Q/A Antek Walczak

Warum malen?

Einerseits ist Malerei eine heilige Hure. Reine Ware, potenzielles Geld an der Wand, Erfolg kommt nie ohne Scham. Das gehört zu den alten Moralvorstellungen, die mir mitgegeben wurden, als ich in die Kunstwelt kam. Auf der anderen Seite bringt der befreiende Fluss von Konzepten und Ideen, während er die Kanten des Alten abschleift, auch in der schönen neuen Kunstwelt Probleme mit sich. Die Rolle von Idee und Konzept hat sich verändert. In dem Maß, in dem Kommunikation sich immer weiter ausdehnt und immer größere Bereiche erfasst, sind Idee und Konzept in den Vordergrund gerückt. Nichts entgeht der Bedeutsamkeit, jede Idee wird in übertragbare Datenpakete verwandelt.

Material ist Schrot für die Interpretationsmaschine, die alles nach Konzepten ausrichtet. Alles, was passiert, wird vertaggt und kommentiert, damit auch ja kein frei flottierender Gedanke dem Zugriff von Brainstorming und Think Tanks entgeht. Die Dematerialisierung des Kunstobjekts in der Konzeptkunst hat ironischerweise zu einer Übermaterialisierung der Idee geführt. Keine Übersetzung zwischen Abstraktem und Sinnlichem, die nicht von einer stichhaltigen Absicht begleitet ist: jede Arbeit ein Mission Statement. Theorie ist auch nicht mehr als eine Betriebsanleitung, und die meisten Dinge kann man sowieso auch ohne Anleitung verstehen. 

Ideen haben nichts mit dem IQ oder mit Belesenheit zu tun, sondern beruhen komplett auf Unterwerfung unter die Freiheit, sich einzubringen und zu vernetzen. Widerstand ist ein Konzept. Revolution ist ein Konzept. Auch Sich-Ausverkaufen, Sich-Einkaufen und eine auf zwei Tage begrenzte kostenlose Testversion sind Konzepte. „Nicht-Malen“ ist ein ganz besonders spektakulär hochgepimptes Konzept, das im Interesse eines ausgewogenen Gameplays abzurüsten wäre. Wer einfach nur Kunst macht, und keine Malerei, der bekommt schon 75 % des Konzepts als Geste und Statement auf dem Tablett geliefert. Dazu gebe man noch irgendeine kunstferne Zutat, etwa eine Sozialwissenschaft oder zwei, ein bisschen Ackerbau, Tierhaltung, Gen-Spleißen – fertig ist das voll einsatzfähige Kunstkonzept. Klar, vielleicht hat die Malerei langfristig einen Vorteil: Sie hat ein gleichbleibendes, „Seiten“-artiges Format, ist transportabel, und man kann relativ günstig einsteigen. 

Aber Malerei ist ein überfülltes Feld, in dem mindestens 35 % der Teilnehmer davon überzeugt sind, besser zu sein als die restlichen 95 %. Eine Rechnung, die gar nicht aufgehen kann – und deshalb zu wirklich gefährlichen Nervenzusammenbrüchen und physischen Verletzungen führt. Kultur ist mehr denn je ein vom brüchigen Glauben gestütztes Prinzip für private Vorstellungen von Erfüllung, die oft genug mit der Wirklichkeit kollidieren. Leiden ist kein Konzept – was vielleicht erklärt, warum die Ängste, die an der Malerei klebten, sich nach all den Jahren von Leinwand und Rahmen gelöst haben, um sich performativen Gesten, flackernden Pixeln, Songs und Statements zuzuwenden. Nach dem Exodus der Ideen ins alltägliche Leben beschränken sich die zentralen Fragen des Künstlerseins jetzt auf grundlegende menschliche Themen wie Selbstwert, die Angst vor dem Scheitern und die Angst, dumm dazustehen.

Aus dem Amerikanischen von Albrecht Mayr

In den 1990ern arbeitete der New Yorker Antek Walczak (*1968) vor allem als Videokünstler. 1994 begründete er mit John Kelsey and Bernadette van Huy das Kollektiv Bernadette Corporation mit. Gelegentlich schrieb er als Autor für Magazine. In den letzten Jahren zeigte Walczak vor allem Malereien und Siebdrucke auf Blei, die sich mit dem Einfluss von Informationstechnologie und Kybernetik auf Kunst und individuelle Freiheit auseinandersetzen.