Portrait Weronika Ławniczak

Technologien der Zärtlichkeit
 Curl, 2013; Aus der Serie INCLUSUS, Digitalfotografie
 Dreamer, 2013, Aus der Serie NUDE, Digitalfotografie
 Night Walk, 2012; Aus der Serie DRUNK I FIND EXCELLENT SUBJECT, Analogfotografie
 Untitled I, 2011, Aus der Serie TKWNMBS, Analogfotografie
 Untitled, 2011, Aus der Serie TKWNMBS, Analogfotografie
 We Love, 2012; Aus der Serie DRUNK I FIND EXCELLENT SUBJECT, Analogfotografie
 01, 2012, Aus der Serie PPC, Digitalfotografien
 04, 2012, aus der Serie PPC, Digitalfotografien

Die Fotografien der jungen polnischen Künstlerin reflektieren die Bedingungen des Selbst im Zeitalter von Instagram. Sie spielen mit der Geschichte des Mediums und der Ambivalenz des fotografischen Bildes. In einem weiten Spektrum von „Fehlern“ entdeckt sie den empfindsamen, verletzbaren Körper.

Die Gruppe Czułość zählt seit 2010 zu den bemerkenswertesten jüngeren Phänomenen in der Kunstszene Warschaus. Unzufrieden mit dem Mangel an Räumen für junge Fotografie in der Stadt, entwarfen ihre Gründer Janek Zamoyski und Witek Orski eine offene Struktur, um ihrem Interesse nachzugehen: den räumlichen Aspekten der Fotografie, die das Medium an Objekte und Körper bindet. Unter Mitwirkung von Freunden – Fotografen, Philosophen, Soziologen und Musiker, die meisten von ihnen in den 1980ern geboren – etablierte Czułość ein für Warschau neues Projektraummodell: eine Pop-Up-Galerie, eine Kunststiftung, ein experimentelles kollektives Projekt, vor allem aber eine Haltung. Diese brachte der Kritiker und Kurator am Zentrum für zeitgenössische Kunst Warschau, Stach Szabłowski auf den Punkt: „Die Mitglieder von Czułość wissen, wie romantische Geschichten enden. Sie wissen, dass alle heroischen Epochen zu Ende gehen müssen, und dass keine Rock-’n’-Roll-Band für immer spielt.” Zu Czułość’ zweitem Geburtstag gab es Glückwünsche von Jürgen Teller, Martin Parr und Roger Ballen.

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Auf Polnisch bedeutet „Czułość“ Zärtlichkeit. Der Name lässt an eine Liebesgeschichte oder eine Affäre denken, an eine zarte und intime Beziehung, die sich spielerisch den Strukturen der Kunstwelt entgegen stellt. Er evoziert auch den greif- und fühlbaren Körper – in deutlichem Kontrast zu der Art wie der Körper in zeitgenössischen Fotoblogs dargestellt wird.

Weronika Ławniczak ist die einzige Frau in der Gruppe, dabei zugleich Beteiligte und Interpretin. Sie gehört einer neuen Generation von jungen Fotografen an, die Mitte der 80er geboren wurden und macht zur Zeit ihren Master an der Kunstuniversität in Poznań. 2011 präsentierte sie als Teil von Czułość eine bedeutende Einzelausstellung mit dem Titel „Ten kto walczy nie musi być smutny“ [Wer kämpft, braucht nicht traurig zu sein]. Czułość stand auch im Zentrum ihrer Bachelorarbeit, die eine umfassende Einführung in die Geschichte der Fotografie und ihrer Institutionen enthielt. Ihre Fotografien sind kraftvoll und informiert und spielen bewusst mit der Geschichte des Mediums und der Ambivalenz des fotografischen Bildes. Ławniczaks Bildsprache experimentiert mit den beiden grundlegenden Aspekten der Fotografie, wie sie Thierry de Duve in „Time Exposure and Snapshot: The Photograph as Paradox“ [Langzeitaufnahme und Schnappschuss: Die Fotografie als Paradox] beschreibt: ihr Doppelstatus als semiotisches Objekt und als physisches Zeichen.

