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Eintauchen und ertrinken

Die Virtual-Reality-App der New York Times führt einen ins Weltall, ins Kampfgebiet von Falludscha oder die Ateliers von Künstlern. Doch hat man diese Welten erst einmal betreten, weiß man nicht so recht, was man dort eigentlich soll.

 

Im November letzten Jahres lancierte die New York Times eine Virtual-Reality-App mit Videos, die das visuelle Pendant zum Surround-Sound sind: „Die immersiven Videos führen Sie mitten ins Geschehen“, schrieb die Zeitung in ihrer Ankündigung, „und ermöglichen es Ihnen, nach links, rechts, oben, unten und hinten zu schauen.“ Eine Geschichte von allen Seiten zu erzählen, scheint man hier etwas zu wörtlich zu nehmen. Doch die Rundum-Videos sollen dem Betrachter gar kein Rund-um-Erlebnis verschaffen: Es geht nur darum, ihn „mitten ins Geschehen“ zu führen – als wäre es der neueste Thrill, sich selbst in den Mittelpunkt zu stellen, und nicht einfach nur die herkömmliche Art, das eigene Bewusstsein zu erfahren.

Die VR-Storys, die man sich anschaut, indem man das Smartphone in eine Papphalterung steckt und vor die Augen hält, werden als „Erlebnisse“ verkauft, was nichts anderes bedeutet, als dass das Visuelle über die Information gestellt wird. Scrollt man durch die Video-Galerie, wird man ständig eingeladen, „eine Welt zu betreten“. Ein Video ermöglicht den Blick vom World Trade Center, eines schickt den Betrachter ins Weltall. Bei vielen landet man im Atelier eines Künstlers. Eines zeigt die demilitarisierte Zone in Korea als Comic. In einem anderen muss man Lach-Yoga über sich ergehen lassen.

Hat man diese Welten erst einmal betreten, weiß man allerdings nicht so recht, was man dort eigentlich soll. Der Kunsthistoriker Michael Fried hat in „Absorption and Theatricality“ (1980) beschrieben, wie sehr die französischen Maler des 18. Jahrhunderts bestrebt waren, den Betrachter in ein Kunstwerk „hineinzuziehen“. Laut Fried waren sich damalige Künstler und Kritiker nur zu bewusst, wie schwierig es ist, die Aufmerksamkeit zu fesseln, und wie selten es gelingt, vollständig in eine Aktivität einzutauchen.

Die VR-App der NY Times geht davon aus, dass für Immersion keine besondere Fähigkeit nötig sei: „In eine Welt einzutauchen“ sei so einfach, wie in Wasser einzutauchen – man springt einfach rein! Bei meinen Versuchen hatte ich allerdings eher das Gefühl, in unwesentlichen Details zu ertrinken. Prinzipiell ist klar, was man sich anschauen soll (Hinweise liefern Textblasen oder Off-Kommentare), aber die Versuchung, woanders hinzuschauen, ist immer präsent. Nicht etwa, weil es Interessanteres zu sehen gäbe, sondern weil man es einfach kann.

Die Videos scheinen die kurze Aufmerksamkeitsspanne des Betrachters internalisieren zu wollen; statt auf etwas Interessanteres zu klicken, schaue ich mich ungeduldig um, als würde ich in einer Warteschleife hängen, während ich gleichzeitig durchs Kampfgebiet von Falludscha oder durch die Bergregionen des Sudan segele.

 

Die App scheint in erster Linie den Grad meiner Langeweile zu erfassen, daran messbar, wie oft ich mir einfach nur den Panoramahimmel anschaue.

 

Dass die Videos dem Betrachter die Entscheidung, was sich anzuschauen lohnt, aufzudrängen versuchen, ist eher kontraproduktiv. Wenn ich vollkommen unvorbereitet auswählen soll, worauf ich meine Aufmerksamkeit richte, dann muss das, was es zu sehen gibt, extrem nichtssagend sein – lediglich interessante Oberflächen, die aus verschiedenen Perspektiven betrachtet werden können.

Viele der Videos neigen zum Meinungsjournalismus; man darf also davon ausgehen, dass die Aufmerksamkeit des Betrachters ganz bewusst gelenkt wird. Das VR-Format weckt in mir allerdings den Wunsch, nicht weiter auf das zu achten, was mir gezeigt werden soll, sondern meine eingeschränkte Handlungsmacht stattdessen in der App selbst auszuleben. Nachrichten sehen üblicherweise keine Handlungsmöglichkeiten für den Betrachter vor. Wenn das, worüber berichtet wird, in mir den Wunsch auslöst, aktiv zu werden, dann muss ich diese Aktionen in der echten Welt ausführen, in der Regel ohne Pappkarton vor dem Gesicht.

Anhänger der Virtuellen Realität schwärmen häufig von ihrer empathiefördernden Eigenschaft, bietet sie doch die Möglichkeit, die Welt durch die Augen eines anderen zu sehen. Durch die Times-App kommt es mir allerdings eher so vor, als sei das „Eintauchen“ in die Erlebnisse anderer Menschen nur eine Form von Sadismus, denn meine willkürliche Gleichgültigkeit macht jede von den Videomachern intendierte Begegnung von vornherein unmöglich. Wann immer ich nur so zum Spaß woanders hinschaue, habe ich das Gefühl, die Erfahrung, an der ich teilhaben soll, zu überschreiben und zu umgehen.

Um die Transzendenzfantasien des Betrachters zu erfüllen, schreibt Fried, hätten Künstler malerische Strategien entwickelt – er spricht von „in sich geschlossenen Tableaus“ –, die den Eindruck hervorrufen, die gemalten Figuren würden nicht wissen, dass sie betrachtet werden: „Nur durch die Fiktion der Abwesenheit oder Nichtexistenz des Betrachters wird sichergestellt, dass dieser tatsächlich vor dem Bild verweilt und sich von ihm fesseln lässt.“ Der Betrachter wird somit zu einem neuen Subjekt, „dessen Wesen in der festen Überzeugung besteht, am Schauplatz der Darstellung nicht anwesend zu sein.“

VR scheint dieses Bestreben auf die Spitze zu treiben: Die Illusion der Transzendenz drängt sich unmittelbar auf und ist stärker als jeder Eindruck, „tatsächlich dabei zu sein“. Man fühlt sich unangreifbar, als würde man wie ein Geist über einer Szene schweben, die man nicht verändern, die einem aber auch nichts anhaben kann – gerade so, als hätte man nie existiert.

Aus dem Amerikanischen von Harriet Fricke

 

ROB HORNING ist Redakteur beim Online-Magazin Real Life. Er lebt in New York.