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Kolumne

Beyoncé, der größte Popstar des Planeten, in ihrer AirBnB-Wohnung.

Jeden Dienstag schreibt Timo Feldhaus über das Wichtigste auf der Welt: andere Leute.

Beyoncé, der größte Popstar des Planeten, hatte sich letzte Woche für ihren Auftritt beim Super Bowl in eine AirBnB-Wohnung eingemietet. Die News kitzelte so ein bisschen an der Hirnhaut. Hatte man das Bereitstellen privaten Wohnraums bisher eher im Bezugsraum demokratischer Sharing-Economy verortet, um minderbemittelten Hipstern das Reisen um die Welt zu ermöglichen.

Nach Georg Simmel (spätes 19. Jhd.) verbreitet sich die Mode immer von der oberen zur unteren Schicht. Auf dieser als Trickle-Down-Effekt bezeichneten Spannung zweier Schichten gründet der fortwährende Wandel der Moden. Was Simmel letztlich meinte: Erst macht Beyoncé etwas, und dann wir. 

Das ist heute nicht mehr wahr. Neue Formate ermöglichen allumfassend neue Zugriffe. Wer sie lesen und überraschend nutzen kann, verschafft sich Erfolg. Eine Freundin hatte sich kürzlich in LA ein Uber gerufen, vor fuhr ein Herr mit Luxuslimousine, der auch später noch gerne Nachrichten schickte. Er war sehr reich und hat den Online-Vermittlungsdienst für Fahrdienstleistungen genutzt wie andere Menschen die Dating-Plattformen Tinder oder Grindr. Durch Leute wischen. Kurze Begegnungen. Chatten. Er war jetzt ein Taxifahrer, aber er blieb ein Billionaire mit Bedürfnissen.

Ein bisschen wie Kanye West. Am Sonntag hat der Rapper sein neues Album vorgestellt, nur wenige Stunden später schreibt er bei Twitter, dass er mit 53 Mio in den Miesen ist. 

Es reichte einfach nicht, die Künstlerin Vanessa Beecroft bei seiner Album-Premiere im vollbesetzten Madison Square Garden ein Massen-Tableau-Vivant aus schönen, jungen, vor allem schwarzen Models inszenieren zu lassen, die Flüchtlinge sein sollten und dabei die neue Modekollektion von West trugen. Es reichte nicht, dabei noch auf sein neues Online-Game zu verweisen. Es reichte offenbar erst recht nicht, dass das Album wirklich ganz ausgezeichnet klang. 

West bittet nur kurz darauf Mark Zuckerberg: “invest $1bn into Kanye West ideas“. Wäre doch auch für den FB-Gründer das beste, denn der wisse ja, Kanye ist „the greatest living artist and greatest artist of all time”. Und der klagt weiter: Tech-entrepreneurs wie Zuckerberg und Larry Page hören den ganzen Tag Hip-Hop, „but are more interested in opening schools in Africa than helping celebrity rappers.“ 

Das kann man einen Coup nennen. Oder dumm. Vor allem ist es: too much information. Warum macht die Queen des RnB Werbung für AirBnB? Es wirkt auf verblüffende Art elaboriert, sein neues Album zu promoten, indem man als selbsternannter GOD am Tag seiner neusten „Erscheinung“ um Geld bittet. Und dabei alle für Werbung vorgesehenen Zeit-Rahmungen totalakzeleriert. Es entsteht Verrücktheit und Leere. 

In der echten Welt versucht man dann also über einfachere Sachen zu sprechen.  

Mutter: „Warst du gestern bei Galerie Neu, Karl Holmqvist-Opening?“ 
Vater: „Nein, das ist mir zu cool.“ 
Kind: „… zu cool…“

Die 8-Jährige wiederholt das mit einem Anflug leichter Hysterie. Man hört förmlich wie die Irritation den verträumten Gedankengang rammt und die soeben gehörte Wortkombination auf den Schulhof überträgt: Gibt es wirklich Dinge, die der Coolness zu viel sein können?

Während eines Essens im Verlauf der Berlinale sitze ich dem berühmten Architekten Jürgen Mayer H. gegenüber, der vor einigen Jahren ganz Georgien mit fantastischer organischer Aqua-Architektur vollstellte, die der damalige Staatschef Micheil Saakaschwili möglich machte, der später nach Brooklyn emigriert ist um in einem Think Tank zu arbeiten. Mayer H. zeigt mir auf seinem großen Handy Bilder des Shoppingcenters, das er bald hinter das Shoppingcenter Alexa setzen wird. Dort wird es auch einen Eisbach zum Surfen geben. Ich erzähl das später dem Taxifahrer, der mich daraufhin überzeugt in die von Madonna betriebene Fitnessstudiokette Hard Candy einzutreten. Eine lebenslange Mitgliedschaft kostet einmalig 800 Euro. Er hat bar bezahlt.

Am Ende wollen dann immer alle wissen, was mit Berlin ist. Selbst Tilda Swinton. Also erzähle ich es ihnen: 

Das Ende der Berlin Biennale im Spätsommer wird das offizielle Ende der Post Internet Art und das inoffizielle Ende von Berlin. Das Haus der Kulturen der Welt macht dicht für ein Jahr (erst mal), Neue Nationalgalerie ist ja schon. Die Kunst-Werke finden auch auf Weiteres keine neue Leitung. Im Hamburger Bahnhof ist schon lange nichts mehr los. Offen hat dann nur noch das Humboldt Schloss Germania, die neue Volksbühne und der neue Raum von Julia Stoschek. Die Messe abc dreht noch eine letzte Ehrenrunde, sämtliche jungen Galerien müssen schließen wegen der erhöhten Mehrwertsteuer, Buchholz und Bortolozzi ziehen nach LA. Übrig bleiben nur König Johann und Bruno Brunnet. Die teilen dann alles unter sich auf. Drüber kommt eine Glasglocke. Keine Bewegung mehr. Für 20 Jahre. Over and out. 

Das ist kein Geheimnis. Es ist die Wahrheit. 

Ab nächsten Monat soll es mit AirBnB und Berlin übrigens auch vorbei sein. Die Hauptstadt sei die erste auf der Welt, in der sich die Zahl von Ferienwohnung und echter Mietwohnung so sehr angleiche, dass staatlicherseits ein Riegel vorgeschoben werden müsse. Halb Berlin wird also schon bald wieder komplett leer stehen. Nur noch sehr reiche Abenteuertouristen werden sich her verirren. Riesige Leguane schauen sie aus hässlicher Fake-Gründerzeitarchitektur an, die Fassaden von urzeitlicher Vegetation überwuchert. Beyoncé besucht Berlin als den letzten Außenposten einer archaischen Welt, ein altes quietschendes Flugobjekt weist ihr den Weg durch halbfertige Bauruinen. 

 

Timo Feldhaus ist Spike-Redakteur und lebt in Berlin.