Die Bar

Die Geschichte der Künstler-Bar in Wien

Keine Kunst ohne Alkohol. In kaum einer Stadt hat die Künstler-Bar so eine Tradition wie in Wien. Warum bauen und betreiben Künstler das Lokal im Zweifel sogar selbst? Was treibt uns immer wieder ins Zwielicht der Bar? Mit einer Einleitung von Thomas Miessgang.

„Oh, show us the way / To the next whiskey bar“, heißt es im „Alabama Song“ von Bertolt Brecht und Kurt Weill. „For if we don’t find the next whiskey bar / I tell you we must die.“ Wenn es um Bars geht, kann es gelegentlich um Leben und Tod gehen. „Keine Schönheit ohne Gefahr“ dichtete der Sänger Blixa Bargeld, der in den frühen 80er Jahren nebenberuflich manchmal hinter dem Tresen stand. Eine Bar war immer schon mehr als eine gastronomische Zone, in der man sich mehr oder weniger gepflegtem Alkoholgenuss hingibt. Sie ist auch ein Ort des Sozialen, einer zumindest temporären Gemeinschaft, wo spontan Kontakte geknüpft, Freundschaften gefestigt, Amouren initiiert und mehr oder weniger illuminierte Diskussionen geführt werden. Eine Bar lockt immer mit dem Versprechen auf Ausstieg aus der Routine des banalen Lebensvollzugs und der Hoffnung auf einen zumindest kleinen Hirnriss, der dem Leben eine andere Richtung geben könnte. Ein Nachtlokal kann im günstigsten Fall ein „Widerlager“ sein, „ein Ort außerhalb aller Orte, an dem die wirklichen Plätze innerhalb der Kultur gleichzeitig repräsentiert, bestritten und gewendet sind“ (Michel Foucault).

Diese Widerständigkeit gegenüber der Orthodoxie einer vom Wahn gereinigten gesellschaftlichen Funktionalität teilt die Bar mit Kunst. Kein Wunder also, dass ihr Ambiente, in dem Eros und Thanatos sich unentwirrbar verzwirbeln, ihre Gefühlsamplitude zwischen Mode und Verzweiflung, zwischen Sound and Fury auf Künstler einen so unwiderstehlichen Reiz ausübt: Jörg Immendorff hat schon in den 80er Jahren auf Sankt Pauli die Bar „La Paloma“ betrieben. Martin Kippenberger leitete eine Zeitlang das legendäre Lokal SO36 und wollte Avantgarde und Exzess zusammenbringen – bis ihm ein paar rabiate Punks die Nase blutig schlugen. Aber vor allem in Wien, das ja unter einer besonders langen Nachkriegs- Tristesse zu leiden hatte, kann man sich die Kunst ohne Bars nicht denken und die Bars ohne Kunst fast genau so wenig. Vor allem die Generation, die in der Postpunk- Epoche sozialisiert wurde, bevölkerte Lokale wie das Ring, Blitz, Flieger oder Rastlos und stattete sie mit Esprit und Beislanarchie aus. Viele dieser Orte waren nicht nur Plateaus der Begegnung, sondern auch Schauplätze von Ausstellungen, DJ-Abenden und Musik-Events. Für Künstler ist es deshalb von besonderem Reiz, selbst Bars zu entwerfen – manchmal streng zweckorientiert, dann wiederum traumverloren oder ins Surreale sublimiert. Lokale, in denen der existenzielle Wesenskern freigelegt wird, und deren Erscheinungsbild sich den Launen der künstlerischen Fantasie unterwirft. Legendär beispielsweise die „Bar“, die Franz West 1997 mit Heimo Zobernig entwarf: Fernseher, Verspiegelungen, Möbel mit Blumenmuster – so simpel, wie man es sich nur vorstellen kann und trotzdem über die Banalität des Allzumenschlichen hinausweisend. Es geht darum, in der Realität der Konstruktion einen virtuellen Raum zu entwerfen, der jenseits von Sprache und Denken eine Möglichkeit der Welterfahrung und -erfassung bietet, die Körper und Seele aktiviert, um in der Unübersichtlichkeit zeitgenössischer Lebensverhältnisse ontologische Trittsicherheit zu gewinnen – wenn auch vielleicht nur für ein paar Stunden après minuit.

