Portrait Giorgio Griffa

 Quasi Una Spirale , 2008 Acryl auf Leinwand Courtesy der Künstler und Casey Kaplan, New York Foto: Jean Vong
 Canone Aureo 820 , 2014 Acryl auf Leinwand Courtesy Galleria Lorcan O’Neill, Rome
 Installationsansicht „The Dance of the Neurons“, Galleria Lorcan O’Neill, Rome 2015 Courtesy Galleria Lorcan O’Neill, Rome
 Canone Aureo 339 , 2014 Acryl auf Leinwand Courtesy Galleria Lorcan O’Neill, Rome
 Dioniso , 1980 Installationsansicht La Biennale di Venezia, 1980 Acryl auf 21 Leinwände Courtesy der Künstler und Galleria Lorcan O’Neill
 Canone Aureo 798 (detail) , 2014 Acryl auf Leinwand Courtesy Galleria Lorcan O’Neill, Rome
 Sezione Aurea - Obliuo - Finale 628 , 2010 Acryl auf Leinwand Courtesy der Künstler und Casey Kaplan, New York
 Paolo e Peiro , 1982 Acryl auf Leinwand Courtesy der Künstler und Casey Kaplan, New York
 Giorgio Griffa , 2014 Courtesy Galleria Lorcan O’Neill, Rome

Warum interessiert man sich gerade jetzt für das Werk Giorgio Griffas? Vielleicht weil er mit seriellen Gesten und ungrundiert an die Wand genagelten Leinwänden schon um 1970 viel von dem vorwegnahm, was die heutige Malerei umtreibt. Eva Fabbris erzählt die Entwicklung dieser Ausnahmeposition zwischen Konzeptkunst und Arte Povera.

Eine nicht aufgespannte, bemalte Leinwand zu falten ist eine einfache, elegante und recht banale Möglichkeit, sie wegzuräumen. Und es betont ihre „Materialität”. „Die Falten sind Teil der Komposition. Aber das ist nur eine formale Eigenschaft und nicht so wichtig. Sie kann sich verändern. Wichtig ist, dass der Stoff selbst ein Protagonist ist – und nicht neutraler Hintergrund. Wichtig ist mir auch, dass sich meine Arbeit über die Zeit verändern kann, wie ein lebender Organismus, und sich die Falten verändern oder verschwinden. Ich falte die Stoffe, weil das die herkömmliche Art ist, sie zu lagern“, erklärt der 1936 in Turin geborene Maler Giorgio Griffa. Wird eine seiner Leinwände für eine Ausstellung hervor geholt, ergänzen die durch die Lagerung entstandenen Falten die darauf gemalten farbigen Zeichen. Für die Hängung wird der Stoff nicht aufgespannt, sondern nur den oberen Rand entlang an die Wand genagelt.

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Das Zusammenspiel von Falten und abstrakten Kompositionen ist in der zeitgenössischen Kunstwelt mittlerweile ein weit verbreitetes Stilmittel: von Tauba Auerbachs ausgefeilten Kompositionen bis zum spröden, ausdrucksstarken Lyrismus von N. Dashs Oberflächen. Es ist verblüffend, in den 1960er Jahren im Werk Griffas eine eigenständige, radikale Vorwegnahme dieser Sensibilität zu finden. Nach einem Jurastudium und dem Besuch der Turiner Accademia Albertina arbeitete er gleichzeitig als Maler und als Anwalt für Zivilrecht. Er gehörte der Bewegung Konkreter Kunst an und stand mit vielen Künstlern im Austausch, vor allem mit Aldo Mondino und den Protagonisten der Arte Povera. Mit letzteren stellte er 1969 in der Turiner Galleria Sperone aus, wo er zuvor eine Einzelausstellung gehabt hatte. Seine erste Ausstellung in den USA war 1970 in der Galerie Sonnabend. In letzter Zeit erfährt Griffas Werk vor allem seit seinen Einzelausstellungen in der Casey Kaplan Galerie in New York 2012 und 2013 erneutes Interesse.

