Portrait Samara Golden

Flucht nach LA
 „Mass murder“, Installationsansicht; Blue Room, Night Gallery, Los Angeles 2014
 „Mass murder" (Detail), Installationsansicht; Red Room, Night Gallery, Los Angeles
 „Bad Brains“, Installationsansicht; Frieze Fair NY, 2012  
 Samara Golden
 „The flat side of the knife“, Installationsansicht; MoMA PS1, New York 2014
 „Rape of the mirror“, Installationsansicht; Bedroom, Night Gallery, Los Angeles 2011
 „Fire place“, Installationsansicht; MOCA , Los Angeles, 2013

Die halluzinatorischen Räume Samara Goldens rufen Spiegelkabinette alter Jahrmärkte auf und den dunklen Glamour Hollywoods. Während das MoMA PS1 die in Los Angeles lebende Künstlerin vorstellt, geht Dorothée Dupuis der unheimlichen Kraft ihres Werkes nach und entdeckt zwischen dem schillernden Inventar des amerikanischen Heims eine widerständige Emotionalität.

Schon lange ist das Zuhause der wichtigste Schauplatz für die Inszenierung amerikanischer Werte und Identität. In seinem Zentrum, dem Wohnzimmer mit dem riesigen Fernseher, gibt die perfekte Familie den strahlenden Hauptdarsteller. US-amerikanische Fernsehserien wie „Friends“, „Roseanne“, „Die Bill Cosby Show“, „Eine schrecklich nette Familie“, um nur ein paar zu nennen, mit denen ich aufgewachsen bin, spielen alle in dieser konventionellen und doch hintergründigen Kulisse. Der Großteil der Handlung entfaltet sich auf der Couch, wo die Protagonisten sitzen und plaudern, als ob die Zuschauer mit ihrem Fernseher Platz getauscht hätten. Dieses Setting, das an Alice hinter den Spiegeln erinnert, vervollständigt sich auf der anderen Seite des Bildschirms durch die eigene heimisch-familiäre Situation. In den Serien behauptet sich das Zuhause als Ort, an dem die offensichtlichen Gegensätze der US-amerikanischen Gesellschaft verhandelt werden: Das Bedürfnis nach Konformität und gesellschaftlicher Anerkennung auf der einen Seite und das Verlangen nach Individualismus, Freiheit und Selbstverwirklichung auf der anderen – ein Paradox der amerikanischen Kultur, das mir bis heute Rätsel aufgibt.

Dieser dystopische häusliche Raum ist Samara Goldens liebster Spielplatz. Ihre detailreichen skulpturalen Environments greifen oft reale Orte aus dem Leben der Künstlerin auf; das Haus ihrer Großeltern in Arizona; eine Couch voller Freunde und Besucher in ihrem Studio; ein hypothetisches Krankenhauszimmer, das sich auf eine Nahtoderfahrung bezieht, die Golden mit Anfang dreißig machte. Diese Räume sollen trotz der Originalgröße nicht realistisch wirken, sondern die mit den verschiedenen Umgebungen verknüpften Emotionen wecken. Golden geht es nicht um Dokumentation, sondern vielmehr um das Gefühl, die Atmosphäre, die Erinnerung und mentale Landschaft. Das Vintage-hafte ihrer Arbeit ruft in unserer Erinnerung die jüngste Vergangenheit wach und lässt uns in die eigene Fantasie eintauchen, um unseren Traumata, Träumen und Emotionen zu begegnen. Denn was sehe ich, wenn ich die dysfunktionale Familie auf der anderen Seite des Fernsehschirms

 

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Goldens Installationen basieren meist auf Rmax-Dämmplatten, hochdicht gepresster und mit einer Art Aluminiumfolie umkleideter Schaumstoff, was ihnen irritierende, reflektierende Eigenschaften verleiht. Früher verwendete die begeisterte Flohmarktgängerin oft Fundstücke, heute sind die meisten Objekte in ihren Installationen von Hand hergestellt: Sofas, Barhocker, Tische, Betten, Musikinstrumente, Jalousien, Fenster, die in sorgfältig choreografiertes Licht getaucht werden. Das pastellige Mauve, das frische Grün, das warme Orange und das satte Türkis kommen hauptsächlich von Videoprojektionen und Bildschirmen, aber auch von Lampen, hingebungsvoll arrangiert wie mit der Hingabe einer liebevollen Hausfrau. Farbenfrohe Plaids, Teppiche und andere Textilien spiegeln sich in den glänzenden Oberflächen und tragen hier und da gezielte Farbflecken bei. So entsteht ein nuanciertes Tableau wie aus einem frühen David-Lynch-Film. Wie in Filmsets fehlt in diesen Arrangements immer die vierte Wand. Große, spiegelnde Oberflächen ersetzen einen Teil des Bodens, der Decke oder der Wand, um geschickt einige der Blickwinkel zu vervielfachen wie in Spiegelkabinetten alter Vergnügungsparks. Es ist beeindruckend, wie effektiv dieser sehr simple Trick immer noch ist. Der analoge Prozess stellt mühelos die gewaltigste 3-D-Computergrafik in den Schatten und verwandelt den Raum in ein endloses Spiel von Spiegelungen, in denen der Betrachter immer auch sich selbst sieht. Auf Bildschirmen läuft oft überwachungsähnliches Filmmaterial der Installation in Dauerschleife. Die größeren Video-Projektionen zeigen hauptsächlich Außenaufnahmen, etwa einen Sonnenuntergang (Anfang des Jahres in der Night Gallery in Los Angeles) oder einen idealisierten tropischen Strand (derzeit am MoMA PS1 in New York). Ein paar diskrete Sounds hier und da – Wellengeräusche oder kleine Radios, die sedierend heitere Supermarktmusik übertragen – vervollständigen subtil die minutiösen Environments.

