Meditation: Empörungs-Inaktivismus

Überall wo Denken nur halbwegs erlaubt ist, wird das Terrain für die empfindlichen Schneeflocken von Links und Rechts gefährlich bleiben. Doch der freie Markt der Ideen verschleiert besonders heimtückisch, dass es auch möglich ist, nicht in den Informationskrieg zu ziehen.

 

„Die Information Wars sind eine Einbildung! Wenn man es will!“
– Anon, 2018

Die Autorin Anna Khachiyan tweetete es kürzlich wohl am treffendsten: „Oldschool-Identitätspolitik: ‚Seien wir stolz auf unsere Gemeinsamkeiten.‘ Neoliberale Identitätspolitik: ‚Identifizieren wir uns nur mit unserem eigenen Unglück.‘“ Sieht man den öffentlichen Diskurs als unsichtbare, aber allgegenwärtige regulatorische Kraft, als Autorität über unser Handeln, gibt es keinen Zweifel, dass die dynamische Handlungsmacht der Linken vereinnahmt worden ist. In der politischen Ökonomie spricht man von der „Vereinnahmung einer Regierungsbehörde“, wenn ein Regierungsorgan darin versagt, öffentliche Interessen vor wirtschaftlichen oder politischen Profit zu stellen. Und 2018 streitet die westliche Linke auf kommerziellen Plattformen wie die Hofnarren der großen Unternehmen über Identitätspolitik, während Sozialleistungen und Menschenrechte, deren gemeinsame Verteidigung uns vereinen könnte, ausverkauft werden. Wer profitiert? Nicht die Zivilgesellschaft und ihre Foren, sondern die riesigen Unternehmen und politischen Akteure, die diese Bühnen verwalten. Der freie Markt der Ideen verschleiert besonders heimtückisch, dass es auch möglich ist, nicht in den Informationskrieg zu ziehen. Eine nicht klar definierbare Meinung lässt sich schwer vereinnahmen, aber eine Meinung ganz zurückzuhalten, macht es unmöglich.

Verwandelt sich das Overton-Fenster (der Rahmen öffentlich akzeptabler Meinungsvielfalt) in einen Overton-Flipper, kann das Spiel, dessen Regeln sich permanent ändern, nur gewonnen werden, wenn man das Gerät abdreht oder aufhört zu spielen. Um Kapital man „muss“ so sehr kämpfen wie man sich auf falsche ideologische Dichotomien einlassen „muss“: gar nicht eigentlich! Die Zivilisten im neoliberalen Kapitalismus sterben nicht und verlieren auch nicht ihren Wert als Menschen, wenn ihr Bankkonto bei Null aufschlägt. Und auch als Online-User erkennt man – selbst wenn vieles dagegen spricht –, dass es möglich ist, eine Meinung über die eigene und die Identität anderer haben zu können, ohne sie auf Social Media Plattformen für den Profit anderer zur Schau stellen zu müssen. Selbst die schärfste Analyse ist nur Asche im Mund, solange sie nicht in die Praxis umgesetzt wird. Tweets, Blogs oder Memes sind das nicht – sie sind nicht mehr als ein gutes Moodboard für die Multis.

 

Sie sind noch jung, mein Freund … Und die Zeit wird kommen, da Sie sich über das, was in der Welt vorgeht, ein eigenes Urteil bilden und das Gerede anderer nicht beachten werden. Glauben Sie nichts von dem, was Sie hören, und nur die Hälfte von dem, was Sie sehen.

 

In Edgar Allan Poes Kurzgeschichte „Das System des Dr. Teer und Prof. Feder“ (1845) wird eine Irrenanstalt von den Insassen geführt. Es ist die Torheit des Erzählers, die Institution, der er ausgeliefert ist, weder vor noch bei seiner Ankunft genauer geprüft zu haben.

