Portrait Heimo Zobernig

Nix ausgeliefert
 Foto: Lukas Gansterer
 Heimo Zobernig Nr. 24 mit 1 Skulptur, 2007 Video, Skulptur (grünes Nesselgewebe aus Trevira Television CS, Styropor) 47 x 329 x 188 cm Installationsansicht Galerie Chantal Crousel, Paris 2012 Courtesy der Künstler und Galerie Chantal Crousel, Paris Foto: Florian Kleinefenn
 Ein Fernsehstudio für UTV  Installationsansicht Galerie Christian Nagel, Köln 1997 Courtesy der Künstler und Galerie Nagel Draxler, Berlin/Köln
 Heimo Zobernig untitled, 2013 Acryl auf Leinwand 200 x 200 cm Courtesy der Künstler und Galerie Meyer Kainer, Wien
 Ausstellungsansicht „Heimo Zobernig“, Generali Foundation, Wien 1991
 untitled, 2011 Acryl auf Leinwand 200 x 200 cm Courtesy der Künstler und Simon Lee Gallery
 Installationsansicht INIT-Kunsthalle Berlin, 1998 Courtesy der Künstler und Galerie Nagel Draxler, Berlin/ Köln

Jetzt sind wir soweit: alle Menschen sind Künstlerinnen und Künstler. Zum Erfolg geführt hat nicht Kreativität, sondern die Tatsache, dass sie als Allrounder einsetzbar sind und sich gerne ausbeuten lassen. Das mindestens behauptet Daniel Baumann im Gespräch mit dem österreichischen Künstler Heimo Zobernig. Dieser jedoch zeigt sich sperrig und sieht hier vor allem Feuilletondenken am Werk. Ob sie sich streiten? Wer auch immer Recht hat, eines ist sicher: das ewige Reden über den Kontext frisst die Kunst.

BAUMANN: Wie ist das mit dem Künstlersein?

ZOBERNIG: Es gibt Momente, da finde ich es ganz besonders gut, das Künstlersein, aber auch die Momente, in denen ich es gänzlich vergesse, schätze ich sehr.

BAUMANN: Du wirst als Maler, Bühnenbildner, Zeichner, Plastiker, Performer, Videokünstler, Architekt, Buch- und Ausstellungsgestalter, Theoretiker bezeichnet und bist seit über dreißig Jahren tätig. Was hat dich daran interessiert, diese Rollen zu übernehmen, dich jeweils anderen Abhängigkeiten auszuliefern?

ZOBERNIG: Nix ausgeliefert. Das ist alles irgendwie eins, in aller Freiheit, geleitet vom Gestaltungszwang. Das Material, das Medium, ist der Widerstand beim Formen. Eine Skulptur ist ein Bild ist ein Film .... Als ich vor über dreißig Jahren angefangen habe, waren die Disziplinen durch die Dekade davor ordentlich durcheinander gekommen. Sich auf eine zu beschränken war damals eher die Ausnahme. Für manche hatte das ja auch existentielle Gründe gehabt. Zum Beispiel grafische Aufträge zu machen, um Geld zu verdienen. Es gab, ich glaube Anfang der 1990er, den Begriff „Slash People“, das meinte, dass auf der Visitenkarte mehrere Praktiken aufgeführt waren – Design/Sculpture/ Video. Aber irgendwie ist das eh normal, dass man als Künstler oder Künstlerin mal dies oder das macht.

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BAUMANN: Ich frage deshalb, weil mir scheint, dass Deine Arbeit von Anfang an diese Vorstellung des „freien Künstlers“ mitvehikuliert hat, mit ihr spielt. Es gibt diese selbstbewusste Bescheidenheit im Material (Karton, Grundfarben, usw.) und das Sich-in-den-Dienst-Stellen. Es kommt aber nie polemisch daher, wie von jenen, die laut das Ende oder den Anfang von etwas verkünden. Täusche ich mich, oder spricht heute niemand mehr von der Rolle des Künstlers? Alle sprechen vom Markt oder wie die Ökonomie die Beziehungen bestimmt, aber der Künstler als Figur ist verschwunden bzw. irrelevant bzw. alles gleichzeitig. Er schreibt ja auch die Pressrelease jetzt selbst, kauft auf dem Sekundärmarkt die eigenen Bilder zurück und macht Trailer für seine Shows. Alle sind mehr Slash People, als wir je dachten. Oder ist das falsch beschrieben?

