Portrait Korakrit Arunanondchai

Neue Gewebe
 "Untitled (Body Painting 2)", 2013; Acryl auf Denim und Tintenstrahldruck, Leinwand und 100 DVDs, 218 x 162 cm; Courtesy of the artist and Clearing, New York/Brussels
 Filmstill aus 2557 (Painting with history in a room filled with men with funny names 2) mit Korapat Arunanondchai, 2014; HD video, 23:45 min; Courtesy of the artist and Carlos / Ishikawa, London  
 Filmstill aus "2557 (Painting with history in a room filled with men with funny names 2)" mit Korapat Arunanondchai, 2014; HD video, 23:45 min; Courtesy of Carlos / Ishikawa, London
 Production still aus "Painting with History in a room filled with men with funny names 3", 2015  
 Installationsansicht "2557 (Painting with history in a room filled with men with funny names 2)" mit Korapat Arunanondchai; Carlos / Ishikawa, London 2014; Courtesy of the artist and Carlos / Ishikawa, London  
 "2012-2555", 2012 Performance, 2-Kanal-Videoloop, Flatscreen, Metall, Holz, Plastik, Digitaldruck auf Leinwand, Digitaldruck auf Vinyl, Neonröhren, Plastikblumen, 518 x 366 x 366 cm; Photo: Joshua White; Courtesy of the artist and Clearing, New York/Brussels  
 Installationsansicht "Letters to Chantri #1: The lady at the door/The gift that keeps on giving" mit boychild, The Mistake Room, Los Angeles 2014; Photo: Josh White/JW Pictures  
 Filmstill aus "2557 (Painting with history in a room filled with men with funny names 2)" mit Korapat Arunanondchai, 2014; HD video, 23:45 min; Courtesy of the artist and Carlos / Ishikawa, London  
 Ausstellungsansicht "Painting with history in a room filled with men with funny names 2" mit Korapat Arunanondchai, Bill Brady Gallery, Kansas City 2013  

Mit Installationen aus Jeansstoff, farbenprächtigen Malereien und spektakulären Videos hat es der Künstler in kurzer Zeit zu großer Popularität gebracht und scheidet damit die Geister. Von Harry Burke

Im Juni 2012 löste die Kandidatin der Fernsehshow „Thailand’s Got Talent“ Duangjai Jansaunoi eine Kontroverse aus, als sie ihre Button-Down-Bluse auszog und anfing, vor laufender Kamera mit ihren nackten Brüsten auf eine Leinwand zu malen. Das Publikum war begeistert. Jurymitglied Pornchita Na Songkhla aber verließ das Studio und die Kulturministerin Sukumol Kunplome erklärte, man betrachte Nacktheit im Fernsehen als unangemessen. Später entschuldigte sich Jansaunoi öffentlich.

Aufnahmen dieses Zwischenfalls tauchen in dem Film „2556“ (2013) des thailändischen Künstlers Korakrit Arunanondchai auf, und Jansaunois Malereien dienten ihm als Inspiration für seine farbenprächtigen Bodypaintings auf angesengtem Jeansstoff. Jansaunoi erlebte in der thailändischen Fernsehshow etwas Ähnliches wie junge Künstler, wenn sie in die Kunstwelt treten: Sie müssen sich mit ganzem Körper investieren und sind vom ersten Schritt an Beobachtung und Urteil ausgesetzt. Arunanondchai scheint sich dessen absolut bewusst zu sein. In Institutionen wie dem MoMA PS1 oder dem ICA in London führt er Jansaunois Bodypaintings in Performances neu auf, wo er auch selbst rappend auftritt und die mit Farbe beschmierte Künstlerin boychild auf einem rauchumwölkten Podest performt. Strukturell gesehen gleicht das einer opulenten Umsetzung der Erfahrung, etwas auf Instagram zu posten:

Man schafft sich sein Publikum selbst um dann vor diesem zu performen.