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Griffa ist von der Suche nach einer Form der Malerei bestimmt, „die nichts anderes als sich selbst darstellt“. Er teilte dieses Interesse mit einer Reihe von Künstlern der späten 60er Jahre, die traditionellen Elemente der Malerei zu hinterfragen. Wie der italienische Kritiker Filiberto Menna damals erklärte, war der analytische Ansatz dieses Genres typisch für den Konzeptualismus. In der Konzeptkunst wurde die Notwendigkeit, zu definieren was künstlerische Tätigkeit bedeutet, neu aufgeworfen – mit dem Ergebnis, dass die Struktur der Bildsprache zum Thema wurde. Auch die Malerei begann die linguistischen und poetischen Formen zu integrieren, die für diesen Ansatz typisch waren. „Analytische Malerei“ erforschte die Bedeutungen, die jedem Element der Malerei zugrunde liegen: Leinwand, Farbe und Pinselstrich wurden untersucht und auf ihren Kern reduziert. Das führte oft zu serieller Wiederholung wie man sie aus dem Minimalismus kennt. Doch anders als im Minimalismus ist Griffas Herangehensweise an Malerei nicht programmatisch: „Zunächst einmal ist der Einsatz von traditionell malerischen Materialien keine theoretische Entscheidung für ‚Malerei‘ als Medium im Gegensatz zu anderen. Es ist eine praktische Entscheidung, bestimmt durch meine Möglichkeiten, mein Wissen, meine Fähigkeiten und persönlichen Grenzen. Ich habe immer gesagt, dass Malerei gegenüber anderen Medien weder als privilegiert noch als reduktiv gesehen werden darf.“

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Griffa war methodisch auch mit den Künstlern der Arte Povera verwandt und teilte ihr Interesse daran, Formen aus einer Reihe von Handlungen zu erschaffen. Durch das Flüssige der Acryl-Farbe und die Ungenauigkeit der Spur betont sein Malprozess das Handlungsmoment, während die nicht grundierte Leinwand, die Falten und die lose Hängung „das Physische“ hervorkehren. Die Konzentration auf Gesten, wiederholt und zugleich einmalig, weil handgemacht, teilt er mit seinem Freund Alighiero Boetti. Und dann sind da die Arbeiten von Mario Merz, in dem die Welt der Physik und der Biologie sowohl Symbole wie faktische Realitäten sind, auch sie festgehalten auf Leinwänden ohne Keilrahmen. Zum Beispiel Merz’ „La natura è l’equilibrio della spirale“ (1976): eine rohe Leinwand mit den ersten Zahlen der Fibonacci-Folge, gemalt in wässrigem Rot und mit echten Schneckenhäusern, spiralförmig aufgeklebt als Embleme für organische Ausdehnung. Obwohl Griffa der Abstraktion treu blieb, hatte er eine ähnliche Idee von Kunst als Konstruktion der Wirklichkeit und des Kunstwerks als beinahe lebendigem Organismus, der für sich in Zeit und Raum existiert.

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Griffa arbeitet in Serien, die alle ein Anfangsdatum haben, aber nicht unbedingt einen Abschluss. 1967 begann er mit „Segni primari“ [Primäre Zeichen], in der die originellsten und radikalsten Aspekte seines Werks zusammen finden: die Flächigkeit und die Serialität von Zeichen, die kontrolliert in ihrer Unvollkommenheit, aber klar handgemacht sind. Mitte der 60er entstand die Serie „Connessioni e Contamina zioni“ [Zusammenhänge und Kontaminationen], mit der die Möglichkeit auftrat, Form und Größe der Zeichen zu variieren. Dann folgte schließlich „Frammenti“ [Fragmente], für die die Leinwand bemalt und in unregelmäßig geschnittenen Stücken über den Ausstellungsraum verteilt wurde; und „Alter Ego“, die sich Griffas Hauptinspirationsquellen aus der Malereigeschichte annimmt: „Matisse, Yves Klein, Klee, Tintoretto, Beuys, Paolo Uccello, Dorazio, Brice Marden, Merz, Anselmo, die Romanik, die internationale Gotik, der Laokoon und andere.”

