One Work

Ein Cyber-Denkmal
 _______INSERT_______ Screenshot von „Brandon", 1998
 Screenshot von „Brandon", 1998
 Screenshot von „Brandon", 1998

1998 gab das Guggenheim Museum zum ersten Mal eine Online-Arbeit in Auftrag – an die Künstlerin und Science-Fiction-Filmemacherin Shu Lea Cheang. „Brandon“ war eine bahnbrechende Arbeit des Cyberfeminismus, die in Pop-ups, live gestreamten Konferenzen und Chatrooms eine nicht-lineare Geschichte von Transidentität, Gender und Technologie erzählt. Seit Kurzem ist die Arbeit wieder online. Von Claire L. Evans

„Brandon“ handelt vom Transmann Brandon Teena, der 1993 in Nebraska nach Aufdeckung seines anatomischen Geschlechts von zwei „Kumpels“ vergewaltigt und brutal ermordet wurde. In Java Applets und digitalen Performances erzählen Shu Lea Cheang und ihre Kollaborateure die Geschichte von Teena, des Techno-Körpers und Gender in den traurigen Weiten des virtuellen Nebraska.
„Niemand – auch ich nicht – kann von sich behaupten, die Arbeit komplett gesehen zu haben“, sagte Cheang damals. Das gilt heute umso mehr. Die netzbasierten Teile von „Brandon“ sind zwar mittlerweile wieder online (auf ihrer alten Adresse brandon.guggenheim.org), doch zur Arbeit gehörten auch Offline-Installationen, Events und digitale Echtzeit-Interaktionen, die sich nur teilweise archivieren oder nicht wiederherstellen lassen.

_______INSERT_______

„Brandon“ hat mehrere Interfaces: „roadtrip“ präsentiert sich in Gestalt der durchbrochenen gelben Linie eines Informations-Superhighways und lässt Brandon auf der virtuellen Route 75 in Nebraska surfen; „bigdoll“ ist ein „neu kombinierter sozialer Körper“ mit Bildern, die sich aufdecken wie in einem Memory-Spiel; „panopticon“, ein Gefängnis, in dessen Zellen Hermaphroditen und kastrierte Triebtäter eingesperrt sind; und „mooplay“, ein Live-Chat, in dem Auftragstexte von Lawrence Chua, der Cyberpunk-Autorin Pat Cadigan und der Digital-Künstlerin Francesca da Rimini getriggert werden. Da Rimini, Gründungsmitglied des australischen Kunstkollektivs VNS Matrix, verdanken wir übrigens das Wort Cyberfeminismus. (Cheang erklärte 1998, sie sei „eine heimliche Cyberfeministin“.)

Selbst das linearste dieser Interfaces, „roadtrip“, ist voller Abzweigungen und Umkehrungen. Pop-up-Fenster machen Umwege zu digitalen Pillen, Biografien von Transsexuellen, dem Fragment eines Suchfensters (ursprünglich AltaVista, jetzt Google) mit dem Eintrag „Brandon Teena“ und zur tragischen Heldin Venus Xtravaganza aus dem Dokumentarfilm „Paris is burning“, die auch ermordet wurde. Ein Schild am Straßenrand mit der Aufschrift „NO PASSING“ führt zu „panopticon“, wo staatliche und medizinische Berichte von Menschen erzählen, deren Gender nicht akzeptiert wurde. Auch „mooplay“ entfaltet eine vergleichbar hypnotische Wirkung: Bei jedem Klick wirbeln Textfragmente auf und mischen sich neu, Worte ohne klare Bestimmung, eine automatisierte Zerstückelung des für die Multi-User-Domains der 90er Jahre typischen Persona-Spiels, was bereits auf die Bots des heutigen sozialen Netzes vorausweist.

Kollaborativ, für Online, Offline und unterschiedliche Schauplätze entwickelt, beinhaltet die Arbeit Interaktionen, Performances und Telepräsenz und verbindet die institutionelle mit einer Online-Öffentlichkeit. Ein Hauptschauplatz war das Theatrum Anatomicum der Waag Society in Amsterdam, wo früher die Leichen hingerichteter Verbrecher öffentlich seziert wurden – eine Version dessen, was Brandon Teena zustieß. Die öffentlichen Diskussionen im Theatrum Anatomicum zu den Themen Gender und Kriminalität oder dem „digisozialen Körper“ wurden simultan auf einer 75-Monitor- Videowand im Guggenheim Museum und im Netz übertragen, wo die Zuschauer in Live-Chatrooms diskutierten.

catolu: *Wo ziehen wir die Grenze, wenn die Linie weder linear ist noch zirkulär, sondern catolu: sich spiralenförmig in den Cyberspace ausdehnt
catolu: und darüber hinaus.  

_______INSERT_______

„Brandon“ ist vor allem von zwei Artikeln inspiriert, die Cheang in der Village Voice gelesen hatte: Donna Minkowitz’ Bericht über den Mord an Brandon Teena und Julian Dibbells kanonischem Essay „A Rape in Cyberspace“. In Dibbells Text geht es um einen Hacker, der in der objekt-orientierten Multi-User-Domain LambdaMOO sein Unwesen treibt. Er benutzt eine Skriptsprache, um die anderen Mitspieler wie „Voodoo-Puppen“ zu kontrollieren und zu demütigenden textuellen Sexualakten zu nötigen. Dibbell bemüht sich zwar, eine Grenze zwischen Cybersex und Cyber-Vergewaltigung zu ziehen, kommt aber zu der Erkenntnis, dass Gender- Identitäten in der Online-Welt für die Beteiligten genauso wichtig sind wie in der Realwelt und die Aberkennung einer solchen Identität als tiefe Verletzung empfunden wird. Genau das ist Brandon Teena widerfahren. Durch einen brutalen Akt sexueller Gewalt wurde er seiner Identität beraubt. „Vielleicht“, heißt es bei Dibbell, „handelt es sich hier überhaupt nicht um den physischen Körper sondern um sein psychisches Double, das Körperbild, das wir in unserem Kopf tragen. Und vielleicht ist es ja gar nicht so wichtig, wie wir bisher gedacht haben, ob wir diesen Körper einander als inkarnierten oder als Wort-Puppe präsentieren.“

Cheangs einem ermordeten Einundzwanzigjährigen gewidmete bewegende und radikale Arbeit spiegelt, ja antizipiert gewissermaßen die ganze Komplexität des Internets als Medium – eines dezentralen Netzwerks mit Akteuren an zahllosen Endpunkten – und vermittelt zugleich einen Eindruck von der Komplexität unseres individuellen Körpers im Kontext dieses Mediums. Indem Cheang auf eine mögliche Analogie zwischen dem „psychischen Double“, als das wir in der Online-Welt auftreten, und jenem anderen Double hinweist, das wir mit uns herumtragen, bahnt sie einer Fülle von Doubles, Triples und Multiplen den Weg, die unablässig miteinander kommunizieren. Allerdings weder linear noch zirkulär, sondern wie eine Spirale in den Cyberspace sich ausdehnend, und darüber hinaus.  

brandon.guggenheim.org

Aus dem Amerikanischen von Christian Quatmann 

CLAIRE L. EVANS ist Ko-Autorin der Pop-Gruppe YACHT. Ihr erstes Buch, eine feministische Geschichte des Internets, erscheint demnächst bei Penguin Random House. Die Autorin und Künstlerin lebt in Los Angeles.