 

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Während ich fast zweihundert Jahre später diesen Text schreibe, zieht sich durch mein eigenes Timeline-Irrenhaus ein Riss: Ich schwanke zwischen lauen Erklärungsversuchen und „Incel“-[unfreiwilliger Zölibat]-Witzen (aka herzloses „Eh-Klar“) nach einer weiteren Tragödie (Toronto), die von einer weiteren „Kissless Virgin“ verübt wurde, und meiner Meinung über Kanye Wests schlecht getarnte aphoristische Promotion für sein neues Album/Buch/Leben. Ein homogenes Publikum ist 2018 schwer vorstellbar, doch noch schwerer vorstellbar ist, dass irgendetwas über Fortunas nächste Nachrichten-Zyklus-Drehung hinaus seinen Wert behält. Wenn das Löschen der Identität einer Person zum Humanismus der anderen wird, halten uns nur noch neurotische Tendenzen zusammen. Wie E.A. Poes behandelnde Patienten geraten wir alle (egal ob Normalos oder Edgelords aller Sparten) schnell in Rage, wenn mit unseren Gefühlen gespielt wird – außer wir machen nicht mit. Inhalte allein sind noch keine „Nachrichten“ – zumindest nicht, solange keine Menschen sterben. Und dann ist es Propaganda. 

 

"Es zahlt sich aus, die Polis in der Krise zu halten, wenn ihre Bewohner einem die Möglichkeit geben, sie durch ihren eigenen User-generierten Content, demographische Einsichten und andere lukrative Daten zu manipulieren"

 

Die Zivilisation ist seit ihrem Anfang „dem Niedergang geweiht“, aus mediatisierter Empörung wurde immer schon Profit geschlagen. Schon in unseren alten Kulturen begannen revolutionäre Kriege mit Gerüchten von Ketzerei. Angst ist nützlich. Angst, Unsicherheit, Ungewissheit – wie auch immer man es nennen will – ruft Nischenkulte, autoritäre Regime und andere Formen von Machtmissbrauch auf den Plan. Es zahlt sich aus, die Polis in der Krise zu halten, wenn ihre Bewohner einem die Möglichkeit geben, sie durch ihren eigenen User-generierten Content, demographische Einsichten und andere lukrative Daten zu manipulieren. 

Es ist verhängnisvoll, dass in der Diskussion über Diversität und Identitätspolitik zwar das Bewusstsein herrscht, dass Werbung mehr als nur ökonomische Wirkungen hat, man aber daran scheitert, sie als Mittel sozialer Manipulation zu kritisieren. Werbung ist zuallererst Konsumpropaganda, und „Repräsentation“ ist Symbolpolitik, doch „reale Menschen“ sind mehr als Symbole, mehr als ihre Oberflächenmerkmale, nach denen sie gecastet werden. Das Lächeln in einer Medienkampagne, egal ob es auf einem Gesicht mit deiner Hautfarbe liegt oder nicht, wird nie viel mehr als eine Zielscheibe für Unternehmensprofite sein. Es ist kein Verbündeter, sondern ein Phantom.

 

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Was könnte man also als Künstler machen, fragt sich Dena Yago in einem Artikel für e-flux: „Wenn wir ein Verständnis dafür entwickeln, warum unser Content, unsere Identität und unser Einfluss für Brands und ihre Vermarkter [und alle anderen, die uns online ausbeuten] wertvoll sind und instrumentalisiert werden, können wir Räume für Widerstand und Verweigerung finden oder bestehende Modelle aktiv verbessern.“ Sie empfiehlt „shitposting“ – unser grandios-zeitgemäßes Revival der Satire und des Surrealen – als institutionelle Kritik für ein breiteres Publikum. Ich würde dem noch hinzufügen, dass es auch ein tieferes Verständnis für die menschliche Natur im Lauf der Geschichte und Literatur braucht, da es zu innerer Läuterung führt.

Vernunft und Fantasie produzieren Wunder statt Monster – aber nur zusammen, erinnert ihr euch? Ein Waschgang konkurrierender Informationen ist die nähest mögliche Utopie, die unsere Spezies erreichen kann. 

An meinem letzten Beispiel zeigt sich, wie fadenscheinig soziopolitische Diskurstrends sein können. Nehmen wir einfach Feminismus in der Kunstwelt, weil ich eine Frau in der Kunstwelt und faul bin. Ich habe es immer gehasst eine Frau, geschweige denn eine Feministin, in der Kunstwelt zu sein; eine Sphäre, in der Ideologie zwar permanent beschworen, aber selten danach gehandelt wird. Sie ist eher masturbatorisches Geräusch und soziale Währung. 

