Fashion

Willkommen im Gucciversum
 Gucci Fall Winter 2017 film campaign  Regisseur: Glen Luchford, Art Director: Christopher Simmonds Courtesy Universal Studios Licensing LLC 
 Gucci Fall Winter 2017 film campaign  Regisseur: Glen Luchford, Art Director: Christopher Simmonds M & © 2017 CBS Studios Inc. STAR TREK and related marks are properties owned by CBS Studios Inc. All Rights Reserved. 
 Gucci Fall Winter 2017 film campaign  Regisseur: Glen Luchford, Art Director: Christopher Simmonds M & © 2017 CBS Studios Inc. STAR TREK and related marks are properties owned by CBS Studios Inc. All Rights Reserved. 
 Gucci Fall Winter 2017 film campaign  Regisseur: Glen Luchford, Art Director: Christopher Simmonds Courtesy Gucci 
 Gucci Fall Winter 2017 film campaign  Regisseur: Glen Luchford, Art Director: Christopher Simmonds TM & © 2017 CBS Studios Inc. STAR TREK and related marks are properties owned by CBS Studios Inc. All Rights Reserved. 

Der Wind dreht sich in der Modewelt. Die Zeiten von Demna Gvasalia, Gosha Rubchinskiy und Co nähern sich ihrem Ende, und mit ihnen verlässt die destruktive Dystopie die Bühne. Gucci is back und schießt die Mode von der Straße in den Weltraum. Über eine neue Ästhetik der Ewigkeit, die das Versprechen einer besseren Welt für alle verkauft.

 

Was geht ab, ihr Fashionistas? Findet ihr es auch so langweilig über Mode zu sprechen, während die westliche Demokratie langsam zerfällt und das Qualitätsfernsehen sein goldenes Zeitalter erlebt? Dann habt ihr vielleicht die letzten paar Saisons links liegen gelassen. Keine Sorge! Nichts davon war so scharf wie Spicey, so bombastisch wie Brexit oder so groß wie Cerseis Rache.

Die Streetwear liefert immer noch Statement-T-Shirts und Sweater (der „do you even skate“-Krieg von 2016 geht weiter) und noch mehr Fuccboi-Obszönitäten. Einen alten Ziegelstein für 1000 Dollar? Gebrandete, einklappbare Schaufeln? Briefbeschwerer mit echtem Papiergeld? Holt euch das Supreme Zeug und die passenden Crop Tops, aufgespritzte Lippen, und den verkaterten Healthgoth-90er-alternativ-schlampigen Netz-Look, den die abgeklärten, verwöhnten Tussen und skandinavischen Touris in Berlin so gerne tragen. PS: All das lässt sich immer noch am besten über Instagram mitteilen.

 

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Auf den Straßen und den Laufstegen ging der Trend zu Firlefanz in Form von Pyjamas, Pelzbommel und Silhouetten aus ländlichen Rüschenärmeln und Schlaghosen, die ich mir nur als die Vorstufe irgendeiner abartigen, techno-feudalen Hölle erklären kann. Übergroße Ärmelaufschläge sind zwar unglaublich unpraktisch und nach einem langen Millenial-Arbeitstag in der Contentfabrik voller Avocado ecken, aber zumindest kann man damit das Blut von seinem Handy wischen, wenn man es mal wieder zu fest umklammert hat.

Der größte Teil der Mode ist immer noch von einem Style dominiert, den die Business of Fashion als „zynischen Realismus der Neuen Russischen Ästhetik“ beschreibt. Der Blog Highsnobiety nannte 2016 „das Jahr der Post-Soviet Mode“. Das war alles irgendwie aufregend als es noch frisch war und faszinierend auf dem Höhepunkt des Hypes, aber wurde nach ein paar Saisons ziemlich farblos und vom medialen Ping-Pong der russisch-amerikanischen Verstrickungen und politischen Affären (Pissvideo! Pissvideo!) in den Schatten gestellt. Dennoch kann man nicht leugnen, dass Demna Gvasalia, Gosha Rubchinskiy und Co immer noch Einfluss auf ihre Kollegen und Fans haben.

 

"der Wind dreht sich. Es hat eine entschiedene Wende stattgefunden, weg von der nonkonformistisch und zugleich praktisch aussehenden Ästhetik hin zu einem spektakulären Eskapismus."

 

Aber der Wind dreht sich. Es hat eine entschiedene Wende stattgefunden, weg von der nonkonformistisch und zugleich praktisch aussehenden Ästhetik hin zu einem spektakulären Eskapismus. Christopher Kane zeigte Raumfahrtdrucke auf Seide und holografische Strickware, Mugler kreierte elegant veredelte Bootleg-Uniformen der Sternenflotte. Sogar der Astronaut Buzz Aldrin und der „Science Guy“ Bill Nye waren auf den Laufstegen der New York Fashion Week zu sehen, und Chanel schoss eine echte Rakete vom Grand Palais in den Weltraum (oder so ähnlich).

 

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Was soll das plötzliche Interesse an Paralleluniversen und entfernten Welten? Ich bin nicht die erste, der auffällt, dass es auf unserem Planeten nicht gerade rosig aussieht. Staatsgrenzen und ökonomische Unsicherheit sind für die Modeindustrie genauso ein Problem wie für jede andere, vom hohen Migrantenanteil in der Produktion bis hin zur globalisierten Lieferkette. Deshalb hat der Schreck über Brexit und Trump ganz schön gesessen. Science Fiction ist ein Zufluchtsort für allegorische Kritik und die Ablehnung der Gegenwart, also ist es kein Wunder dass die Mode ihr Raumschiff  mal wieder hier andockt. Übrigens hat Elon Musk gerade den neuen SpaceX IVA Flightsuit rausgebracht, der verdammt geil ist.

