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Die Familie ist krank – Chiara Bottici & Jamieson Webster über Freuds Fall Dora und die Kardashians

Die Familie ist krank. Aber obwohl das immer wieder gesagt wird, gibt es sie noch, ungebrochen, immer noch krank, immer noch stark. In den sechziger und siebziger Jahren wollte man die sexuelle Revolution und Kommunen. Bis man auch sie als kranke Familie erkannte. Und in den Achtzigern und Neunzigern kehrte die alte Familie dann mit neuer Kraft zurück. Doch die Hoffnung, dass sie sich verändert hätte, ist heute endgültig erloschen – denn Tatsache ist, dass die Familie im 21. Jahrhundert keine verborgene Krankheit ist, die man überwinden oder neu verstehen kann, sondern eine leibhaftig gewordene Krankheit, die die Familie ironischerweise noch mehr stärkt. Man muss nur Amerikas First Family anschauen, nicht die Obamas oder Clintons oder – Gott stehe uns bei – die Trumps, sondern die Kardashians.

Kommen wir zuerst zu einer anderen berühmten Familie; die erste von Freud psychoanalytisch beschriebene Familie (in „Bruchstücke einer Hysterie-Analyse“ (1905)), deren Seifenoper auf faszinierende Weise Kris und Kim und Khloe und Kourtney und Kendall und Kylie vorausging. Freud analysiert das Drama einer europäischen bürgerlichen Familie: Die 16-jährige Dora ist krank und pseudo-suizidgefährdet, der Vater hat Geschlechtskrankheiten und eine Affäre mit einer kranken Frau K., die ihn pflegt um die Affäre zu verheimlichen, während ihr Ehemann, Herr K., das Mädchen wie auch die Dienstmädchen und Gouvernanten sexuell belästigt, während der Mutter, die von Beginn an aus dem Spiel ausgeschlossen wurde, eine „Hausfrauen-Psychose“ diagnostiziert wurde. Freud zeigt auf, dass sich alles darum dreht, den Vater, den Mann mit dem Geld durch einen inzestuösen Kreislauf von Krankheit und Geld als Familienoberhaupt zu stützen.

Für Freud ist die Krankheit nicht etwas Physisches oder „Reales“, sondern etwas Neurotisches. Aber was ist die neurotische Familie? Er beginnt mit Dora. Sie sei hysterisch, weil sie sich dem Vergnügen verweigert, von einem Mann, so alt wie Freud selbst, sexuell belästigt zu werden. Doch wenn wir diesen typischen Schwachsinn Freuds einmal beiseite lassen, ist interessant, dass die Neurosen alle rund um die Organisation des Haushalts kreisen. Die Hausfrauenpsychose der Mutter dreht sich ums Putzen, was laut Freud jede Freude am eigenen Zuhause unmöglich macht. Es gibt endlose Diskussionen darüber, wer wo schläft, wer mit wem schlafen kann, wo die Schlafzimmer sind, wo das Dienstmädchen schläft, wer mit wem alleine in einem Zimmer sein kann, wer aufs Land fährt, wenn der andere in der Stadt ist, wer in die Stadt fährt, während der andere auf dem Land ist.

In der Familie dreht sich alles ums Haus: Erst innerhalb von Architektur, einer spezifischen Organisation von Raum, kann das Begehren fließen. Wer an die Schlüssel rankommt, mit denen die Zimmer geöffnet und verschlossen werden, hat das Sagen. Aber die Türen öffnen sich nur, um ein Begehren zuzulassen, das bereits bekannten Handlungssträngen folgt. Der einzige Weg hinaus scheint die Hysterie zu sein. Körperliche Symptome machen es möglich, wie Dora dem engen Familienverband zu entkommen oder ihn herauszufordern, und entweder im Krankenhaus zu landen oder, mit etwas mehr Glück, im Spa. Hat sich die Familie seit 1905 zumindest etwas gebessert? Ist Hysterie immer noch ein Ort des Widerstands? Gibt es einen Ort der Hoffnung jenseits des Spas?

Treten wir in das häusliche Imperium der Kardashians in Calabasas ein (ein Nobelbezirk von Los Angeles County). Hier wird nicht der Vater gestützt, sondern die „Momager“, die Mutter-Manager. Auch sie ist ein Oberhaupt, um das sich alles dreht, so sehr, dass man den Eindruck hat, die einzige Möglichkeit sich in dieser Familie durchzusetzen ist, eine Frau zu sein, als Frau Geld zu verdienen, für die Frauen, mit den Frauen – mithilfe ihrer Sexualität und ihrer Körper.

