Portrait Lily van der Stokker

 

I am an artwork and I am 3 years old,  2004
Acryl auf Wand und Box 
Courtesy die Künstlerin und
kaufmann repetto, Milan/New York

Lily van der Stokkers Wandmalereien und Installationen spielen mit dem Dekorativen, dem Netten und Mädchenhaften. Klatsch und Tratsch, Celebrityfreunde, der ewig dreckige Haushalt – die Museumswand wird zum Tagebuch voller bunter Blumen und Wolken. Damit hat die Künstlerin nicht nur einen eigenen Umgang mit Bild und Sprache entwickelt, sondern auch eine feministische Strategie: „Nonshouting Feminism“, wie sie es nennt.

„Ich liebe das Dekorative – die Blumen, die Locken und die Nichtigkeit. Ich liebe all das, weil ich ein Mädchen bin, aber ich bin eben auch eine Künstlerin und liebe alles, was ich gelernt habe, Minimalismus zum Beispiel und Konzeptualismus.“ 
Lily van der Stokker im Gespräch mit John Waters, 2010 

Ein pinker Gelschreiber, der auf einem Ordner liegt, beginnt während einer Freistunde in Kringeln und Schleifen über die Oberfläche eines Notizbuchumschlags zu tanzen. Ein Zauberstab, eine magische Flöte, Harolds Zauberkreide – aus einem rosigen Hauch wächst eine ganze Welt. Vielleicht is es ja auch einer dieser Kugelschreiber, der per Knopfdruck immer eine neue Farbe hat: fluoreszierendes Orange oder Neon- Gelb, kühles Blau oder Pastellgrün. Und aus den verschlungenen, formlosen Formen werden unbefangene Bilder und Muster.

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Ein Doodle ist eine Zeichnung, die entsteht, wenn man abgelenkt ist, die sich gewissermaßen am Rand befindet [im Deutschen „Männchenmalen“ oder „Telefonzeichnung“]. Manche (Möchtegern-Surrealisten und Psychodoktoren) mögen behaupten, dass Doodles all die Dinge träumen, die dir selbst, aus welchen Gründen auch immer, verboten sind; unterdrücktes Begehren.

Was vielleicht als gelangweilter Schnörkel begann, wird von Minute zu Minute ausgefeilter. Dieses gewöhnliche Blatt Papier, das sich für so vieles anbietet, auf dem die Rede eines Anwalts bei Gericht genauso Platz hat wie die Axiome eines Mathematikers, dieses modulare, massenhaft hergestellte Ding mit seinen strengen Linien und starren Flächen ist zu etwas anderem geworden. Es ist nicht mal mehr ein Ding, es ist ein belebter Körper geworden, und die Worte sind nicht mehr nur nutzlose Gedanken und Tratsch, sondern sind auch das stille Rauschen des Lebens, jener Herzschlag, der allzu leicht als trivial abgetan wird.

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Diese verschwurbelten Formen tanzen aus den Stiften und den Pinseln von Lily van der Stokker. Geboren 1954 im niederländischen Den Bosch, zog sie 1983 nach New York, um dort mit Carolien Stikker und Jack Jaeger (bis zu seinem Tod 2013 van der Stokkers Lebenspartner) eine namenlose Galerie zu eröffnen (die später Stokker Stikker heißen sollte). 1986 schloss die Galerie und seitdem pendelt van der Stokker als Künstlerin zwischen Amsterdam und New York. Sie hatte über 60 Einzelausstellungen, darunter „No Big Deal Thing“ in der Tate St. Ives, „Sorry, Same Wall Painting“ im New Yorker New Museum und „Terrible“ im Museum Boijmans van Beuningen in Rotterdam.

Diese Titel sind wichtig, sie geben van der Stokkers geschwätziger, schlauer und verletzlicher Sprache einen weiteren Raum zur Entfaltung. Durch ihre informelle Sprache schafft van der Stokker eine Art Intimität.

In den Doodles tauchen die Namen von Freunden zwischen eilig hingeworfenen Notizen auf wie aus einer Geschichtsvorlesung: Intellektuelle Bewegungen und Geistesgrößen finden sich gleich neben geliebten Popidolen und Porno-Sternchen – Sylvie Fleury, Bob Nickas, John Armleder, Ru Paul, Annie Sprinkle, La Cicciolina, Dolly Parton. Angehimmelte, Celebrities wie Freunde, werden in geschwungenen Buchstaben genannt. Klatsch und Tratsch wird mit Glanz und Pop herausposaunt: „Zahle 3700$ in die Bank ein, aber nicht für lange“ oder „Katerina war eine nette Person (letztes Jahr, jetzt kann ich sie nicht mehr ausstehen)“. Die Handschrift könnte die eines Teenagers sein, dabei erzählt sie von den alltäglichen Arbeiten und den ausufernden Gedankengängen einer erwachsenen Künstlerin. Van der Stokkers Texte beginnen mit einem einfachen, strahlenden „Wunderbar“ oder „Freundlich“, um dann aber detailliert von einem hochreflektierten Leben zu erzählen. Einfache To- Do-Listen explodieren wie Frühlingsstr.u.e: „Die Wohnung muss gestrichen werden“. Ein fortlaufender Kommentar zieht sich durch die Arbeiten, ein Tagebuch, so verletzlich wie ironisch: „Entschuldigung, die gleiche Wandmalerei auf dieser → Seite der Wand. Ich weiß, ist irgendwie bescheuert.“ Es beginnt als Zeichnung und ufert bald zu massiven, raumgreifenden Wandmalereien aus – in Pastellfarbe, cartoon-artiger Linie, einer Vorliebe für Blumen und sich wiederholende Muster sowie tagebuchartige Texte, geschrieben in einer auffällig verschwurbelten Handschrift.

