Q/A Mark Fisher

Ist es noch möglich zu vergessen?
 Photo: Zoë Fisher

Es ist nicht so, dass wir nicht vergessen könnten. Eher leiden wir an einer Form von Gedächtnisstörung. Im Rundfunkzeitalter ließen sich kulturelle Ereignisse kein zweites Mal abspielen, außer in der Erinnerung oder im Traum. Dieses Gefühl des Vergänglichen ist einer Zeiterfahrung gewichen, in der nichts je wirklich stirbt und sich jede direkte Begegnung aufschieben lässt. Bei jedem Event heißt es heute: „Nimmt jemand auf?“

Wir werden heimgesucht vom Verlust des Verlustes. Was wir vergangen glaubten, kehrt als YouTube-Video wieder. Was wir vor Jahren hinter vorgehaltener Hand flüsterten,  wartet in sozialen Netzwerken auf den richtigen Moment, um uns bloßzustellen.

Ein gewaltiges Unbehagen gegenüber den Archiven ist das Merkmal unserer Epoche. Dahinter steht nicht nur die allzu leichte Verfügbarkeit des Vergangenen, sondern auch die Archivierung der Gegenwart. Dieses fieberhafte Aufnehmen und Bildermachen – für Bilder, die nur in sozialen Medien erscheinen, ist der Begriff der „Fotografie“ eigentlich überholt – löscht genau die Gegenwart aus, die es einfangen soll. Wir werden zu Archivaren unseres eigenen Lebens, strecken bei jeder Veranstaltung neurotisch unsere Fotohandys über die Köpfe, damit die Maschinen auch ja nichts verpassen, während wir selbst dabei alles verpassen. Was ist das nur für ein seltsamer narzisstischer Antrieb, der uns glauben lässt, es gäbe irgendwo in der Zukunft ein Publikum, das es interessanter fände, sich durch die exponentiell anwachsenden Berge von Cyber-Müll zu graben als ihre eigenen Leben zu archivieren (oder zu führen)? Für wen entsteht dieses gewaltige digitale Archiv? Wohl kaum für ein künftiges Publikum, von dem man nicht ernsthaft erwarten kann, uns zuzusehen – aber doch genau so wenig für uns selbst, sind wir doch endlos schon auf das Nächste fixiert, das sich aufzeichnen lässt. Das ist die Dialektik der Cyber-Zeit: Alles, was über die nächste Gegenwart hinaus reicht, entschwindet unserer Aufmerksamkeit; dennoch ist alles da, unlöschbar, in unendlicher Geduld und Boshaftigkeit auf eine Gelegenheit lauernd.

Auch wenn es zunächst kontraintuitiv erscheint: In mancher Hinsicht könnte man behaupten, dass wir weniger von einer Vergangenheit geplagt werden, die auf unserem Bewusstsein lastet, als dass wir vielmehr Opfer einer besonderen Form der Amnesie sind. Diese Amnesie hat einiges gemein mit der Lage, in der sich Lenny befindet, der Protago nist in Christopher Nolans Film „Memento“ (2000). Lenny leidet an einer anterograden Amnesie wie aus dem Medizinbuch. Das heißt, sein Langzeitgedächtnis ist intakt, aber er kann keine neuen Erinnerungen haben. Die Tiefe der Vergangenheit liegt makellos in unerreichbarer Ferne. Aber da die nächste Vergangenheit nicht im Gedächtnis bleibt, droht Lenny ständig sich zu wiederholen, sich in Endlosschleifen zu verrennen, ohne es zu merken. Er kann nicht sagen, ob er etwas zum ersten Mal macht oder zum hundertsten Mal. In den 1980ern argumentierte Fredric Jameson, dass die Postmoderne durch eben  diese Gedächtnisstörung gekennzeichnet sei. Das postmoderne Subjekt, erklärte Jameson, hat einen Zusammenbruch von linearer Zeitlichkeit erfahren. An die Stelle einer Erzählung, die Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft umspannte, war eine „Aufeinanderfolge  reiner und unverbundener Gegenwarten in der Zeit“ getreten – eine Erfahrung von Zeit, die der Lennys verblüffend ähnelt. Parado xerweise ist für Jameson dieses Gefühl eines Lebens in einem endlosen Jetzt – einem Jetzt, das von jeder Vergangenheit abgeschnitten ist und nach keiner Zukunft greifen kann – teil weise daraus entstanden, dass die kulturellen Formen abhanden gekommen waren, die es erlaubt hätten, die Gegenwart auszudrücken. Stattdessen griff ein stillschweigendes Ausruhen auf Vergangenem um sich. Hollywood-Filme begannen auf frühere Formen des 20. Jahrhunderts zurückzugreifen wie auf den Film Noir oder Abenteuerserien aus den 30ern, verschleierten das aber mittels zeitgenössischer Szenarien und dem Einsatz moderner Technologie. Neue Geräte und aktuellste Special Effects lenkten unsere Auf merksamkeit von den überkommenen Formen ab, auf denen die Filme beruhten.

Jamesons Analysen erwiesen sich als außerordentlich weitsichtig: Was in den 80ern noch ein einsetzender Trend war, ist jetzt der vorherrschende Modus des 21. Jahrhunderts. Er ist tatsächlich so bestimmend, dass er gar nicht mehr bemerkt wird. In der Allgegenwart des Pastiches ist das „Gegenwärtige“ so sehr mit  dem „Vergangenen“ getränkt, dass die Unterscheidung zwischen ihnen erodiert ist. Wir werden zunehmend dazu gebracht zu vergessen, dass das, was wir hören und sehen, nicht neu ist. Nach und nach sind unsere Erwartungen unaufhaltsam gesunken. Wir stehen an der  Schwelle zu einer Zeit der Depression: Es ist schon immer so gewesen. Irgendwie müssen wir uns daran erinnern, dass das nicht stimmt. Früher war das Neue noch möglich – und vielleicht wird es das bald wieder sein.

 

Aus dem Englischen von Kolja Reichert

Mark Fisher ist Kulturwissenschaftler, Musikkritiker und Blogger und lebt in London. 2014 erschien die Essaysammlung „Ghosts of My Life: Writings on Depression, Hauntology and Lost Futures“ (Zero Books), nach Ausbruch der Finanzkrise veröffentlichte er 2009 den vielbesprochenen Essay „Kapitalistischer Realismus ohne Alternative?“ (dt. Ausgabe 2013 bei VSA).