Hirn in der Hand

Das unfassbare Manifest des Xenofeminismus
 Helen Hester (Mitte), Armen Avanessian (rechts)

Dieser Tage erscheint im Merve-Verlag wieder ein Sammelband zum Akzelerationismus. „dea ex machina“, herausgegeben von Helen Hester und Armen Avanessian, versammelt alte und neue Texte technikinformierter feministischer Theorie, die den als Wurstparty gebrandmarkten Akzelerationismus um weibliche und gender-nonkonforme Stimmen erweitern soll. Dass dies nicht nur der strategischen Stärkung des Akzelerationismus dient, sondern vor allem sinnvoll und an der Zeit ist, sollen unter anderem Texte von Paul B. Preciado, Rosi Braidotti, Donna Haraway und Nina Power unter Beweis stellen. Am Anfang des Buches steht aber zunächst ein Manifest, das die Richtung vorgibt. Es wurde Anfang der Woche im Berliner Schinkel Pavillon vorgestellt und verlesen, überschrieben ist es mit: „Xenofeminismus“.

Das Angenehme an Manifesten ist, dass sie einem klassischerweise ihren Gegenstand handgreiflich machen. Nach dem 2013er Werk von Alex Williams und Nick Srnicek wusste der Leser, dass er sich ein Smartphones zulegen, und das alte Nokia-Handy wegschmeissen muss, um über sein D-Netz hinaus effektiv gegen den Kapitalismus vorzugehen. Mit „Xenofeminismus – Eine Politik der Entfremdung“, verfasst vom Kollektiv „Laboria Cuboniks“, verhält es sich hingegen eher wie mit der Gehirnmasse der Wesen im Film „Ex Machina“ (der Titel des Merve-Bandes ist aber Zufall). In seiner ästhetisch-cleanen Villa irgendwo im Nirgendwo zeigt der Programmierer Nathan seinem Gast Caleb die Software im durchsichtigen Schädel der von ihm erschaffenen künstlichen Intelligenzen:

Eine offensichtlich glibbrige, an einigen Stellen leuchtende Substanz. Überhaupt nicht manifest ist diese Hirn-Software jedenfalls, durch die Finger würde sie einem rinnen.

Beim Xenofeminismus geht es gegen die technologische Verschlafenheit der feministischen Linken im Allgemeinen und ihre grassierende Lifestyle-Variante im Speziellen. Bei der ersten Veranstaltung „Merve @ Schinkel“, die Avanessian nun im Schinkel Pavillon ausrichtet, prallt diese Idee allerdings auf Gretchen Benders Video-Installation und ein Publikum von gut 200 Leuten, dem man kaum vorwerfen kann, Life und Style nicht richtig zusammensetzen zu können.

Vieles soll möglich sein im Xenofeminismus: „We are Xenofeminists“ war Kollektivmitglied Helen Hester zufolge der performative Ausruf von Laboria Cuboniks, bevor man sich im nächsten Schritt damit auseinandersetzte, was diese neue Identität konkret beinhalten soll: Offenheit, nicht allerdings Orientierungslosigkeit, „Xenofeminism is alien to itself.“ Eine Identität also, die sich bemüht, kaum identitär zu wirken: „Durch den Anspruch auf Vernunft als Motor der feministischen Emanzipation des einundzwanzigsten Jahrhunderts erklärt Xenofeminismus das Recht für alle, als niemand Bestimmtes zu sprechen“, heißt es an einer Stelle. 

Um politisch auf der Höhe der Zeit agieren zu können, sucht der Akzelerationismus immer den Einsatz von Technik, so auch hier. Das Versprechen des Cyberfeminismus, dem ideologischen Vorgänger des Technofeminismus, dass der „Cyberspace“ die Verengungen essentialistischer Identitätskategorien sprengen würde, wart nicht eingelöst. Soziale Medien seien zum „Theater der Kniefälle vor der Identität“ geworden. Wenn es aber nicht ausreicht, sich kryptische Identitäten („Lasst Hunderte von Geschlechtern blühen!“ heißt es im XF-Manifest) zu verpassen, um der Ungerechtigkeit am Individuum zu entgehen, weil die Natur einen subjektiv mangelhaft ausgestattet hat, dann steht diese dem Xenofeminismus zur Bearbeitung offen: „Wenn die Natur ungerecht ist, müssen wir eben die Natur verändern“. Biotechnische Interventionen und hormonelle Hackings in Geschlechtersysteme, gerne unter Zuhilfenahme illegaler Apotheken und mit pharmazeutischem Forenwissen, weisen dem Xenofeminismus den Weg zum Zahn der Zeit. 

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Der Xenofeminismus will sich selbst als Open-Source-Software für eine veränderliche Architektur begreifen, das Manifest erklärt grobe Absichten (Technologien strategisch nutzen, Werkzeuge im Dienste gemeinsamer Ziele erfinden, Geschlecht abschaffen) und stellt auch Fragen. Das „genderhacking“ noch strategisch zu erweitern, das menschliche Gehirn (wetware) als Software zu behandeln, ob das ginge. Natürlich geht das, es passiert sowieso immerzu und schon immer. Die wetware Gehirn wird von Geburt an beschrieben, aber man bekommt sie ja trotzdem nie ganz zu greifen. So wie dieses Manifest, das einem wenig Konkretes an die Hand gibt.

Das, positiv gewendet, die Kategorie des guten alten Manifests sprengt und in seinen Vagheiten produktiv sich verhält oder negativ, ein hartes Formatproblem hat. War der Akzelerationismus nicht auch zum konzertierten Angriff angetreten? Am Ende des Abends betreten wir die Strasse Unter den Linden nicht mit gehobenen Fäusten. #manifest2015: Wenig Greifbares, aber viele von uns checken erst mal die Smartphones. 

 

dea ex machina" kann direkt vom Merve-Verlag bezogen werden, hier geht es zur Einleitung.