einfach so hingeschrieben. Vermeintlichen Lebensgroßereignissen wie Geburt, Tod oder Trennung lässt er dabei oft wenig Platz, schwelgt aber 150 Seiten lang über einen Kindergeburtstag oder Cornflakesflocken. Man ist sehr schnell dabei, diese Bücher als Verlängerung von Phänomenen wie Reality Shows zu lesen, von einem, der komischerweise freiwillig seine Ängste, Sehnsüchte und Wut mit uns teilt. Womöglich interessanter ist aber, dass die Texte auf nichts hinauslaufen. Sie sind keine Bildungsromane, keine Erlösungsgeschichten, nichts Virtuoses hängt diesem grundbanalen Erzählen an. Womöglich handelt es sich um Popliteratur. Dafür spricht vieles:

„Es war August 1988, ich war ein Mensch der achtziger Jahre, Zeitgenosse von Duran Duran und The Cure, nicht von der Geigen- und Akkordeonmusik, die Großvater damals hörte, wenn er mit einem Kameraden in der Dämmerung den Hang herauf schlenderte, um Großmutter und ihrer Schwester den Hof zu machen.“

Knausgård schreibt wie die Popautoren im Ich-Tunnel, benutzt die bekannten Archivierungstechniken, die eine Kennzeichnung seiner Adoleszenz ermöglicht – die Aufzählungen von Alkohol, eine Party im Haus von Björk, das Fan-Sein, Anziehsachen, Pornos, Wolfenstein, der Beginn des Internets, das Geplapper junger Leute. Der Popliteratur allerdings, die stets am authentischen Grundereignis und dem genuinen Sound und Style ihrer Zeit klebte, ging es vor allem darum, das flüchtige Jetzt genau jetzt (im Vollzug, als Erlebnis, und nicht aus der Erinnerung) aufzuschreiben. Während diese Fundamentalidee seit einiger Zeit allerdings vollkommen im Akzelerationismus aufgegangen und durch die Totalbeschleunigung des Jetzt auch genau dort vernichtet wurde, setzt Knausgård, der Supererinnerer, das Modell der Entschleunigung dagegen.

Der Norweger ist außerdem: nicht cool. Und: überhaupt nicht lustig. Er ist ehrlich, arbeitet ohne Effekthascherei, und produziert das Gegenteil von Ironie.

Die Romane sind Opium in einer Welt des Transparenzstresses, in der man in alle Geheimnisse eingeweiht zu sein scheint, durch Leaks, Live-Status-Updates und ständig laufende Kameras. Knausgård agiert im selben System der totalen Offenlegung, bedient aber gleichzeitig die große Sehnsucht nach Zusammenhang. Das Nichts eines einsamen kleinen Lebens, in die Länge gezogen wie ein geschmacklos gewordener Kaugummi.

Mir war klar: Hier geht es gegen das Spektakuläre und gegen die Spekulation. Ich begann zu lesen und wusste, das Buch ist deswegen so interessant, weil es nicht um die Story geht, sondern um das Konzept. Der Norweger macht das Medium Buch zum Ereignis, indem er die Ereignisse einfach aus dem Inhalt streicht. Die Wahrheit aber ist, ich habe dieses Buch verschlungen, 800 Seiten in vier Tagen, ich war nach kürzester Zeit genauso süchtig wie die anderen, ich war in Trance. Ich habe mich zu wehren versucht. Die Sätze waren schlecht, die Geschichte war schlecht, das Lesen aber, das war gut. Es war samtig und ruhig. Ich hatte das irre Gefühl, dass dieser Mann meine Geschichte erzählt.

Timo Feldhaus ist Autor und Spike-Redakteur. Er lebt in Berlin.