Fashion: Stitches und Glitches

 MSGM, SS16 menswear
 Raf Simons, SS15 menswear
 Dolce & Gabbana, SS14 womens- & menswear
 Comme des Garçons, SS15 menswear
 Telfar, Get the LOOK TM T-Shirt #31

Ein Hemd, ein T-Shirt, ein Rock: Kleidung ist immer körperhaft. Doch einige aktuelle Kollektionen haben neue Strategien der Dematerialisierung in die Welt der Mode gebracht und die Trennung von Objekt und Bild aufgehoben. Michele D’Aurizio erklärt.

Die jahrzehntelange Dematerialisierung des Kunstobjekts hat die Mode offenbar unberührt gelassen. Verglichen mit den immateriellen Produkten der Konzeptkunst, der virtuellen Architektur und dem spekulativen Design kann sich selbst die radikalste Mode nicht vom Stoff befreien – oder welche Materialien auch immer um den menschlichen Körper genäht, gefaltet, gesteckt und gewickelt werden. Die unauflösbare Verbindung der Mode mit der Textilindustrie hat die Designer bisher davon abgehalten, das Virtuelle als kreative Möglichkeit zu sehen. Schließlich würde da keine Kollektion entstehen, die man verkaufen kann. Im Vergleich zu den vielen Architekten, die nur auf dem Papier bauen, entkommen die wenigsten Modeschöpfer der Produktionskette. Am ehesten kommt das „Virtuelle“ noch als Zitat der digitalen Kultur vor – als Bilder von Cyborg-Armeen, Avataren und ähnlichem.

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Es versteht sich von selbst, dass Mode heute hauptsächlich über Bilder im Internet und nicht über reale Kleidung erfahren wird. Unzählige Mode-Sites, Blogs und Onlineshops überschütten uns mit Kleidungsstücken- als-Bildern; das Tragen spielt hier keine Rolle. Telfars bekanntes „Get the Look T-Shirt“ dreht sich genau um dieses Doppelleben der Mode im Reich der Bilder. Als weißes T-Shirt mit dem Aufdruck eines Outfits aus seiner Laufstegkollektion ersetzt es das traditionelle Modeerlebnis durch seinen virtuellen Gegenpart.

Auf Stoff gedruckte Bilder schaffen es schon eher, Modeprodukte zu dematerialisieren. Bei seiner Herrensommerkollektion 2015 setzte Raf Simons Bilder gezielt zur Erzeugung einer virtualisierten Wahrnehmung des Stoffes ein. Er bedruckte Vorder- und Rückseiten von Hemden, T-Shirts, Sweatshirts, Westen und Mäntel mit Clustern von Bildern. Die riesigen Mengen an Motiven wirken wahllos, darunter eine Bohrinsel, Simons’ Eltern, ein Fantasieraumschiff, ein Sonnenuntergang, tropische Fische und ein Porträt des Designers als junger Mann. Anstatt aber deren Zusammenstellung entschlüsseln zu wollen, sollte man eher darauf achten, auf welche Art die Bilder übereinander liegen: Sie ahmen Miniaturansichten eines Bilder-Ordners auf einem Desktop nach. Es entsteht also der Eindruck, sie durch Berührung bewegen zu können, als würde man mit einer haptischen Oberfläche interagieren.

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In Dolce & Gabbanas Damenund Herrensommerkollektion 2014 sind die Stoffe mit schwarz-weißen Einzelbildern und Radierungen vonantiken Ruinen so bedruckt, dass ein besonders flacher Eindruck entsteht. Jeder Stich, der eigentlich der Passform dient, wirkt wie ein Fleck auf einem Bild oder ein Fehler in einem Code. Die Stücke sehen wie wandelnde Bilder aus – sie entfalten ihre Wirkung auf der Ebene des Untragbaren.

Das Wegnehmen von Material kam in der Modegeschichte meist einer ikonoklastischen Geste gleich, wenn ein Kleidungsstück zerschnitten oder zerrissen wurde, oder aber einer konzeptuellen Dekonstruktion. Letztere sollte das Kleidungsstück auf seine Essenz zurückführen, auf seine Mechanik, könnte man sagen, den funktionalen Apparat, der seine Tragbarkeit herstellt. Mit der Herrensommerkollektion 2015 verkomplizierte Comme des Garçons diese Geschichte. Die Kollektion besteht aus grob- bis feinmaschigen Netzen, deren Kombination zwischen Materialwegnahme und -zugabe schwankt. Gewebe virtualisieren sich hier zu Gittern. Auf dem Laufsteg entwickelten sich die Outfits schrittweise von aufgedruckten Rautenmustern, die sich auf Blazern und Trenchcoats netzartig überlagerten zu Netztrenchcoats und -Sweatern. Das Netz umhüllt den Körper wie das virtuelle Gitter eines 3D-Modellierungsprogramms, das ein konkretes Objekt erfasst und sein Volumen in digitalen Code umwandelt. Die Kleidung erscheint virtuell zu einer schalenförmigen Oberfläche geformt, auf der taktile Reize zu visueller Information werden.

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Der Extremfall dieses Trends sind ärmellose Netz-TShirts, die auf der Modeschau der Herrensommerkollektion 2016 von MSGM gezeigt wurden. In ihrer organischen Regellosigkeit entpuppen sich die Netze bei näherer Betrachtung als Stadtpläne von New York und Mailand. Ausgeschnittene Häuserblocks lassen nackte Haut durchschimmern, die Stoffbahnen stehen für Straßenzüge. Der Stadtplan, heute zu einer von unzähligen Tablet- und Smartphone-Funktionen degradiert, verschmilzt hier mit dem Kleidungsstück. Kleidung ist beides, Bild und Nachempfindung des Bildes, allerdings in der krassesten Materialität. 

Aus dem Englischen von Thomas Raab 

Michele D’Aurizio ist Autor in Mailand.

 

Dieser Text ist in der Printausgabe Spike Art Quarterly N° 45 erschienen und kann im Online-Shop bestellt werden.

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