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Beharrlich hält sich in Europa die Auffassung, Kunst habe sich gegenüber ihrer Geschichte zu verantworten; Malerei habe dem Kanon der Malerei Rechnung zu tragen und Kunstkritik dem Kanon der Kunstkritik. Auch das ist Arunanondchai bewusst. Die Titel seiner Werke und Ausstellungen sprechen immer wieder von „Malerei mit Geschichte in einem Raum voller Männer mit lustigen Namen“. („Lustige Namen“ spielt darauf an, dass thailändische Namen für Europäer kompliziert und schwer zu merken sind, aber auch darauf, wie lustig umgekehrt ein Name wie Yves Klein für thailändische Ohren klingt, erzählt Arunanondchai.) Doch wirken seine künstlerischen Referenzen so unbekümmert, als reiche die Geschichte nicht weiter zurück als bis 2012; oder bis 2009, zu Arunanondchais Studienzeit; oder vielleicht gerade noch bis zu ein paar Kindheitserinnerungen an die Großeltern. Man denkt: Okay, du spielst in deinem eigenen Video. Tun wir das nicht alle?

Betritt man eine von Arunanondchais Ausstellungen, wird man direkt umgehauen, so farbenfroh und gemütlich wirkt hier alles. Man fällt in einen Sitzsack oder einen Massagesessel. Okay, was schaut man sich jetzt an? Das Handydisplay? Vielleicht doch mal das Video? Okay. Die Malereien vielleicht, aber die hat man ja schon mal irgendwo gesehen. Oder – vielleicht auch nicht. Ist vielleicht einfach nur schön, hier zu sitzen. Aber Moment, was ist denn das für ein Gefühl – Gleichgültigkeit?

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Arunanondchais Kunst lässt sich kaum an einem Objekt oder einem Event festmachen. Seine extrem stilisierten Malereien sind wie Derivate, die einfach in eine Performance oder einen Ausstellungsraum transferiert worden sind. Doch wenn man die Ausstellung nicht verlässt, zieht sie einen in etwas hinein, das alles zusammenhält.

Wenn es keine Objekte sind, die wir hier sehen, auch keine wirklichen Ereignisse, wenn wir über sie hinausblicken, was ist es dann, was wir sehen?

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Arunanondchai arbeitet in unterschiedlichen Medien wie Video, Skulptur, Malerei, Musik und Performance – da ist ordentlich etwas los. Er greift bestimmte Themen auf, macht sie sich zu eigen, baut sie aus und flicht sie wie Erinnerungen, die während eines Gesprächs auftauchen, in seine Arbeit ein. Eines davon ist Bodypainting. Ein weiteres ist Denim, der Jeansstoff, den Korakrit und sein Team bei Performances tragen und der ihm für seine Bodypaintings und in Installationen als Hintergrund dient.

Einst teurer Luxusartikel wurde Jeans in Thailand im Zuge der Industrialisierung seit den 1970er Jahren erschwinglich und ist heute allgegenwärtig. Als Symbol für US-amerikanische Subkultur, die sich zum Exportschlager wandelte, ruft er Globalisierung auf – aber auch das Lokale, insofern Jeans in jedem Markt auf regionale Subkulturen zugeschnitten werden. Stände in Bangkok verkaufen Denim im Thai-Style mit Pailletten und Disney-Motiven. Weniger analytisch betrachtet ist Jeans auch einfach nur ein gängiger Kleiderstoff. Arunanondchai sagt, er habe angefangen ihn zu verwenden, weil er einfach überall war.

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Das Bild eines allgegenwärtigen Gewebes stellt die überzeugendste, vielleicht auch poetischste Metapher in Arunanondchais Werk dar. So schweift auch der Blick in seinen Videos ausgelassen umher: Mal streift die Kamera durch die Straßen der Großstadt, mal durch Wälder, um dann bei einem Hundefell zu verweilen, bei einer Person, ein paar Wolken, schwimmenden Fischen, einer Partyszene, oder bei Arunanondchai mit seinen Freunden oder Großeltern: herrliche, atmosphärisch dichte, unbeschwerte Bilder – sieht alles sehr schön aus. Sie bilden weniger einen spezifischen Text oder Kontext als vielmehr eine Textur.

