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Gesellschaft am Ende: Masse und Nacht

Ein Raunen ging durch die Luft, als ich den Raum betrat. Dann verstummten alle Gespräche, und man hörte nur noch leises Getuschel: „Er ist da!“, „Ist er das wirklich?“, „Ja, das ist er!“, „Er sieht gut aus!“, „Er sieht noch besser aus als auf den Fotos!“, „Er sieht intelligent aus!“, „Humorvoll!“, „Gütig!“.

Ein selbstzufriedenes Lächeln huschte über mein Gesicht, und ich wollte gerade damit anfangen, auf kleine Papierfetzen, die ich zuhause vorbereitet hatte, meine Telefonnummer zu schreiben, um sie danach sämtlichen weiblichen Gästen im Raum zuzustecken, als ich merkte, dass das Getuschel gar nicht mir galt, sondern Anselm Reyle, der direkt nach mir den Raum betreten hatte.

Jetzt kam auch schon Christian Jankowski auf uns zugestürmt: „Anselm, Rafi, schön dass ihr da seid!“ Neugierig sah er auf die zerknüllten Zettel, die ich ihm mit den Worten Happy Birthday in die Hand drückte, „Jetzt kommt mal herein und trinkt ein Glas!“

Ich war nach diesem Auftritt natürlich sehr wütend auf Reyle, aber auch froh, gleich zwei der wichtigsten lebenden Künstler auf einmal treffen zu können, überreichte Jankowski sein richtiges Geschenk, eine pornografische Postkarte aus dem viktorianischen London, und wollte dann unbedingt erfahren, was Reyle nun, nach seinem vor einem Jahr proklamierten Rückzug aus der Kunst, den ganzen Tag so tat!

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Und als Reyle mir jetzt sein ganz persönliches Étant donnés erläuterte, war ich so verblüfft und elektrisiert, dass ich mich setzen musste. Derartiges hatte ich noch nie gehört! Wir plauderten noch ein wenig über dies und das und kamen dann auf die Wanddekorationsobjekte zu sprechen, die ich neuerdings herstellte, und die nicht nur ein ganz bisschen, sondern wenn man ehrlich war, absolut genauso aussahen wie Anselm Reyles Streifenbilder. „Das stimmt zwar“, sagte ich, „aber du weißt ja, dass sie keine Kunst sind, sondern Wanddekorationsobjekte.“ Reyle war d’accord. „Absolut“, sagte er, „denn wenn man sie nicht zu Kunst erklärt, sondern zu Wanddekorationsobjekten, dann sind sie natürlich auch keine Kunst, sondern Wanddekorationsobjekte!“

An dieser Stelle wurden wir durch das schrille Läuten meines Handys aus dem Gespräch gerissen, es war Magnus Resch, der umstrittenste Kunsttheoretiker unserer Tage! „Nun rate mal, wo ich gerade bin: In New York!“ Er war gerade zum Professor an der Columbia University ernannt worden, und hatte jetzt jede Menge Zeit, sich um unser gemeinsames Buchprojekt „Management von Einrichtungshäusern“ zu kümmern. „Aber vor allem musst du sofort einen Laden in der Park Avenue finden“, rief ich in das rauschende Handy, „für den Flagshipstore von ‚Horzons Wanddekorationsobjekte!‘“ „Das werde ich morgen tun, aber hier noch ein wichtiger Hinweis zur Preisgestaltung: Du musst die Preise deiner Objekte erheblich anheben! Denn was nicht wirklich teuer ist, wird vom Kunden nicht als wertig erkannt!“

Das war natürlich eine hervorragende Idee. Ich warf mich in meine vor Jankowskis Loft wartende Limousine, schrie den knappen Befehl „Zur Sankt Agnes Kathedrale, aber schnell!“, löste die Handbremse und gab Vollgas. Auf dem Weg zu Johann Königs Kirche dachte ich darüber nach, was Resch mir geraten hatte. „Preise erheblich anheben“, hatte er gesagt. Was er damit wohl gemeint hatte? Vermutlich eine Anhebung um mehrere tausend Prozent!

Auf der Eröffnungs-Gala von Königs Kirche herrschte ein unglaublicher Andrang.