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Während man sich bei den Mustern in van der Stokkers frühen Zeichnungen und Wandmalereien noch an Textilien aus dem Interior Design erinnert fühlte, so breiteten sich ihre Wandmalereien in den 90er Jahren wie von selbst auf Sofas und Teppiche aus. Objekte wurden zu einem bewohnten Raum, überzogen und bedeckt von dekorativen Mustern. Die Vorstellung eines Raumes verspielter Fantasie verlässt die Zweidimensionalität hier in Richtung Dreidimensionalität. Van der Stokker enthüllt die eigentümliche Kraft, die im Doodle steckt. Einfühlsam und leicht vermengt sie Kunst und Leben. Die Kritzelei, das Dekorative und auch das Handwerk wurden stets (und werden immer noch) gering geschätzt. Van der Stokker aber setzt traditionelle weibliche Bildsprachen, Farben und Symbole affirmativ ein. Indem sie sich einer Sache annimmt, die einmal verunglimpft wurde und es mehr als Chance begreift denn als Belastung, definiert sie selbst, was für sie Weiblichkeit bedeutet, statt es den anderen zu überlassen.

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Vor kurzem hat van der Stokker im Rahmen einer Ausstellung in der großen Lobby und dem Treppenhaus des Hammer Museum in L.A. eine Wandmalerei realisiert, in der sich die Beschwerden des Alltagslebens frei ausdrücken. Die Arbeit hat die selben blassen Pastelltöne wie viele ihrer anderen Werke, die Texte sind in sanftem Blau und abgetöntem Grün auf Nachtkerzen-Gelb und Baby-Pink geschrieben. Auch das Doodle ist noch da. Doch seine Schleifen – unter der gewachsenen Verantwortung schwer geworden – haben sich in Listen und Klagen verwandelt. Die Worte „Waschen und Putzen“ dominieren eine Wand, „Organisiert & aufgeräumt“ die andere. Hausarbeit ist eine ziemlich körperliche Angelegenheit, oft eklig und sehr intim. Nur ein paar Beispiele von van der Stokkers Wänden: Haare aus dem Abfluss fischen, Toiletten reinigen, eine dreckige Socke in der Ecke, Brotkrumen auf dem Boden, Schimmel am Duschvorhang. In all dem zeigt sich eine schleichende Unordnung, die nur durch gewissenhaftes Schrubben in Zaum gehalten werden kann. Wo einst Schmachtfetzen über Angeschwärmte standen, „schmachten“ diese Kritzeleien nun von der Frustration und Einsamkeit erniedrigender Hausarbeit.

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Statt nur eine Seite im Notizbuch bedeckt diese Liste häuslicher Pflichten die Wände einer ehemaligen Firmenlobby, die in das Atrium eines prächtigen Museums verwandelt worden ist. Eine Form der institutionellen Macht ersetzt die andere, beide bekannt für ihre Entfremdungseffekte. Auch wenn sie in großen Lettern geschrieben sind, nehmen van der Stokkers Aufgaben nicht die kühle Größe von Institutionen an. Handgeschrieben wie sie sind, bewahren sie ihr menschliches Maß. In unserer Hand liegt noch immer dieser mächtige Stift, mit dem wir begonnen haben. Mit flotter Hand und noch flotterem Witz sorgt Lily van der Stokker dafür, dass der Glanz der Freude ungetrübt bleibt in diesen verschwurbelten Linien, dieser mädchenhaften Melodie, diesen Arbeiten einer Dame; bedeutsam in ihrer Leichtigkeit; notwendig in ihrer süßen Freude.

Aus dem Amerikanischen von Albrecht Mayr

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Lily van der Stokker, geboren 1954 in Den Bosch, Niederlande. Lebt in Amsterdam und New York. Ausstellungen: Fertility, 33 Orchard, New York; Hammer Projects, Hammer Museum, Los Angeles (solo); Looking Back, White Columns, New York (2015); Huh, Koenig & Clinton, New York (solo) Hello Chair, Air de Paris, Paris (solo) (2014); NYC 1993, New Museum, New York (2013); Living Room, kaufmann repetto, Mailand (solo) (2012); No Big Deal Thing, Tate St Ives, St. Ives/Cornwall (solo); Terrible, Museum Boijmans, Rotterdam (solo) (2010). VERTRETEN VON Air de Paris, Paris; Koenig & Clinton, New York; kaufmann repetto, Mailand/New York; Galerie van Gelder, Amsterdam 

Andrew Berardini ist Kritiker, Autor und Kurator. Er lebt in Los Angeles.