Lange vor #notsurprised habe ich bemerkt, dass mich ein vor sich hergetragener Feminismus nicht schützen wird: nicht vor „feministischen“ Künstlern mit einer offen-geheimen Geschichte an Gewalt gegenüber Frauen und auch nicht vor schlauen Galeristen und Kuratoren, die glauben, Frauen in einer professionellen Sphäre anmachen zu können, nachdem sie als Teil eines Tugend signalisierenden Sichtbarkeitswerbefeldzugs eingeladen wurden, Arbeiten für All-Female-Shows zu produzieren. Jede nützliche Kameradschaft verblasst angesichts von Heuchelei. Worte, die nicht viel kosten, aber das heißt nicht, dass man sie ihnen abkaufen muss. 

 

"Wir sind eine Spezies emotionaler Kriegsmaschinen, es ist einfach sinnlos so zu tun, als ob wir nicht alle unter den richtigen Umständen dazu fähig wären, eine generationsübergreifende Daisy Chain an Schmerz loszutreten"

 

Was bewirken Bewegungen wie #notsurprised und #MeToo tatsächlich? Sie bringen Dinge in Bewegung. Meiner Erfahrung nach ist ein Feld, in dem es um die Freiheit des Ausdrucks und die Liberalisierung von Verhaltensweisen geht, und gleichzeitig eine obsessive Neigung zu Herkunfts-, Geschlechts- und Sexualitätsdefinitionen und deren Subkategorien hat, immer ein guter Scherz mit einer beschissenen Punchline sein wird. Ein hohles Lachen ist für mich schon lange kathartischer als das öffentliche Durchkauen meiner Geschichte als weibliches Opfer im Namen des Feminismus. Natürlich haben mich Männer schon tief verletzt und auf viele Arten unterdrückt – Frauen aber auch. Zumindest waren bis jetzt noch keine Furries dabei ….

 

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Scherz beiseite, es war heilsam, mich außerhalb der öffentlichen Arena zu erholen. Hätte ich während der #MeToo-Debatte über meine persönlichen Erfahrungen geschrieben, hätte ich zur Verfolgung und/oder Aufwertung Einzelner beigetragen. Das wäre allzu einfach. Mindestens genauso lächerlich ist es, eine ganze Gruppe oder ein ganzes Geschlecht an den Pranger zu stellen. Wir sind eine Spezies emotionaler Kriegsmaschinen, es ist einfach sinnlos so zu tun, als ob wir nicht alle unter den richtigen (oder falschen?) Umständen dazu fähig wären, eine generationsübergreifende Daisy Chain an Schmerz loszutreten. Beschuldigt Mütter und ihre Söhne, Väter und ihre Töchter.

Was ist also mein Punkt – außer dass er sich selbst aufhebt? Nichts verändert sich wirklich? Widerstand ist zwecklos? Wenn du selbst keine Meinung hast, fällst du auf die von anderen rein? Wenn du das tolerierst, dann werden deine Kinder die nächsten sein? Noch eine bittere Pille? Nein, mein Punkt ist wie immer, zu zeigen, dass es nicht immer einen Punkt geben muss. Und dass in ganz seltenen Fällen nichts zu sagen so wirkungsvoll ist, wie etwas tun. Ich bin sicher keine Verfechterin davon, wegzulaufen Aber vielleicht möchte ich dazu aufrufen, „die andere Seite“ genauer zu beobachten, bevor man auf sie losgeht oder sie sogar im richtigen Maße ignoriert. Entscheidet selbst oder widersprecht mir, auch wenn ich dann mit Toleranz und Inaktivität zurückschlagen werde. Bewege dich gelassen durch den Lärm der Tweets und Retweets und komm’ selbst drauf. Die Waffen niederzulegen ist eine Art sie zu tragen.

 

ELLA PLEVIN ist Autorin, Stylistein, und Contributing Editor von Spike. Sie lebt in London.

 

– Dieser Textes erscheint in Spike Art Quarterly #56, erhältlich in unserem Online Shop –