 

THE LAST UNICORN, 2013, von Noële Ody

Du hast schon einige Bars gebaut, was genau interessiert dich daran?
Die Form und dann die Situation.

Kannst du die Arbeit bitte etwas genauer beschreiben?
Ein Objekt/eine Skulptur, aus der Eis verkauft wird. Das Eis ist wichtiger Bestandteil. Ich mache es selbst, und vielleicht ist das die eigentliche Arbeit.

Siehst du deine Bars als Skulpturen, die auch ohne die soziale Interaktion funktionieren?
Den meisten meiner Skulpturen steht soziale Interaktion gut. Aber klar geht auch ohne.

 

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ERSATZBANKBAR, 2012, von Fabian Seiz

Die Ersatzbank war ein Gemeinschaftsprojekt mit dem Künstler Andreas Duscha und dem Schriftsteller Clemens Berger. Wir wollten eine Bar zur Fußball-EM machen. Ich sehe diese Bar und alle anderen Bars von mir als Skulptur, die mit einer Funktion versehen ist: ein formal-skulpturaler Ausdruck für Kommunikation. Die zwei Seiten einer Bar führen zu einer ganz speziellen Hierarchie in der Kommunikation. Es entsteht ein eigener Raum in und um die Bar, der je nach Ausführung des Tresens stark manipuliert werden kann: wie und wo man sich anlehnen kann, wie hoch die Bar ist, ob es Platz für die Füße gibt. Das schafft eine ganz bestimmte Stimmung. (Fabian Seiz)

 

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CAFE HANSI, 2015, von Hans Schabus

Hansi ist eine Skulptur und keine Bar. Das namensgebende Cafe ist ein Lokal im 20. Wiener Gemeindebezirk. Von da stammt das Leuchtschild, das jetzt mit vielen anderen Gegenständen und Plakaten Teil von Schabus’ Arbeit ist – alle haben den Namen „Hans“ oder zeigen das Wort „Hans“. Es ist ein etwas absurd wirkender Versuch das Bild eines „Hans“ zu kreieren. Das Innere der Skulptur ist völlig mit silberfarbenen Zinnplatten ausgekleidet, sogar die Toilette. In der Mitte steht ein langer Spiegeltisch, wo der Künstler einige Wochen lang jeden Mittwochabend Bier, Wein und Schnaps ausschenkte. Im Gegensatz zum Außen, an dem eine Archivierung von Zeichen zu sehen ist, ist die Skulptur im Inneren nicht nur ein Raum, sondern auch das, was darin passiert. (Anna Ebner) 

 

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BATTERIE, 1995, von Manfred Erjautz

„Batterie“ ist eine skulpturale Falle, die sich einerseits mit der Macht von Labels und andererseits mit der menschlichen Hemmung, ihrer Überwindung durch Kommunikation und mit Grenzüberschreitung beschäftigt. Die gleichförmigen Glasflaschen sind mit verschiedensten Spirituosen, vom billigen Fusel bis zu hochwertigen Alkoholika für Connaisseure befüllt. Aufgrund der fehlenden Wiedererkennbarkeit der Flaschenformen oder Etiketten kann man sich nur an der Farbe der Flüssigkeiten annähernd orientieren. Als Besucher der Gruppenausstellung „self construction“ (Museum moderner Kunst Stiftung Ludwig, 20er Haus, 1995) musste man die im Windfang von Karl Schwanzers Architektur implantierte Skulptur zwei Mal passieren. Man entkam ihr nicht; und auch nicht dem Bedürfnis, einen Drink zu nehmen, doch es fehlten die Trinkgefäße. Angelockt von den farbigen Flaschen und mit der Idee spielend, vielleicht einen Gratis-Drink zu bekommen, verführte oder zwang die Skulptur den Besucher, das Aufsichtspersonal nach einem Becher zu fragen.