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Natürlich sind die Verbindungen zwischen Goldens Arbeit mit der früherer Künstlergenerationen in Los Angeles, die sich mit der Repräsentation des amerikanischen Heims in verzerrter und neurotischer Form auseinander setzten, kaum zu übersehen – wie Mike Kelley, Paul McCarthy und so viele andere. Auch die explizit brutalen Titel ihrer Ausstellungen und Installationen weisen darauf hin: „Bad Brains“ (2012), „Rape of the Mirror“ (2010), „Mass Murder“ (2014), oder „The Flat Side of the Knife“ (2014). Das Kulissenhafte in Goldens Arbeit lässt sich leicht als Bezug auf Hollywood sehen, doch statt einer Sehnsucht nach Aktivierung liegt über Goldens leeren Bühnen eine Ruhe, die ihrer phantasmagorischen Natur entspricht. Es wirkt, als sei ihr einziger Zweck, eine schleichende mentale Obsession in einem Raum zu verkörpern. Auch wenn Golden Tony Oursler als möglichen Einfluss erwähnt, betont sie, dass ihre Arbeit sich vor allem aus ihren eigenen Fantasien und Erinnerungen speist. Ihr geringes Interesse daran, andere Künstler zu zitieren, hat fast etwas von Amnesie und wirkt so ehrlich wie nonchalant. Weder die Beziehung zur jüngeren Kunstgeschichte noch der Dialog mit anderen bildhauerischen Tendenzen scheinen relevant.

Bei Golden ist das Kunstobjekt nicht von der Perspektive seiner Kommodifizierung her gedacht; es ist hauptsächlich Material für Erfahrungen.

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Dass ihre Arbeit im Kontext zeitgenössischer US-amerikanischer Kunst heraussticht, hängt vor allem mit ihrem besonderen Verständnis von Zeit zusammen – eine Zeit, die nicht auf Produktivität, Kapital oder Effizienz ausgerichtet ist, sondern auf Reflexion, Träume, die Romantik der Erinnerung, auf Sehnsucht und Einsamkeit. Goldens Kunst spricht uns als kontemplative Wesen an, die stärker von ihrer Umgebung beeinflusst sind als wir wahrhaben wollen. So kann der Betrachter in der Ausstellung am PS1 in einen makellosen Raum blicken, in dem sich einige Objekte auf dem Boden spiegeln: ein Bett, ein paar Lehnstühle, ein Teppich, Gitarren. Die Fenster scheinen sich zu einem perfekten Sandstrand hin zu öffnen. Wie Golden mir erklärte, stellt dieser Raum einen Rückzugsort dar, einen Ort zum Schreiben und Ausruhen, eine Zuflucht vor den Routinen des Alltags. Obwohl dieses Bild die übrige Ausstellung prägt, ist der Raum selbst unzugänglich und kann somit als das Unbewusste der ganzen Installation verstanden werden. Ich fühle mich an überlegungen des Künstlers und Autors John Menick erinnert, der gesagt hat, zeitgenössisches amerikanisches Kino ziehe schnelle Persönlichkeitsveränderungen (etwa in Filmen über Superhelden, in denen sich ein schüchterner Teenager in einen selbstsicheren brutalen Kerl verwandelt) den langsameren, freudschen Mechanismen vor, die für die goldene Ära Hollywood so typisch waren. Damals waren die Heldinnen und Helden dunkel und doppelbödig, sie entwickelten sich langsamer, sie alterten – es waren archetypische Rollen, die antagonistische Facetten der menschlichen Persönlichkeit und Erfahrung ergründeten.

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Als Golden 2009 ihr Kunststudium an der Columbia University abschloss, war sie 37 Jahre alt. Danach zog sie nach Los Angeles, wo sie hoffte, ihre Arbeit auf andere Weise verfolgen zu können, mit mehr Raum und mehr Zeit. Goldens Arbeit erinnert daran, dass es Künstler gibt, für die die Welt des amerikanischen Underground, des Folk, des Volkstümlichen, der Gegenkultur – die sich immer wieder als Stätten des Widerstands bewiesen haben – noch lebendig und wirkungsvoll ist.

 

Dorothée Dupuis ist freie Kuratorin und Autorin und lebt in Frankreich und Mexico City. Sie ist Mitherausgeberin des Magazins Petunia und Gründerin von terremoto.mx.

Aus dem Englischen von Theresia Enzensberger

Samara Golden, geboren 1973 in Ann Arbor, Michigan. Lebt in Los Angeles. Ausstellungen: MoMA PS1, New York (solo); Made in LA, Hammer Museum, LA; Wrong’s What I Do Best, San Francisco Art Institute; Mass Murder, Night Gallery, LA (solo) (2014); Set Pieces, Cardi Black Box, Milano; Nevermore, On Stellar Rays, NY (2013); Modern Painters (with/mit Davida Nemeroff); Various Small Fires; LA; Hot Tub Time Machine, Canada Gallery, NY; Bad Brains, Frieze Art Fair, NY (2012); Rape of the Mirror, Night Gallery, LA (solo) (2011). Vertreten von: Night Gallery, Los Angeles; Canada Gallery, New York