Das Reich der Kardashianfrauen ist eine Welt der kuratierten Selfies, Sex Tapes und Skandale – gefiltert durch die Serie „Keeping up with the Kardashians“ – die vorführt, dass niemand mithalten kann, weder monetär noch in der ganztägigen Beschäftigung des Kultivierens dieser Körper. Der Spa bietet nun keinen Ausweg mehr aus dem Familienhaus: Er ist das Haus, er ist die Familie.

Die Männer steigen dabei nicht besonders gut aus. Kris Jenners verstorbener Ehemann, Robert Kardashian, war der berühmte Anwalt von OJ Simpson, der Inbegriff des Schwarzen auf der Flucht. Jedenfalls ist er tot. Ihr zweiter Ehemann, der Olympia-Zehnkämpfer Bruce Jenner, ließ sich in einem der größten Medienspektakel unserer Zeit von Kris scheiden, wurde durch eine Geschlechtsumwandlung zu Caitlyn Jenner und bekam ihre eigene Serie „I Am Cait“. Bis dahin war sie eher Gespött, jemand der nicht mithalten konnte, besonders nicht als Vater von so vielen Frauen.

Die anderen Männer fallen wie die Fliegen, meistens in die Entzugsklinik oder in Ungnade, werden gedemütigt und sind natürlich finanziell abhängig.

Der Bruder, der einzige Bruder, Rob, wurde im Hinterzimmer des Hauses seiner Schwester Khloe versteckt gehalten, fett und depressiv, bis er die 26-jährige Kindesmutter des Rappers Tyga – Blac Chyna – schwängerte, der mittlerweile mit der jüngsten Jenner-Tochter und Robs Halbschwester, Kylie, zusammen ist. Kylie lernte Tyga mit 14 auf der Party zum 16. Geburtstag ihrer Schwester kennen, wo er auftrat. Alles deutet darauf hin, dass sie einander daten seit Kylie 17 ist. Ihre Nichte, Dream Kardashian, deren Geburt diesen November für eine Episode von „Rob und Chyna“ gefilmt wurde, wird als Halbschwester von ihrem zukünftigen Stiefkind aufwachsen. Verwirrt?

Und dann ist da Kanye, der beliebte Kanye, der vor kurzem aus der Psychiatrie entlassen wurde, nach einem Notruf wegen „auffälligen Verhaltens“, und nachdem er den letzten Teil seiner „Life-of-Pablo“-Tour abgesagt hatte. Ein Rapper, der sich mit dem geschundenen schwarzen Frauenkörper identifiziert (hören Sie, was er in „Blood on the Leaves“ mit Billy Holidays heiligem Song über Lynchmord, „Strange Fruit“, macht), hat in eine Familie geheiratet, wo es genau um das Gegenteil geht: den starken Frauenkörper und seine permanente Instandhaltung. Armes Ding. Seine Frau Kim, immer an seiner Seite, übernahm nach seinem angeblichen 52-Millionen-Dollar-Verlust die Geschäfte. Die Kardashian-Familie ist derzeit angeblich über 300 Millionen Dollar schwer; auch wenn man es nicht genau weiß, denn seit dem Launch der Serie 2007 wurden immer mehr Tochtergesellschaften gegründet. Die ganze Welt schaut auf diese Familie, die das Familienunternehmen neu erfand. „Keeping up with the Kardashians“ zeigt, dass in der Familie offenbar alles erlaubt ist – von Inzest zu sexuellem Missbrauch von Minderjährigen, Drogensucht, Geschlechtsumwandlung und serielles Heiraten –, solange die Familie stark ist. Natürlich finanziell, aber auch in einer strikten Ökonomie sexueller Zirkulation, in deren Zentrum der weibliche Körper steht, chirurgisch verändert, endlos zurechtgemacht, unendlich zur Schau gestellt. Aus ihm wird immer Kapital geschlagen. Auch wenn es wie die Umkehrung der patriarchalen Freudschen Familiensaga erscheint, ist die Botschaft die gleiche: Die Familie ist krank, lang lebe die Familie.

Aus dem Englischen von Dominikus Müller

CHIARA BOTTICI ist Philosophin und Professorin an der New School for Social Research. JAMIESON WEBSTER ist Psychoanalytikerin und Autorin. Sie leben beide in New York.