Q/A Laurie Penny

Braucht Politik eine einfache Sprache?
 Foto: Eleanor Saitta

Jede Sprache ist politisch. Von einer Rede im Parlament über ein wissenschaftliches Lehr­buch bis hin zu einem Räumungsbescheid wird das Politische überall in unsere Sprache gemeißelt; doch auch die Sprache ihrerseits formt und verändert unser politisches Denken. Wenn wir also eine bestimmte Art zu Spre­chen über eine andere erheben und behaup­ten, das eine sei politisch und das andere nicht, dann ist es auch eine Entscheidung darüber, was außerhalb des Politischen liegt, unserer Aufmerksamkeit unwürdig ist.

Gefragt zu werden, ob politische Sprache schwierig sein muss, ist meistens eine Einla­dung, einen Scherz über verquastes, akademi­sches Schreiben zu machen. Jedoch sind einige meiner besten Freunde so verquaste Akade­miker und werden zu Unrecht dafür kritisiert. Denn die Hälfte von ihnen schläft im Auto und erklärt reichen Kids Kropotkin, nur um das machen zu können, was sie lieben. Die meiste Theorie hinter dem modernen poli­tischen Aktivismus wäre ohne akademische Forschung nicht möglich, und ja, die Rhetorik ist oft etwas abgehoben und obskur, und nein, man braucht sie nicht, um politisch etwas zu bewirken. Das Übersetzen von schwierigen Begriffen in eine Sprache, die jeder versteht, auch ohne zuvor einen Stapel Theorie gelesen zu haben, macht einen Großteil meiner Arbeit aus. Das ist zwar nützlich, aber man darf nicht vergessen, wie viel Lebenszeit und Arbeit in diese Stapel von Theorie geflossen sind. Das sollte man nicht einfach so abtun.

Dem Ganzen liegt die Annahme zugrunde, dass Politik für die meisten Menschen zu kom­plex ist, um verstanden zu werden und sie aus dem Akademischen „zum Volk“ gebracht werden müsse. Als gäbe es so etwas wie „das Volk“. Als wären Menschen, die die Sprache lieben, ihre Zeit in kleinen Räumen verbringen und tiefe Gedanken denken, irgendwie mehr oder weniger Mensch als der Rest von uns. Das beleidigt alle Beteiligten der akademischen Welt.

 

"Haltet euch fern von Philosophien, die sich als Slogans auf Busse schreiben las­sen"

 

Das Schreiben, mit dem ich glücklicherweise meinen Lebensunterhalt verdiene, ist oft explizit politisch. Ich möchte überzeugen und informieren, aber ich sehe es nicht als Misser­folg, wenn ich die Meinung von anderen nicht ändern kann – das kommt tatsächlich selten vor. Wirksames politisches Schreiben bedeutet viel eher, den Diskurs weiterzubringen, neue Ideen zu haben und den Menschen Worte dafür zu geben, was in der Welt nicht stimmt. Denn Worte beschreiben die Welt nicht nur, sondern gestalten sie. Kinder, Priester und Zauberer wissen das, auch wenn wir Anderen es oft vergessen.

Das Wichtigste ist, dass wir auf unsere Sprache und ihre Voraussetzungen achten und das Politische in der Alltagssprache erkennen. Ich habe nicht Politik oder Geschichte stu­diert, sondern Sprachwissenschaften und Literatur, weshalb ich für die meisten nützlichen Aufgaben ungeeignet bin. Ich habe aber gelernt, sehr genau auf die Worte zu achten, wie dehnbar sie sind, wie sie Bedeutung schaffen, und welche Zauberei das ist. Dann war ich auf der Journalistenschule, und meine Tole­ranz für Schwachsinn sank gegen Null. Prosa kann dicht oder durchsichtig sein, aber Bull­shit stinkt immer.

Die einfachsten und effektivsten politischen Sprachen sind zugleich die tückischsten. Wenn ein Gedanke zu sauber und einfach erscheint um wahr zu sein, dann ist er es wahrschein­lich auch. Haltet euch fern von Philosophien, die sich als Slogans auf Busse schreiben las­sen. Auch wenn ich zugeben muss, dass man mit zweihundertvierzig Zeichen viel erreichen kann. Die Wahrheit ist, dass das Politische oft chaotisch und komplex ist, weil die Welt eben chaotisch und komplex ist. Der ganze Trick ist, nicht aufzuräumen, sondern sich einen Weg durch die Trümmer zu bahnen.

Aus dem Englischen von Ruth Ritter

 

LAURIE PENNY ist Autorin und Journalistin und lebt in London. Ihr letztes Buch ist „Bitch Doktrin: Gender, Macht und Sehnsucht“ (2017).

– Dieser Text ist in der Printausgabe Spike Art Quarterly #54 erschienen und kann im Online-Shop bestellt werden –