Q/A Leidy Churchman

Wie verändern digitale Bilder die Malerei?

Ich kann gar nicht fassen, wie viele Bilder ich schon gesehen habe. Wir sind so in Bildschirme versunken, dass ich nicht mehr weiß, wie es war, in die Bibliothek zu gehen und verborgene Dinge auszugraben. Ich bin nicht allein, wenn ich Bilder suche. Ich bin Teil einer scrollenden Welt. Durch Inhalte zu scrollen vermittelt mir eine Ahnung davon, was in der Welt los ist und was die Leute gerade machen. Wir sind komplett umringt von allem möglichen, alles ist so nah. Wenn ich ein Bild auswähle, kennen die Leute dieses Bild oder zumindest ein ähnliches schon und haben eine Beziehung zu ihm. Dann können wir dieses Bild gemeinsam betrachten. Man hat es gesehen, aber konnte ihm vielleicht nicht näher kommen, weil die Apparate unsere Körper von all diesen Bildern trennen.

Oft beginne ich eine Arbeit ausgehend von Zeichen, Malereien und Bildern als wären sie Templates. Ich wähle ein Bild aus, sobald ich das Gefühl habe, dass es bereit dafür ist, geöffnet zu werden (oder ich bereit bin es zu öffnen). Etwas zu malen, bedeutet für mich tatsächlich, es in mich aufzunehmen, es mir einzuverleiben.

Ich jage echte Dinge. Zum Beispiel habe ich eine Kopie von Henri Rousseaus „Die Mahlzeit des Löwen“ von 1905 gemacht. Ich fand das Bild in einem Buch, es hatte bestimmte Farben und einen bestimmten Look. Dann sah ich es im Internet mit ganz anderen, hochgefahrenen Farben. Dann ging ich ins Met und sah die Malerei – und das Bild war das beste. Ich dachte: Heilige Scheiße! Der Typ ist knallhart. Die Malerei ist auf eine so großartige Art locker und schlecht gemacht. Ich konnte nicht glauben, wie wenig perfekt sie tatsächlich war. Aber ich habe mich dann entschieden, das Bild aus dem Internet zu malen. Es hatte einen richtig warmen Ton, so wie ich Rousseaus Arbeit im Gedächtnis hatte. Ich finde interessant, was Michael Sanchez in seinem Essay „2011: On Art and Transmission“ [Artforum, Sommer 2013] schreibt: dass eine Malerei in warmen erdigen Brauntönen einen Moment der Erholung im endlosen Scrolling bietet. Das erlebe ich wirklich so.

Wenn ich in Ausstellungen gehe, bin ich auch oft in diesem Scanning-Modus: „Worauf soll ich mich jetzt konzentrieren?“

Ich scanne alles und weiß nicht, wo ich anfangen soll. Man ist dann wie so ein Hund, der im Kreis läuft um rauszufinden, wo er sich wie hinlegen will. Aber man kann das auch als Argument nehmen, dass es einfach bessere Arbeiten braucht, bei denen man stehen bleibt (Ich habe hungrige Augen, gebt mir was Gutes).

Ich glaube, die Ölmalerei ist immer noch ein sehr fortgeschrittenes System. Sie ist alles andere als überholt. Verglichen mit dem Bildschirm ist eine Malerei nicht flach. Man kann näher ran gehen und jeder Teil des Bildes wird in gewisser Weise vergrößert, wie unter einem Mikroskop. Eine Malerei ist wie ein Aquarium von Spuren – in sich kreisend, aber gleichzeitig unberechenbar.

Vielleicht hat das viel mit Empathie zu tun. Empathie bestimmt wie glücklich wir sind, und dieses Gefühl stellt sich ganz leicht ein, wenn unser Geist sich mit unserem Körper verbindet. So eine sanfte Traurigkeit, die in Schönheit kippt. Darüber denke ich in Bezug auf Malerei wirklich oft nach. Eine Malerei birgt all diese Gefühle in sich, die man hat, ohne dass man viel über sie spricht. Es geht darum, dem flachen Bild einen Körper zu geben: den imaginären realen Raum, der sich in ihm versteckt, ohne je wirklich dort zu sein.

Informiert von Dada und mit der Lässigkeit naiver Malerei, transformieren Leidy Churchmans Malereien den Bildervorrat von Kunst und Massenkultur. Churchman (*1979) lebt in New York.