Curator's Key

Nicolaus Schafhausen, Direktor der Kunsthalle Wien, über Gerhard Richters „Spiegel“ (1981)

© Gerhard Richter 2016 (21112016)

Ich war 16 und besuchte mit meiner Schulklasse eine Ausstellung von Gerhard Richter und Georg Baselitz in der Kunsthalle Düsseldorf. Eine Arbeit von Gerhard Richter beeindruckte mich enorm, ein „Spiegel“ von 1981. Ich war von ihrer konzeptuell- abstrakten Präzision dieser Arbeit fasziniert. Sie wirkte für mich radikal, zeitgerecht und irgendwie New New Wave zugleich. Es war eine von Richters ersten Spiegel-Arbeiten, dessen fotorealistisch-unscharfe Malereien ich seit Kindheitstagen kannte, und der neben Joseph Beuys mein Kunstverständnis mitgeprägt hatte. Mit dem „Spiegel“ schloss Richter direkt an Bewegungen der konzeptuellen Kunst an und stellte die Frage, was Malerei zu dieser Zeit noch sein konnte. Seine Antwort darauf schien zu sein, dass sie Abbild unserer Realität ist, Fenster zur Welt.

Die frühen 80er Jahre waren im damaligen Westdeutschland enorm politisiert, und zeitgenössische Kunst war für meine Altersgruppe neben Musik der Schlüssel zur Welterklärung. Schon damals dekonstruierte Richter die Idee des autonomen Kunstwerkes, da er den Betrachter in die Arbeit integrierte und gleichzeitig aussagte, dass ein Werk immer in einem spezifischen Kontext entsteht und wirkt, analog mit dem realen Leben. Die Arbeit steht für Richters theoretische und künstlerische Auseinandersetzung mit der Welt.

Genau das finde ich bis heute interessant an künstlerischen Positionen: Sie können einen Resonanzraum eröffnen, um soziale wie politische Themen zu verhandeln.

Auch die Ambivalenz der Spiegel-Arbeit war für mich spannend, denn als Betrachter ist man mit sich selbst konfrontiert, mit der eigenen Wahrnehmung, und eben nicht mit einer fertigen Ansicht. Genau wie unsere Umgebung wandelt sich das Bild kontinuierlich und stellt nicht nur die Idee einer starren Wahrheit in Frage, sondern führt uns auch die Vergänglichkeit des Moments vor Augen.

In den 80er Jahren begann auch Gerhard Richters Zusammenarbeit mit Isa Genzken, die für mich als Kurator sehr wichtig wurde. In ihren Arbeiten geht es stark um eine Auseinandersetzung mit der uns umgebenden sozialen Welt, die sich in der Architektur oder den Waren und Bildern der Konsumwelt ausdrückt. Ihre Reflektion über den öffentlichen als sozialen Raum in den globalen Metropolen haben mich immer fasziniert, genauso wie das utopische Potenzial einer anderen, möglichen Wirklichkeit, das sich in ihren Arbeiten artikuliert. Immer wieder setzt sie Spiegelfolien und reflektierende Materialien ein, die zwar den Eindruck eines akkuraten Abbilds, quasi eines distanzierten Blick von außen, erwecken, aber immer verzerrt bleiben. Diese Spiegelelemente sind auch Spiegel einer verdinglichten Subjektivität und damit Ausdruck der zeitgenössischen Verfasstheit des Sozialen. Sie repräsentieren die kühlen Oberflächen einer sich im Konsum verwirklichenden Welt ebenso wie die Ideale des Modernismus und zeigen die untrennbare Verbindung von Utopie und Dystopie.

Genzken und Richter teilten das Interesse für den öffentlichen als sozialen Raum. Ebenfalls in den 80ern arbeiteten sie gemeinsam an der Gestaltung U-Bahn-Station in Duisburg, die allerdings erst 1992 fertiggestellt wurde. Ich schätze ihre Arbeiten auch deswegen sehr, da sie Vorschläge sind, die gewohnte Umgebung anders zu betrachten, einen kritischen Blick auf unsere jeweilige Gegenwart werfen und sie zum Ausgangpunkt nehmen, um eine radikal neue Wirklichkeit zu erfinden.

 

NICOLAUS SCHAFHAUSEN ist seit 2012 Direktor der Kunsthalle Wien. Zuvor leitete er das Witte de With in Rotterdam (2006–2011), die European Kunsthalle in Köln (2005–2006), die er mitbegründete, den Frankfurter Kunstverein (1999–2005) und das Künstlerhaus Stuttgart (1995–1998). Schafhausen war zwei Mal Kommissär des Deutschen Pavillons der Venedig Biennale (2007, 2009) und kuratierte 2015 den Kosovo Pavillon.