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Bislang existieren acht unabgeschlossene Serien nebeneinander. Die jüngste, „Golden Ratio“, Anfang der Nuller Jahre begonnen, widmet sich dem Goldenen Schnitt. Hier mischen sich Zahlen unter die gemalten Zeichen. Jedes Element, das Griffa in sein Malerei-System aufnimmt, tritt neben die schon vorhandenen. Seine künstlerische Vision ist frei von der Vorstellung eines definitiven Endpunkts. Vielmehr formulierte er sie in Jahrzehnte langen Hinzufügungen. Und diese konstante, minimale Hinzufügung unterstreicht einmal mehr die Bedeutung des Prozesses in Griffas Werk.

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Was für die Serien gilt, trifft auch auf einzelne Arbeiten zu: Die farbigen Linien haben eine Richtung oder Neigung, aber kein Ziel. Man kann nicht sagen, dass sie abbrechen; eher lassen sie an einen lyrischen, ätherischen Stillstand denken. Flüssig vielleicht. Welle auf Welle. Wie jede Welle auch, ist jede Linie Griffas in ihrer Form und ihrer Stimmung einzigartig. Dennoch wiederholt sie sich: Steht man vor einer seiner Arbeiten, pendelt man zwischen dem Verlangen sich auf jede einzelne Linie zu konzentrieren und ihr zu folgen und dem Vergnügen zu wissen, dass es noch eine weitere gibt – und dann noch eine. Die Serie, das Ensemble und die Wiederholung beruhigen und führen den Betrachter zu einer heiteren, bewussten Art von Konzentration.

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Der Goldene Schnitt in Griffas Serie „Golden Ratio“ bezieht sich auf das mathematische Prinzip, das auch der Fibonacci- Reihe zugrunde liegt. Der Goldene Schnitt ist ein algebraisches Verhältnis, das sich in geometrischen Figuren wie der Spirale findet. Seit Jahrhunderten gilt es im Westen als Maß, das Proportionen vollkommener Schönheit hervorbringt. Die Spirale öffnet sich in die Unendlichkeit, und wir können uns nur ausmalen, wo sie einmal enden wird. Auch über ihren infinitesimalen Kern lässt sich nachdenken, so wie es Griffa macht, wenn er den Zahlenwert des Goldenen Schnittes in seine Malereien aufnimmt (1.6180339 …). Nur dass dieser Wert nicht endgültig ist, da die Dezimalstellen nie aufhören: Sie sind unendlich, beschreiben also ihrerseits einen nie endenden Vortex. Diese Gleichung, die den vollendetsten Gebrauch von Raum in der Natur wie in der Kultur bestimmt, dehnt sich in ihrem Inneren immer weiter aus, in einem abstrakten Raum – der Kunst Giorgio Griffas.

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Aus dem Englischen von Nikolai Richter.

Eva Fabbris ist Kuratorin und Autorin. Sie lebt in Mailand.

Giorgio Griffa, geboren 1936 in Turin. Lebt in Turin. Ausstellungen: A Retrospective 1968 – 2014, Centre d’Art Contemporain Genève, Genf (solo); Artists and Poets, Secession, Wien (2015); Galleria Lorcan O’Neill, Rom (solo); The Douglas Hyde Gallery, Dublin (solo) (2014); 39greatjones, Galerie Eva Presenhuber, Zürich (2013); Mies van der Rohe Haus, Berlin (solo); Fragments 1968 – 2012, Casey Kaplan, New York (solo) (2012); MACRO, Rom (solo) (2011). Vertreten von: Casey Kaplan, New York; Galleria Lorcan O’Neill, Rome.