Das konzipierte Dilemma entwickelte sich bei der Suche nach dem richtigen Getränk, denn der „Missgriff“, jede „falsche“ Entscheidung für einen Shot, hatte zur Folge, dass man ihn trinken musste, um seinen Becher für einen neuen Versuch zu leeren. Die restliche „self construction“-Ausstellung besuchte man dann unter Einwirkung des Inhalts meiner Skulptur. Die Batterie entleerte sich in den ersten Tagen der Ausstellung, das Personal half mit. (Manfred Erjautz)

 

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Marcus Geiger

Die Bar stand das erste Mal anlässlich Marcus Geigers Soloshow 1998 im Hauptraum der Wiener Secession, verbrachte dann Zeit in einem Lager, aus dem sie der Künstler Marco Lulic für die von ihm kuratierte Ausstellung „Sozialer Raum“ 2009 wieder hervorholte.

 

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VE.SCH BAR VON Martin Vesely

Die Wiener Kunstzene traf sich regelmäßig in der Bar und dem Ausstellungsraum von Martin Vesely, die er zusammen mit Künstlerkollegen von 2008– 2015 betrieb.

 

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MILCH BAR #2 (STOFFMUSTER ALVAR AALTO), 1997–2001, von Flora Neuwirth

Am 21. und 22. Juli 2001 war Flora Neuwirths Milchbar auf dem Platz vor der historischen Milchbar im Alvar-Alto-Kulturhaus in Wolfsburg geöffnet. Angelehnt an die Milchbar von Aalto aus den frühen 60er Jahren hat Neuwirth ihre mobile Bar auf der Terrasse vor dem historischen Ort aufgebaut und zur Happy-Hour „Wolfsmilch“ (mit Vodka) serviert.  

 

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BRUSSELS BRIDGE BAR, 2013, von Julian Turner

Ob eine Bar gut ist, hängt viel von den Leuten ab, aber das Objekt trägt still und heimlich seinen Teil dazu bei. Architektur ist Hintergrund, sagt der österreichische Architekt Hermann Czech, der tolle Bars gebaut hat, wo jedes Detail stimmt: Die Höhe passt für jeden, die Beleuchtung ist angenehm, der Handlauf ist unten gewölbt, so dass man sich bequem festhalten kann, bevor man vom Hocker fällt. Wichtig sind auf jeden Fall die Proportionen: Aus Regalresten zusammengestückelt funktioniert genau so wenig wie ein Schlachtschiff aus Resopal.

Ich habe bisher etwa zehn Bars gebaut, manche auch ein paar Mal. Stehtische, kleinere Objekte, die Bar auf der Brücke in Brüssel. In Brüssel wollte ich einen architektonischen Eingriff vornehmen. Die ganze Stadt ist so herrlich zerklüftet und kaputtgebaut. Es sollte ein Ort sein, wo man Zeit verbringen kann, eine Brücke bietet sich dafür an, weil es da immer etwas zu sehen gibt. Ich machte mich auf die Suche nach einem schmalen gusseisernen Fußgängersteg über den Charleroi-Kanal, den ich auf einer alten Postkarte gesehen hatte und fand dann die große Brücke bei der Schleuse. Ich habe zwei Lampen gebaut – die Sockel nehmen die Form des Brückengel.nders auf, die Schirme sind ein vergrößertes Schnapsglas – und mit „Bar“ beschriftet: Niederländisch, Französisch, Deutsch und Englisch. Dann habe ich Freunde und Fremde zum Trinken eingeladen. Es war Mitte Januar und bitterkalt, aber der ukrainische Wodka ließ uns die Kälte vergessen. (Julian Turner)

 

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Thomas Miessgang ist Journalist und Autor. Er lebt in Wien.

 

Dieser Text ist in der Printausgabe Spike Art Quarterly N° 45 erschienen und kann in unserem Online-Shop bestellt werden.