ZOBERNIG: Wie schon erwähnt folge ich einem Gestaltungszwang. Mein Verhältnis dazu ist im Laufe der Zeit ein sehr professionalisiertes geworden. Das basiert auf Kompetenz und natürlich auch auf einer Ethik – gerne Haltung genannt. Von Haltung spricht man zur Zeit ja nicht mehr so wie in den 80ern. Das finde ich aber auch gut so, da hatte man Haltung so stark in den Vordergrund gestellt, vor das Formale. Lieber nichts tun als das Falsche machen.
Ich finde keineswegs, dass alle vom Markt sprechen. Wenn ich mit meinen Freunden oder Studenten diskutiere, ist das nicht das große Thema, mein Alltag ist vom Machen bestimmt und nicht vom Geld Zählen. Ich habe natürlich auch bemerkt, dass das Feuilleton sich zur Zeit total darauf fokussiert. Das finde ich ziemlich öde, weil viel Lärm um ein kleines Segment im ganzen Kunstfeld gemacht wird. Da wendet man sich besser an diese Autoren und fragt sie, warum sie an der Kunst nichts Interessanteres finden.
Selbst seine Pressrelease zu schreiben und sich um die Kunst als Ware zu kümmern ist ja für jede Künstlerin ein guter Schritt in die Selbstermächtigung, eben nicht dem Wohlwollen des Betriebs ausgeliefert zu sein. Im Übrigen haben das erfolgreiche Künstlerinnen schon immer gemacht – das ist gar nicht neu, das kann man bei genauem Studium der Geschichte alles lesen, aber wird eben immer wieder vom befreiten Künstler-Mythos verstellt. Dass bei diesem Gewerbe auch finanzielle Umstände eine Rolle spielen ist doch selbstverständlich. Der ganze Betrieb hat sich natürlich gewandelt, wenn man an die Ausbildung an den Akademien denkt – die gut ausgebildeten Künstlerinnen und Künstler mit Umsicht, Weitsicht, Verlässlichkeit und stabilem Charakter sind das Modell der Gegenwart.

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BAUMANN: Gerade das oben beschriebene Modell des stabilen Künstlers, der umsichtigen Künstlerin, ist doch genau Ausdruck des Zustandes, wie er das Feuilleton beschreibt und beschwört. Es ist zugegebenermaßen ein ödes, streckenweise selbstmitleidiges Klagen, aber mittlerweile bauen Ausbildung und Vermittlung auf diesem Künstlerbild auf, haben es internalisiert. Da kann man ja gleich die Akademie schließen. Ich bin mir auch nicht mehr sicher, ob es sich wirklich noch um Selbstermächtigung handelt. Geht es nicht viel mehr um Selbst-Promotion, um ein ewiges sich „Liken“?

ZOBERNIG: Wieso Akademie schließen? Sollen die Künstler wieder naiv und dumm sein? Den eloquenten Selbstbeschreibungen der Autoren muss man ja nicht glauben. Das ist sicherlich fatal, dass die Kritik und Vermittlung sich nicht mehr die Mühe machen genau hinzusehen, zu lesen und zu überprüfen, ob denn der Text zum Werk überhaupt passt oder ob er eben ein ebenso zu deutender Subtext ist. Das Selbstpromoten wurde in der Vergangenheit doch genauso, wenn nicht noch mit viel mehr überzogener Präpotenz, praktiziert.

