Brauchen wir eine neue Avantgarde?

Zu oft verbirgt sich hinter dem Begriff „wir“ im zeitgenössischen Kunstdiskurs eine homogene Gruppe von Akteuren, die nur scheinbar gemeinsame Wertvorstellungen, eine gemeinsame Herkunft oder Geschichte hat. Darüber hinaus ist das Konzept Avantgarde eng mit dem Narrativ der europäischen Aufklärung, dem Glauben an Moderne und Fortschritt verbunden. Heute finden diese Prämissen der Avantgarde ihre überspitzte – aber logisch konsequente – Erfüllung im Nexus des Neoliberalismus, in einem drohenden globalen Krieg, in rascher Ressourcenverknappung und der Verschmutzung des Planeten. Hier gibt es sehr viel zu „verlernen“ [unlearning], oder ganz und gar zu entkräften.

Vielleicht gelingt es, die Ausgangsfrage neu zu stellen, indem wir auf einen Satz einer auf der Documenta 14 gezeigten Arbeit von Hans Haacke zurückgreifen. Auf Postern und Plakaten heißt es in mehreren Sprachen: wir (alle) sind das volk. Dieser Satz, der ursprünglich nur „Wir sind das Volk“ lautete, war 1989 von ostdeutschen Bürgern beim Abriss der Berliner Mauer geprägt worden und wurde in der jüngeren Vergangenheit von Pegida für xenophoben Hate Speech missbraucht.

Haackes scheinbar beiläufiger Einschub („alle“) gewinnt besonders in einer Zeit an Bedeutung, da der Faschismus seine hässliche Fratze aufs Neue über der von Exklusion, rassistischer, homophober und anderer Gewalt geprägten, düsteren verfallenden Landschaft Europas und Amerikas zeigt. Fragen wir also stattdessen „Brauchen wir (alle) eine neue Avantgarde?“, könnte die Antwort durchaus mit „Ja!“ ausfallen.

Es gibt sie bereits, und doch ist sie aber stets noch eine Kommende. Statt aus den Literatur- und Kunstmilieues Europas hervorzugehen, ist sie eine transnationale Bewegung der Bewegungen. Ihre Akteure – darunter auch Künstler – beteiligen sich auf globaler Ebene an den verstreuten Prozessen eines neuen, soziopolitischen und institutionellen Werdens. Sie bilden eine staatenlose Multitude, die auf bedingungsloser Solidarität und Gemeinschaftlichkeit aufbaut.

Diese neue Avantgarde lehnt die Rhetorik der Macht, die das konkrete (und konstruierte) „wir“ gegen das konstruierte (und konkrete) „sie“ ausspielt, entschieden ab. Sie steht für Haltungen, die sich sozusagen noch nicht die Mühe gemacht haben, Form zu werden. Und sollten sie doch zu den üblichen, identifizierbaren Ausprägungen politischer Repräsentation, zu Parteien oder Komitees erstarren, büßen sie dafür ihre avantgardistische Schärfe ein. Die griechische Regierungspartei Syriza, ursprünglich ein Zusammenschluss sozialer Bewegungen, ist dafür ein Paradebeispiel – die spanische Podemos ein anderes.

Keine Avantgarde ist je vom Himmel gefallen, der Alltag ändert sich nicht wie von Zauberhand. Nichts spricht für eine Wiederkehr der alten Avantgarde, doch die neue Avantgarde ist bereits als aktive Kraft in den Gesellschaften präsent, als Erschütterung eines großen, trägen Körpers.

 

ADAM SZYMCZYK war Kurator der Documenta 14.

 

– Dieser Text ist in Spike Art Quarterly #54 erschienen und erhältlich in unserem Online Shop –