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Nur konnte de Duve, der diesen Essay 1978 für die Zeitschrift October schrieb, natürlich nicht ahnen, welche Auswirkungen die Ära des Internets, von Instagram und Facebook, auf die Fotografie haben würde. In diesem Feld hat Ławniczak ihre eigene visuelle Sprache entwickelt: ein Instagram-Tagebuch (das sie als Übung in den zeitgenössischen Bedingungen von Bildern beschreibt), fotografische oder filmische Sequenzen, Serien, die sie als Essays versteht („Foliage Tend“, „Mundhöhe“ und „FGMNT“), traditionelle und inszenierte Portraits, Stillleben, Landschaften, Akte, Nachtleben- und Stadtgeschichten, Lifestyle-Schnappschüsse und Bildserien, die all diese Genres durcheinander mischen (wie „WAH WAH“, „Lucky Me, Lucky You“, „SIID“, „TKWNMBS“).In letzter Zeit konzentriert sich Ławniczaks Arbeit auf die Spannung zwischen dem statischen Bild (oder Einzelbild) und der Dynamik der fotografischen Reihe, wie in der Serie „FGMNT“, deren Titel das Wort „Fragment“ seinerseits in eine unvollständige Buchstabenreihe zerlegt. Andere Projekte zielen auf den fotografischen Prozess als solchen – das Versagen des Mediums und das weite Spektrum an möglichen Fehlern. Ławniczak macht sich diese in formalen Spielen zu eigen und setzt sie oft als Mittel für Darstellungen des menschlichen Körpers ein. Darunter sind fantastische Porträts junger Frauen, die ihre Gesichter verziehen, eine junge Frau, auf deren geschlossene Augenlider Augen aufgemalt sind (o. T., 2011), geschlechtsneutrale Portäts von Männern und Frauen – viele von ihnen Mitglieder von Czułość – mit hässlichen Badehauben oder Halskrausen (die Serie „INCLUSUS“) oder das Porträt einer schielenden Frau, festgehalten im genau „falschen“ Moment (o. T., 2011).

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In diesem Bild ist der fotografische Fehler das zentrale Thema: Die Frau wirkt, als sei sie in einer rätselhaften Trance, auf Drogen, oder krank. Andere Serien widmen sich der Inszenierung „unpassender“ Situationen. Eine zeigt eine junge Frau, wie sie nackt ausgeht, einkauft oder Auto fährt („PPC“ ein Akronym von „Present Perfect Continues“ [Die vollendete Vergangenheit geht weiter], 2012). Die Protagonistin, Justyna Suwała, arbeitet seit langem mit Ławniczak zusammen und ist ihr häufigstes Modell. (Vor kurzem spielte sie die Rolle einer Anorektikerin in Małgorzata Szumowskaa Film „Body“ (2015).) Die Geste, alltägliche Handlungen nackt zu vollziehen, reflektiert nicht nur Technologien des Selbst, sondern auch das Medium der Fotografie. Sie schlägt eine Brücke zu Selbsttechnologien, wie sie das Internet geprägt hat: zu Schnappschuss und Selfie, den heute bedeutendsten Verkörperungen des zeitgenössischen „Selbst“. Doch die Zärtlichkeit in Ławniczaks Arbeit stellt das Konzept der Sorge um sich selbst vom Kopf auf die Füße.

Barbara Piwowarska ist Kuratorin und Autorin. Sie lebt in Warschau.

Aus dem Englischen von der Redaktion

Weronika Ławniczak, geboren 1985 in Varsovienne. Lebt in Warschau.
Ausstellungen:
Guest, The Painters Gallery, New York (solo); 2 m² of fashion, Lookout Gallery/Silownia Gallery, Warschau/Posen; Subjects of art, Museum of Modern Art, Danzig; Érzékenység, Platan Gallery,  Budapest (2014); Incubarte Festival, Valencia; God Save The Queens, University of Fine Arts, Posen (solo) (2013); I have no illusions, Eddie the Eagle Museum, Amsterdam; He who fights does not have to be sad, Czułość Gallery, Warschau (2012) (solo). Vertreten von Czułość Gallery, Warschau