BAUMANN: Mich interessiert die Rolle des Künstlers heute, ob sie sich tatsächlich so sehr verändert hat, wie es scheint: Du warst 1992 und 1997 zur documenta eingeladen, 1997 auch zu den Skulptur Projekten Münster. Für alle drei Großanlässe hast Du „angewandte“ Werke realisiert, für Münster die Großplakate, die als Werbung und Wegleitung funktionierten, für die documenta einmal das Bühnenbild für die Konzerte, dann den Vortragssaal und das Café. Da wurde genau auf den Punkt gebracht, wie der Künstler bei solchen Ausstellungen immer auch Dienstleister ist für den Ort, das kuratorische Konzept und sich selbst. Somit waren alle Projekte auch Analyse zu Stellung und Funktion des Künstlers. Andere haben Ähnliches erprobt, aber keiner mit dieser lakonischen Präzision. Nun ist dieses Vorgehen im Mainstream angekommen, es wurde zum Modell, auf das sich Kunsthochschulen abstützen und wurde sozusagen zum Gemeinplatz. War das so gemeint?

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ZOBERNIG: Dass das akademisiert wird, davon ist doch auszugehen. Wenn es nicht erfolgreich gewesen wäre, vielleicht nicht. Es wurde dann zu einem Art Genre und von manchen weiterentwickelt oder auch nur so getan als ob. Schon damals habe ich neben der Funktionalität betont, dass es sich um Skulpturen handelt. Die Diskussion hat sich zu dieser Zeit entfaltet. Jetzt liegt das vor und wird Kunstgeschichte. Es ist nicht wichtig – ob ich das so gemeint habe. Auch wenn es zunächst fast unsichtbar war – ich habe daran gearbeitet, dass es sichtbar wird.

BAUMANN: Orientieren sich Deine Studenten weiterhin an Texten? Gibt es Theoretiker, Philosophen und Kritiker, die besonders viel Aufmerksamkeit erhalten, oder hat die Theorie an Anziehung verloren?

ZOBERNIG: Das ist je nach Temperament verschieden. Manche brauchen das nicht. Manche haben profunde Vor- oder Parallelstudien und sind tolle Denkerinnen. Insgesamt ist das Niveau besser als früher, weil das mittlerweile zum Akademieprogramm gehört.

BAUMANN: Und gibt es Autoren, die oft auftauchen? Themen? Und du selbst? Du hast oft betont, dass Text und Buch wichtig sind, bis hin zu deinen Künstlerbüchern über Bücher. Gab es in letzter Zeit Publikationen, die dich begeisterten oder verwirrten?

ZOBERNIG: Viel wird im Internet gelesen (lacht). Ich lese die ganze Zeit Wittgenstein ... nein im Ernst, das Feld ist weit. Viele Studentinnen sind in ihrer Lesekultur sehr gebildet ... von Georges Bataille, Karl Mannheim, Michel Serres, Svetlana Alpers, Jens Soentgen bis Bazon Brock. Sehr selten bin ich mit Theoriegelaber konfrontiert. Das Bewusstsein vom Unterschied zwischen Theorie und den Erfahrungen mit dem eigenen Tun ist meist sehr entwickelt. Bei mir liegt immer eine Vielzahl von Büchern neben dem Bett. Seit einer Weile lese ich immer wieder in „Patio and Pavilion“ von Penelope Curtis, begeistert habe ich Bernd Stieglers „Belichtete Augen“ gelesen – sehr kurios. Eine Zeit lang habe ich in Peter Bieris „Das Handwerk der Freiheit“ gelesen, und nun ist mir von Juliane Rebentisch „Die Kunst der Freiheit“ in der Buchhandlung begegnet – da komme ich sehr langsam voran – mal eine Seite vorne, mal eine Seite in der Mitte ... liegt mehr als Dekoration da.

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BAUMANN: Kehren wir nochmals zum Künstlerdasein zurück. Es gab in deinem Fall zwei Karrieren. Eine erste, internationale, bis Anfang 2000 mit wichtigen Einzel- und Gruppenausstellungen und sogar Retrospektiven. Größere Galerien interessierten sich für dich, du hast aber nicht gewechselt. Dann verebbte es merklich. Vor ein paar Jahren ging es wieder los, wie du selbst gesagt hast, auch in den USA mit der Friedrich Petzel Gallery und einer jüngeren Generation von Künstlern, die deine Arbeit für sich entdeckten. Hat sich das auf Deine Arbeit ausgewirkt? Wäre es esoterisch zu sagen, dass das Auftauchen der menschlichen Figur als Skulptur und der neuerliche Auftritt gestischer Malerei in einem Zusammenhang mit diesen Entwicklungen stehen? Oder sind sie rein werkimmanent zu betrachten?

