Q/A Kenneth Goldsmith

Wie hat das Internet verändert, was ein Ereignis ist?

Das Ereignis findet jetzt im Zwischenraum statt: im Augenblick wenn die Seite neu lädt, in dieser Sekunde Ewigkeit, wenn der Feed stoppt und die Daten in einem Sekundenbruchteil zerfallen.

Je mehr die Dinge sich beschleunigen, desto langsamer werden sie. Im Auge des akzelerationistischen Sturms liegen gewaltige Tundren gefrorener Daten. Im Zentrum des Dynamismus herrscht Stille des Grabes, ein vernetzter digitaler Todestrieb. Die französische Kritische Theorie hat gezeigt, dass Sprache unbeständig ist, konnte aber nicht ahnen, dass auf der anderen Seite der Gleichung der Inbegriff von Beständigkeit lauert: das Archiv. Dabei ist das Archiv überhaupt nicht stabil, sondern taumelt unentwegt dem Verfall entgegen. Derrida bezieht sich auf Freud, wenn er schreibt, „Der Todestrieb ist zunächst anarchivarisch, könnte man sagen, archiviolithisch. Stets wird er, einer stillschweigenden Bestimmung folgend, ein Archivzerstörer gewesen sein.“

Auf einer elektronischen Plattform zu schreiben ist ein Tanz zwischen Leben und Tod. Das digitale Schreiben (aktiv/Leben) hat sein Double in der Archivierung (passiv/Tod). Jedes Mal, wenn man ein Dokument sichert (Erhalten), wird ein Gespenst des Dokuments in einem Cache gespeichert (Archiv/Grab). Jedes Mal, wenn der Computer abstürzt (Tod) und man Word wieder startet (Leben), wird dieses Zombie-Dokument als vollentwickeltes Dokument wiedergeboren. Arbeitet man daran weiter, setzt es seinen Weg als Double fort – ist beides, Figur und Schatten. Wenn wir es per Email verschicken, geht seine lebende Kopie an den Empfänger, während sein Gespenst dazu verurteilt ist, in einem Gesendet- Ordner zu liegen, begraben, verborgen und vergessen. Und jedes Mal, wenn ein vernetztes Dokument auf einem weiteren Computer eingeht und geöffnet wird, beginnt der Kreislauf aufs Neue. Man muss nur eine Listserv-Liste spammen, um unzählige Leben und Tode anzustoßen.

Der digitale Leser ist ein quantifizierter Leser. Jedes Mal, wenn ich eine Seite eines e-Readers „umschlage“, wird dieses „Umschlagen“ registriert und in einer Datenbank eingefroren. Das Gespenst meines Lesens reist als Mutantenstamm weiter, Material für beliebige Programmier- Agenden. Ein menschlicher Leser kann sich nicht mit den Legionen von Spinnen messen, die als Webcrawler lautlos das Netz lesen ohne es je wirklich zu lesen; für sie – die unersättlichsten Leser der Geschichte – ist Lesen buchstäblich Archivieren; Lesen als Todestrieb. Die Spinnen selbst sind Zombies, ein roboterhafter Todeskult, dessen Lebensblut das Netzwerk und seine grabähnliche Sammelstätte ist, das Archiv.

Die Cloud ist übersät von toten Orten: langvergessene Seiten für akademische Konferenzen oder inzwischen aufgelöste Ehen, ungeliebt und sich selbst überlassen. Allein die Spinne schaut ab und zu vorbei, saugt die toten Daten heraus und sperrt sie in entlegene Totenstädte. Wir tanzen auf diesen Palimpsesten aus verdörrten Knochen, führen atemlos unsere digitalen Rituale aus und ignorieren, dass der Status-Update von heute der digitale Müll von morgen ist. Wir leben in der Illusion, dass sich die Dinge beschleunigen, doch in Wahrheit stehen sie schon still. Paul Virilio sagt, dass „es eine eindeutige Beziehung zwischen Trägheit und Geschwindigkeit gibt, die auf dem Stillstand beruht, der aus der absoluten Geschwindigkeit folgt.“ Wenn die Information Lichtgeschwindigkeit erreicht, wie in den heutigen Glasfasernetzwerken, hat der Akzelerationismus seine Höchstgeschwindigkeit erreicht und gelangt zum Stillstand. Damit ist das Ende der technologischen Erzählung von Geschwindigkeit erreicht, und eine neue beginnt: die der Entropie

 

Aus dem Amerikanischen von Roland Bartl

Kenneth Goldsmith ist Künstler, Dichter, sowie Gründer und leitender Redakteur der Videokunstplattform UbuWeb. Er lehrt zeitgenössische Literatur an der University of Pennsylvania.