Bücher: Alle Pferde des Königs

Gut geklaut
 Guy Debord, Michèle Bernstein & Asger Jorn, 1961

Eine Gruppe von Künstlern, Dichtern und Filmemachern gründete 1957 in Paris die Situationistische Internationale. Michèle Bernstein war eine der wenigen Frauen unter ihnen. 1960, als sie mit deren führendem Theoretiker Guy Debord verheiratet war, schrieb sie den Roman „Alle Pferde des Königs“, um die Kriegskassen der jungen Organisation zu füllen. Die sentimentale Romanze über die Affären der Intellektuellen in Paris persiflierte Françoise Sagans „Bonjour Tristesse“ und wurde zum Erfolg. Christian Egger über das vor kurzem ins Deutsche übersetzte Buch.

55 Jahre nach der französischen Erstveröffentlichung ist Michèle Bernsteins Romandebüt ins Deutsche übersetzt worden. Dass es so lange dauerte, mag auch daran liegen, dass das schmale schriftstellerische Werk der ersten Ehefrau von Guy Debord innerhalb der Situationismus-Forschung wenig Beachtung fand und in Frankreich lange nicht neu aufgelegt wurde. „Alle Pferde des Königs” sollte laut Überlieferung nur ein Witz sein, eine Kopie von Françoise Sagans Bestseller „Bonjour Tristesse” (1954) und Choderlos de Laclos’ „Les Liaisons dangereuses” (1782). Bernsteins wenig idealistische Intention war einzig die, Geld in die leeren Kassen der damals noch jungen Situationistischen Internationale zu bringen. Das ist dem SI-Gründungsmitglied durchaus geglückt. Das Buch wurde ein Erfolg und fand großes mediales Interesse.

Was bedeutet das für die Lektüre des knapp hundertseitigen Büchleins heute? Kann es denn überhaupt mehr sein als ein betont offenkundiger Raubritt durch die seichte französische Liebesliteratur, allzu leicht zu dechiffrierender Praxistest anderswo ernsthafter formulierter Theorien und Ideen wie etwa in Guy Debords und Gil J. Wolmans „Gebrauchsanweisung für die Zweckentfremdung“ (1956)? Und noch dazu ausgerechnet in jener literarischen Gattung – dem psychologischen Roman –, die Bernstein selbst ohnehin als tot und keiner Wiederbelebung wert erachtete? 

Die Vorstellung eines detailgetreuen Preisgebens erlebter Erfahrungen einer Autorin aus dem zentralen Kreis der SI ist ohnehin mehr als zweifelhaft, dennoch ist es bei der Lektüre von „Alle Pferde des Königs” höchst verlockend, die Hauptfiguren des Romans Geneviève, Gilles und Bernard ständig als die realen Vorlagen Michèle Bernstein, Guy Debord und Asger Jorn zu lesen. Dieses mäandernde Double-Bind, das In-Stellung-Bringen des gesichert geglaubten Spezial-Wissens über das Personal des Romans, verhilft der einfachen Erzählung zu langlebigerer Auseinandersetzung. Sätze wie „Er ist ein denkendes Chamäleon ... er denkt die Dinge hinter den Dingen“, „Gilles versteht es Paris neu zu erfinden“, „Es stimmt, dass Gilles Beziehungen gerne aus unsinnigen Gründen beendet“, „Wenn man sieht, wie Gilles und ich uns treffen, ist es unmöglich zu unterscheiden, ob es sich um eine Verabredung oder um Zufall handelt“, etc. kommen den eigenen Projektionen der Figur Debord in einer klischeehaften Präzision so nahe, dass man sie geradezu wieder anzweifeln muss. Vor allem wenn man bedenkt, in welch hohem Grad die Situationisten ihre Geschichte und Rezeption mit entwarfen. Der so Charakterisierte kann paradoxerweise seinen fiktional betonierten Beschreibungen erst dann wieder entfliehen, wenn er etwa feststellt: „Genau das sind wir, Romanfiguren, habt ihr das nicht bemerkt? Ihr und ich, wir sprechen übrigens alle in knappen, trockenen Sätzen. Wir haben sogar etwas Unfertiges. Genau so sind Romane. Es wird nicht auf alles eingegangen. Es gibt Spielregeln. Folglich ist unser Leben genauso vorhersehbar wie in den Romanen.” Das sind die Stellen, die im ständigen Verweis auf die Konstruktionsebenen hinter den Rollen den Roman – abgesehen von seiner sich launig in Richtung finalem Happy End entfaltenden Geschichte und der offenen Ménage-à-trois – für heutig Leser so frisch halten. Diesem Roman, der ohne sonderliche literarische Ambition zu Stande gekommen ist, folgte aufgrund seines Erfolges ein zweiter, der die gleiche Geschichte nochmal, nur verknappter, konstruierte – „Die Nacht” (1961). Als dann der Markt und der Verlag ein Nachfolgewerk verlangten, verwies die faule Erfolgsautorin in Ermangelung eigenen literarischen Nachschubs auf ein soeben fertiggestelltes Theoriewerk ihres Mannes Debord namens „Die Gesellschaft des Spektakels” (1967).

Nicht nur dieser Coup lässt auf einen größeren als bislang angenommen Einfluss einer der wenigen Frauen der SI schließen, die nach dem Ende der Ehe mit ihrer Jugendliebe Debord mit Ralph Rumney einen weiteren Situationisten heiratete. Nach Jahren in der Werbung und als Literaturkritikerin für die französische Tageszeitung Libération erfährt Bernstein nun als Autorin eine Renaissance mit ihrem überschaubaren, aber nichtsdestotrotz komplexen Frühwerk.
 

Christian Egger ist Autor und Kurator am KM – Künstlerhaus. Halle für Kunst & Medien in Graz.

 

"Alle Pferde des Königs", ​Nautilus, Hamburg 2015
Aus dem Französischen von Dino Beck und Anatol Vitouch. Mit einem Nachwort von Roberto Ohrt

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