In Ausstellungen baut Arunanondchai diese Videos zu immersiven Installationen aus. Sie sind wie Bühnen, und beim Betreten fühlt man sich als wäre man auf einem Filmset. In den Installationen setzt sich die Logik der Videos fort. Es macht nicht den Eindruck, als wollten sie eine Geschichte erzählen, eher schaffen sie eine bestimmte Umgebung. Die leuchtenden Farben gehen ineinander über wie auf einem T-Shirt von einem Marktstand in Brooklyn oder Bangkok. Sie sind von Skulpturen bevölkert, die die Themen des Videos ausbuchstabieren. Schaufensterpuppen in Fußballtrikots verweisen auf Manchester United – ebenfalls ein Symbol der Globalisierung, das auch für Teamgeist, Gemeinschaft und eine allgemeine Idee von „Zusammensein“ steht. Ihre Haltung wirkt affektiert und leblos. Manchmal sind Kissen um sie herum gestreut,  die wie in Jeans gepackte Wolken wirken, oft mit Flammenmuster bedruckt. Man kommt diesen Installationen nicht recht bei, behandelt man sie als Bilder, Objekte oder Performances. Wie gesagt, am ehesten bilden sie Texturen.

Diese Texturen laden ein, den Blick über die konkreten Objekte oder Events hinaus auf die Zirkulation von Dingen zu richten, die Objekte oder Events umgibt und prägt. Sie sind einem Gewebe auf der Spur, das jenseits des unmittelbar vorhandenen liegt.

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Für das diesjährige Projects-Programm der New Yorker Frieze wird der Künstler Massagesessel aus Denim produzieren, in denen Besucher der Aufzeichnung von Gesprächen lauschen kann, die der Künstlers mit seinem Bruder (kein Künstler) 2014 auf der Frieze London führte. In solchen Momenten treten die problematischen Seiten seines Werks zutage: nicht zuletzt der Umstand, dass er aus seiner Position des Anderen auf dem westlichen Kunstmarkt Kapital schlägt. Man sieht schon alle, die kunsttheoretisch einigermaßen auf dem Laufenden sind, die Augen verdrehen und Bingo rufen – solange sie sich nicht so cool sind, einfach gleich wieder rauszugehen. Die fehlende antagonistische Spannung dieser Arbeit bestätigt in gewisser Weise nur den strukturellen Antagonismus, in dem sie steht. In einer Presseerklärung auf der Webseite von Frieze heißt es, diese Arbeit werde „die Struktur der Kunstmesse selbst unterbrechen“. Das stimmt nicht – das Werk wird die Struktur der Kunstmesse direkt mitkonstituieren, genauso wie die des Fernsehstudios und auch die der brutalen, verflochtenen Wege des postkolonialen Kapitalismus. Es gibt keine Unterbrechung, nur die bestehenden gesellschaftlichen Beziehungen.
Was bleibt zu tun? Erweiterte Kunstpraxen wie die Arunanondchais sind in einem Moment auf den Plan getreten, als es unmöglich schien, sich der totalen sozialen Kontrolle noch irgendwie zu entziehen. Es gibt keinen Ausgang; nur einen Sessel, der für uns bereit steht, solange wir bleiben.

 

Harry Burke ist Autor und arbeitet als Assistenzkurator und Online Redakteur für Artist Space in New York. Er ist Herausgeber des Gedichtbands I Love Roses When They’re Past Their Best (Test Centre, 2014) und veröffentlichte das E-Book City of God mit eigenen Gedichten (Version House, 2014).

Aus dem Englischen von Michael Müller

Korakrit Arunanondchai, geboren 1986 in Thailand, lebt in New York und Bangkok.
Ausstellungen:
Private Settings. Art After the Internet, Museum of Modern Art, Warschau; Beware Wet Paint, ICA, London; 2557 (Painting with history in a room filled with men with funny names 2) (mit Korapat Arunanondchai), Carlos/Ishikawa, London (solo); Letters to Chantri #1: The lady at the door/The gift that keeps on giving (in Zusammenarbeit mit Boychild), The Mistake Room, Los Angeles (solo); MoMA PS1, Long Island City, NY (solo) (2014); High Desert Test Site 2013, Joshua Tree; Muen Kuey (It’s always the same), Clearing, Brüssel; Painting with history in a room filled with men with funny names, Clearing, New York (2013); Double Life, Sculpture Center, New York.
Vertreten von Carlos/Ishikawa, London; Clearing, New York/Brüssel.