Nach einer Stunde hatte ich König endlich gefunden und stellte ihn sofort zur Rede: „Johann, das macht hier alles keinen Sinn. Du musst Deine Galerie sofort schließen!“

Johann König fiel vor Verblüffung sein Tiramisu- Glas aus der Hand: „Wie bitte? Das ist doch nicht dein Ernst!“ „Johann, willst Du ewig auf diesem Level hier bleiben? Du könntest die Galerie schließen, in den Räumen hier das „Einrichtungshaus König“ eröffnen und endlich richtig Geld verdienen! Ich könnte dir den Exklusiv-Vertrieb von „Horzons Wanddekorationsobjekten“ anbieten! Die kosten nämlich neuerdings pro Stück 600.000 Euro! Und die Hälfte gehört Dir!“ Hier wurde König hellhörig: „Okay, machen wir! Ich ruf dich nächste Woche an!“

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Ich konnte es einfach nicht fassen! Da rollt man den roten Teppich aus, und Herr König erbat sich eine Woche Bedenkzeit! Ich mochte ihn wirklich gerne, aber manchmal muss man im Leben auch Entscheidungen treffen können! „Dann mache ich es eben alleine!“, rief ich meinem Beifahrer Carl Jakob Haupt zu, als ich in die Limousine stieg, „Oder besser gesagt: Wir machen es alleine. Du wirst Verkaufschef von ‚Horzons Wanddekorationsobjekte‘ und wir sacken die 600.000 pro Objekt selber ein, ohne Abzug für den Zwischenhändler!“ Den ganzen Weg zum Prachtboulevard Unter den Linden freuten wir uns über das viele Geld, das wir demnächst verdienen würden. Dann waren wir endlich da, gerade noch rechtzeitig für die Festansprache im Kronprinzenpalais. Eine livrierte Kellnerin machte mich höflich darauf aufmerksam, dass Rauchen hier nicht erlaubt sei. Hilflos schaute ich umher, aber wo das Rauchen nicht erlaubt war, gab es natürlich auch keine Aschenbecher. „Entsorgen Sie dies“, herrschte ich einen gutaussehenden Renaissance-Man an, der zufällig neben mir stand, und reichte ihm meinen glühenden Stummel. Zu meinem Entsetzen warf sich der Mann – es handelte sich bei ihm, wie ich später erfuhr, um den weltgrößten Duchamp-Experten Dr. Thomas Girst – die glühende Zigarette einfach in den Mund, kaute darauf herum und schluckte sie dann herunter. „Ist das nicht ungesund?“, fragte ungläubig staunend Verkaufsleiter Carl Jakob Haupt, der gerade mit zwei randvollen Weingläsern anbalanciert kam, das eine Glas in einem Zug leerte und sich das andere wortlos über den Kopf goss. Es war höchste Zeit, den Saal zu wechseln. Aus dem einen Augenwinkel sah ich, wie Kanzlerin Merkel auf uns zusteuerte um zu erfahren, was der Lärm zu bedeuten hatte. Aus dem anderen Augenwinkel sah ich, wie Dr. Girst vom Raucherbalkon mit einem randvoll gefüllten Aschenbecher zurück in den Salon kam und sich beim Gehen einen Stummel nach dem anderen wie Erdnüsse in den Mund warf. Entsetzt rannten wir in die Kronprinzen- Bar, wo die Gala-Party gerade ihren Höhepunkt erreichte. An den Wänden hingen Glasschatullen, und in diesen Schatullen befanden sich unfassbar wertvolle Uhren. „Audemars-Piguet“, stammelte ich fassungslos und machte mich sofort daran, mit dem Besteck, das ich beim Dinner eingesteckt hatte, die Glaskästen aufzuhebeln. Im darauf folgenden Handgemenge mit den Security-Männern, die mich plötzlich umringten, verlor ich kurz das Bewusstsein und wachte erst auf, als mich Verkaufschef Carl Jakob Haupt an den Füßen die riesige Freitreppe vor dem Kronprinzenpalais herunterzog. Dann wurde endgültig alles schwarz ….

Rafael Horzon ist Geschäftsmann und Autor. Er lebt in Berlin.