ZOBERNIG: Da trifft deine Wahrnehmung nicht ganz zu. Verebbt ist es nicht. 2002 und 2003 hatte ich die großen Ausstellungen in Wien, Basel, Düsseldorf, dann durfte ich mich ein bisschen erholen, aber in dieser Zeit hatte ich Ausstellungen in Japan, Australien, Korea. Die Ausstellungsfrequenz war immer steigend – halt etwas flacher. Zu viel Erfolg kann für ein gutes Leben negativ sein. Ab 2005 hat sich das Format geändert, größer und mehr Museen. Die Figur kommt ins Werk, unter anderem, mit dem Beginn der Professur in Wien. Ich hab mich gefragt, warum das Figurative so total aus der Akademie-Praxis verschwunden ist und wollte provokativ damit herumarbeiten, an einer Schaufensterpuppe, den Studenten etwas vorhüpfen. Die gegenwärtige Malerei sehe ich ganz sicher als werkimmanent. Gerade zeige ich in Paris bei Chantal Crousel Arbeiten auf Papier und aktuelle Bilder. Da kann man ganz klar sehen, wie sich das ergänzt.

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BAUMANN: Als Nichtösterreicher fragte ich mich, warum du erst 2015 dazu eingeladen wirst, den österreichischen Pavillon in Venedig zu bespielen. War es die erste Einladung? Hast du im Kopf schon mehrmals diesen Pavillon durchinstalliert?

ZOBERNIG: Hm, ja eh – ich weiß nicht – vielleicht – schon ja – aber du möchtest es wahrscheinlich ein bisschen ausführlicher. Also: im Arsenal war ich schon zweimal, kollateral einmal mit Franz West im Palazzo Barbarigo und mit einer großen Arbeit aus Murano Glas im Museo Ca’Rezzonico. In der Tat hab ich mir im Laufe der Jahre immer wieder Gedanken für den Pavillon gemacht. Ich finde den Zeitpunkt meiner Einladung sehr gut. So liegt das nun eben noch vor mir – und ist nicht schon lange vorbei und vergessen. Mein Vorhaben ist ganz neu und basiert nicht auf alten Überlegungen, bezieht sich aber trotzdem auf Arbeiten, die ihren Keim schon in den 80ern haben. Vielleicht bin ich aber erst jetzt in der Lage das in der richtigen Weise umzusetzen.

Daniel Baumann Ist Direktor der Kunsthalle Zürich.

Heimo Zobernig, geboren 1958 in Mauthen, Österreich. Lebt in Wien. Ausstellungen: Österreichischer Pavillon, Biennale Venedig; Galerie Meyer Kainer, Wien (solo), Galerie Chantal Crousel, Paris (solo) (2015); kestnergesellschaft, Hannover (solo); One Million Years – System und Symptom, Museum für Gegenwartskunst, Basel; Mudam Luxembourg (solo) (2014); Against Method, Generali Foundation, Wien; Kunsthaus Graz (solo), GEO-NEO-POST, Vasarely Múzeum, Budapest (2013); Museo Reina Sofía, Madrid (solo) (2012); The Indiscipline of Painting, Tate St. Ives, Cornwall; ohne Titel (in red), Kunsthalle Zürich (solo) (2011). 

VERTRETEN VON: Petzel Gallery, New York; Meyer Kainer, Wien; Simon Lee Gallery, London; Galerie Chantal Crousel, Paris; Galleria Gentili, Prato; Galerie Micheline Szwajcer, Brüssel; Galerie Nicolas Krupp, Basel; Galería Juana de Airpuru, Madrid; Galerie Christian Nagel, Köln/Berlin; Galerie Bärbel Grässlin, Frankfurt/Main; Galerie Christine Mayer, München

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