Doch zurück zur Kleidung der Erdlinge: Das Modehaus, das in letzter Zeit noch mutiger auftrat als die meisten anderen war Gucci. In seiner neuesten, von Glen Luchford abgelichteten Kampagne sieht man frühe Sci-Fi-Größen wie Robby der Roboter, die Transporter und die Brücke aus Star Trek, Dinosaurier wie aus Ray Harryhausens Filmen und den Kiemenmenschen aus „Der Schrecken vom Amazonas“. Das ist der Höhepunkt der Neuausrichtung des Konzerns, die 2015 mit Alessandro Michele als neuem Kreativdirektor begann. Während Guccis frühere protzige Ästhetik eher an schmierige, verkokste Yachtbesitzer erinnerte, hat der neue Look die am Schlüsselbein vorbeigehenden Schnitte durch überschäumende und pastorale Exzentrik eingetauscht.

 

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Unter Micheles Führung lässt Gucci die Diktate der Tradition, der Geographie, ethnischer Zugehörigkeit, Klasse und Geschlecht hinter sich, um einen manirierten, hyperreflektierten, universalen Mix aus Anspielungen zu kreieren, der sich in bisher über fünfzehn Kollektionen ungebrochen erfolgreich zeigt. Mal mischt er die Opulenz von Renaissancebrokat und prüder viktorianischer Spitze mit kalifornischem 70er-Jahre-Optimismus, inklusive Fliegerbrillen und Schlaghosen, nur um dann noch etwas zerstückelten englischen Tweed,  fließende Chinoiserien, Glam-Rock-Glitzer und geprägtes Italo-western-Leder mit Nieten darunterzumengen. Kein Wunder, dass der Journalist Tim Blanks den neuen zeitreisenden Starboy von Kering, Michele, als „Meister der Ewigkeit“ bezeichnete. Seine Ästhetik zu entziffern fühlt sich an als würde man total high versuchen, eine Zeitmaschine zu bedienen. Es ist eine erfrischende Fusion aus epochenübergreifendem Drag, eine Art Post-Truth-Uniform für das Leben in der anything-goes neoliberalen Hyperrealität.

 

"Gucci, die heißeste Marke auf dem Planeten, ist kultureller Kolonialismus mit Hyperantrieb."

 

Während der Nachrichtentakt auf Nanogröße schrumpft und für die Call-Out-Kultur angesichts von wirklichen Nazimördern plötzlich sehr viel mehr auf dem Spiel steht als zuvor, kommen einem die Kolumnen und Artikel, die in den letzten Jahren über kulturelle Aneignung in der Mode geschrieben wurden, ziemlich altmodisch vor. Gucci, die heißeste Marke auf dem Planeten, ist kultureller Kolonialismus mit Hyperantrieb. Ihre widersprüchlich verstrickte Stellungist zugleich globalistisch, kolonial, queer, polyethnisch, hochkulturell, trivial, grell und elegant. Aber so funktioniert der Spätkapitalismus nun einmal – Darling, it’s complicated. An dieser Stelle muss erwähnt werden, dass sich Guccis Hauptquartier in New York mitten im Auge Saurons befindet: im Trump Tower. Als der Präsident neulich von Washington nach New York zurückkam, protestierten Demonstranten vor dem Gebäude gegen Trumps Reaktion auf die Demo weißer Nationalisten in Charlottesville, Virginia. Zwei Personen wurden im Laden mit „Hass hat hier nichts verloren“-Schildern gesehen und fälschlicherweise für Angestellte gehalten, was Gucci umsichtig richtigstellte.

 

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Darüber hinaus war auch der fürchterliche „Effie Trinket schaut einem Lynchmord zu“-Look, den Kellyanne Conway bei Donald Trumps Amtseinführung trug, von Gucci, jedoch offenbar von der Stange. „Ach, das ist nur Gucci! Mode für Trump-Revolutionäre!“, sagte sie einem Reporter über ihren City of London inspirierten 3600 Dollar-Mantel aus der Resortkollektion. Und was war das für eine „Pussy-Bow“-Bluse, die Melania anhatte, ein paar Tage nachdem die Muschigrapscher-Kommentare des Präsidenten ans Licht der Öffentlichkeit kamen? Auch Gucci! #FreeMelania.

Eigentlich überrascht es wenig, dass die Dienstmädchen der Alternative Facts diese weltkluge Visualität an sich gerissen haben, die das Chaos widerspiegeln, in dem wir leben. Während der Höhepunkt von Balenciaga/Vetements vom ironischen Bro verkörpert wurde, der die Welt in Schutt und Asche sehen will, verkauft Gucci Heilsversprechen an alle, egal ob links oder rechts, die sich in eine bessere Welt  flüchten wollen, wie auch immer diese aussieht. Optimismus lässt sich leicht vereinnahmen, und nichts ist Schwarz-Weiß, selbst in der Mode nicht.

Übersetzt von Raoul Klooker.

 

ELLA PLEVIN ist Autorin und Stylistin, sie lebt in London.

Dieser Text ist in Spike Art Quarterly #53 erschienen, erhältlich in unserem Onlineshop.