Film

Nur die Katze kennt die Wahrheit – Sarah Nicole Prickett über Paul Verhoevens neuen Film „Elle“

Photo: Guy Ferrandis / SBS Productions

„Elle“ beginnt mit der Vergewaltigung der 60-jährigen Michèle Leblanc. Daraus entwickelt sich die Geschichte einer dysfunktionalen Familie und einer Frau, die sich weigert Opfer zu sein. 

Derrida war der Vater von Logos, Logos war der Name seiner Katze, und ironischerweise war es Logos, der Derrida oft sprachlos machte. Nur wenige Dinge sind beschämender, schrieb der Philosoph, als „sich nackt, mit exponiertem Geschlecht, splitterfasernackt vor einer Katze wiederzufinden, die einen anblickt, ohne sich zu regen, just um zu sehen.“

Das erste Bild in Paul Verhoevens „Elle” ist eine Katze, die wie wir zusieht, wie die 60-jährige Michèle vergewaltigt wird, nachdem sie von der Arbeit nach Hause kommt. Weil Michèle Isabelle Huppert ist, die um ihr Leben zu retten kein Opfer spielen kann, wartet sie bis der Vergewaltiger geht, nimmt ein Bad statt zu heulen, bestellt Sushi statt 112 zu wählen. Sie kann es niemandem erzählen. Sie ist ihr eigener Boss; ihr gehört die Firma und die Wohnung; ihr gehört auch die Wohnung ihres Sohnes. Beim Abendessen mit ihrem Ex-Mann, ihrer einzigen Freundin (die auch ihre Geschäftspartnerin ist) und dem Mann ihrer einzigen Freundin (mit dem sie eine Affäre hat), bestellt Michèle eine Flasche Champagner, bevor sie sagt „ich wurde wohl vergewaltigt“. Sonst erwähnt sie es nie, auch nicht als es noch einmal passiert – den großen dunklen Vergewaltiger mit der Skimaske, das eingedrückte Fenster, zerbrochenes Porzellan. Es ist eine Comic-Vergewaltigung in einem als „Vergewaltigungskomödie“ beschriebenen Film.

In „Elle“ geht es genauso wenig um Vergewaltigung wie in einem James-Bond-Film um Nuklearwaffen. Man kann sagen, dass Bilder von Gewalt traumatische Erinnerungen auslösen und diese wie ein Geschoss ins Gehirn schleudern. Man sagt heute, dass ein Bild etwas in einem „triggert“ oder einfach, dass man „getriggert“ wird, der Abzug wird gezogen, so als wäre man selbst eine Waffe.

Verhoeven macht die Vergewaltigung zu einem Abzug, zu einem Mechanismus, der die Handlung des Films auslöst.

Einen Tag später wird Michèle zum ersten und letzten Mal „getriggert“, als sie ihre Katze ansieht und sieht, was die Katze gesehen haben muss. Ab jetzt macht sie weiter als ungesicherte Waffe, ebenso schießwütig und Bonvivant wie Bond.

Schnell gibt es mehr Opfer. Da ist die neue Beziehung ihres Ex-Mannes, die sie sabotiert; die Hochzeit ihrer einzigen Freundin, die sie beendet, weil sie die Affäre zugibt. Am Weihnachtsabend redet Michèle auf ihre Mutter ein, bis diese einen Schlaganfall bekommt und beschuldigt sie dann ein Koma vorzutäuschen, was fatale Folgen hat. Schlussendlich plant Michèle, ihren Vater im Gefängnis zu besuchen, der mehrere lebenslange Strafen abzusitzen hat. Als er hört, dass seine Tochter kommt, erhängt er sich. „Ich habe dich umgebracht“, flüstert sie voller Freude dem Toten in der Leichenhalle zu. Sie hatte ihn seit einer Ewigkeit nicht mehr gesehen. Eines Nachts, als sie noch ein Kind war, ermordete er plötzlich alle Kinder in der Nachbarschaft. Die Polizei fand sie halbangezogen und voller Asche, da sie ihrem Vater dabei half, die Beweise zu verbrennen – wovon Michèle nichts wissen konnte. Oder doch? Sie hat den Namen ihres Vaters behalten.

Leblanc, Michèle Leblanc. „Ein neuer Typ von Frau“, sagt Huppert über Michèle, eine Frau, die nie vor Männern kapituliert oder mit ihnen konkurriert, sondern ihre Größe zeigt, während die Männer um sie herum versagen. Sie wird zur „Hüterin dieser neuen Ära“, der Ära, in der uns Männer nicht mehr beschützen, wie Jenny Holzer sagte. Das ist nichts Neues für Michèle, die wegen der Morde niemals einen Vater oder einen Polizisten zu Hilfe rufen konnte.

„Scham ist als Gefühl nicht stark genug, als dass sie uns an irgendetwas hindern würde“, sagt Michèle. Doch wenn Scham keine Kraft hätte, wäre Michèle nicht so entschlossen darin, jeden aus dem Weg zu schaffen, der sie beschämt.

Der Vergewaltiger muss auch sterben, aber nicht weil er vergewaltigt, sondern weil er ein Familienvater ist. Er ist der gutaussehende verheiratete Nachbar, den Michèle verführen wollte. Als sie ihm bei seinem dritten Besuch die Maske abnimmt, will sie keine Rache mehr. Stattdessen lässt sie das Fenster offen und spielt heimlich bei ihren Vergewaltigungen mit. Ist es überhaupt eine Vergewaltigung? Für ihn kann es nicht Sex sein. Erst als sie erkennt, dass er sie dafür hasst, welches Kind sie war, dass er sie unbedingt braucht, um sich schuldig zu fühlen, versteht sie, dass sie dem Ganzen ein Ende machen muss. Niemand kann am Leben bleiben, der sie für die Tochter ihres Vaters hält.

Und doch ist sie es. Der Vergewaltiger und Nachbar kommt wieder durch das Fenster, aber dieses Mal kämpft sie im Wissen, dass ihr Sohn in der Wohnung ist, den „Fremden“ töten wird und unschuldig bleibt, weil er sie verteidigt. Sie schiebt die Schuld auf ihr Kind, genauso wie es ihr als Kind widerfuhr, um angesichts der Wahrheit etwas Unverzeihliches zu tun. Nur die Katze kennt die Wahrheit. Derrida sagte einmal über Anna Freud, warum muss eine Tochter die Antigone ihres Vaters sein? Warum gibt es keinen Ödipus des Ödipus?

Aus dem Amerikanischen von Ruth Ritter

SARAH NICOLE PRICKETT ist Autorin und Herausgeberin von Adult Magazine. Sie lebt in New York.