REAL TIME

Kolumne 

Juan Sebastián Peláez, Ewaipanoma (Rihanna), 2016
 

Foto: Neven Allgeier

An jedem zweiten Dienstag schreibt Timo Feldhaus über das Wichtigste auf der Welt: andere Leute. Dieses Mal lief er dabei über die 9. Berlin Biennale. 

Vor 20 Jahren wurde das Handy erfunden. Vor 20 Jahren eröffnete auch die erste Berlin Biennale. Im Blick zurück wirken die Dinge zumeist weniger widersprüchlich, sondern glatter und klarer, als hätten sie schon immer einen Zusammenhang ergeben. 

Die Gegenwart ist so nicht.

Die Gegenwart, finden die Kuratoren der 9. Berlin Biennale, kann man weder verstehen noch vorhersagen. Sie ist dem Beharren auf etlichen Fiktionen entsprungen. Im Katalog zur Ausstellung, die in diesem Jahr von dem New Yorker Kollektiv DIS aka Lauren Boyle, Solomon Chase, Marco Roso und David Toro kuratiert wurde, steht auch: 

„Die Biennale zeigt die Paradoxien, die die Welt 2016 ausmachen: Virtuelles als Reales, Nationen als Marken, Menschen als Daten, Kultur als Kapital, Wellness als Politik, Glück als BIP und so weiter.“ 

Es beginnt mit einer außergewöhnlichen Pressekonferenz. Verwaltungsdirektor Alexander Fahrenholtz bietet hocherfreut eine Spekulation im Namen der Bundeskulturstiftung: Zum ersten Mal würde auf einer Biennale verweigert, dass man auf der richtigen Seite steht. Findet er sehr gut. Dann sprechen DIS, lesen eher ab, lesen unglaublich wohlklingende Sätze, gleichzeitig poetisch, leer, schlau, marketinghaft. Es sind Werbesätze über eine Wirklichkeit, die diese vier Menschen zugleich mit Unbehagen und Faszination erfüllt. Man solle sich vorstellen, in dem besten Gemüseladen der Welt zu sein (diese Biennale) um dann zu vergessen, dass es sich um einen Gemüseladen handelt. 

Man soll vergessen, dass das Kunst ist.   

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Von so viel warmer Widersinnigkeit ernsthaft euphorisiert, stolpert man also in die Ausstellungsräume: Erst mal ein paar Leute fragen, die wissen müssen, was ich eigentlich denken soll.  

„Herr Maurizio Cattelan, was halten Sie von all dem?“ 

„Ich kann es noch gar nicht sagen, zu wenig gesehen. Zugegeben, eigentlich dachte ich, es findet alles im Internet statt. Das wäre gut gewesen, denn man muss neue Formate finden!“ 
 
„Herr Klaus Biesenbach, hier mit Blick auf den Pariser Platz, ganz ehrlich, dieses DIS will doch die Kunst zerstören und alles in Pop und Welt aufgehen lassen. Was soll daran gut sein?“ 

„Erinnern Sie sich mal an Beuys, an das berühmte Ende der Fettecke. Die wurde einfach weg geräumt, weil sie nicht als Kunst erkennbar war. Das ist, was Kunst heute wieder ausmacht. Unerkannt bleiben. Gestern schaute man von hier oben auf den Platz vor dem Brandenburger Tor, wo eine Demonstration von Kurden stattfand, hier oben in der Ausstellung lief der Film von Halil Altındere, wo es um Flüchtlinge geht. Es war nicht mehr zu unterscheiden. Das ist grandios.“

Mit Katharina Sieverding auf dem auf der Spree fahrenden Boot von Korakrit Arunanondchai und Alex Gvojic sitzend, überlegen, warum soll man Kunst anschauen, die so soft und slick aussieht wie eine iPhone-Ad? Und genau wissen: Wir haben massive Probleme in der Welt, in Medizin und Technik gibt es Neuerungen, die gefährlich sind. Hier fliegen kommentarlos Drohnen durchs Bild. Sollte nicht vielleicht mehr Position bezogen werden? 

Die schönste Spekulation dieser Tage kommt vom Künstler Dan Meththananda, er überlegt während der GHE20G0TH1K-Party: Was, wenn es sich bei der 9. Berlin Biennale um die größte Solo-Show der Welt handelt? Wenn man nicht mehr die Einzelpräsentationen sähe, sondern eine extrem dichte, inhaltlich fokussierte und ästhetisch ähnliche Ausstellung, die durch und durch dasselbe Thema hat.  

Auf dem Weg zum Ausstellungsort ESMT prangt vor dem kommenden Stadtschloss eine riesige Samsung-Werbung: „Rethink what your phone can do“. Es hat wirklich eine starke Ähnlichkeit zu dem DIS-Plakat vor der European School of Management and Technology. Womöglich wurde noch nie so viel Gegenwart in eine Biennale gepresst, fast 50 Neuproduktionen, fast alle Künstler gleich jung und: keiner tot, ehrwürdig oder wiederentdeckt. Dazu mit dem ESMT und der Akademie der Künste zwei wirklich fantastisch ausgesuchte Ausstellungs-Orte, die uns bar jeder Nostalgie an Plätze wie Schlossplatz, Pariser Platz, Regierungsviertel zwingen, wo man plötzlich selbst wieder Tourist wird und die Möglichkeit sich ergibt Deutschland und die Dinge darin anders zu sehen.  

Die Ausstellung langweilt mich aber auch. Die Künstlerliste, die Arbeiten, die diese nun zeigen: Total vorhersehbar. Kaum etwas überraschend. Aber wer, bitteschön, bin schon ich? Einer, der die Webseite DIS Magazine vor sechs Jahren zum ersten Mal und seitdem regelmäßig klickt, auch, weil er dort sieht, wovon er immer schon überzeugt ist, dass sich nämlich auf der Oberfläche womöglich viel mehr erkennen lässt, als der darunter liegende Inhalt verspricht. Ein gleichzeitig durch Dialektik durchdrungener Deutscher, der sich schon als Student einbildete, dass Walter Benjamins Aufsatz über das Kunstwerk mehr Potenzial für unsere Gegenwart bietet als das griesgrämige „Kulturindustrie“-Kapitel in Max Horkheimers und Theodor W. Adornos „Dialektik der Aufklärung“. Einfach in dem Sinne, dass Benjamin sich die damals brandneuen Medien Film und Fotografie zugleich traurig und fasziniert anschaute, aber tendenziell eine mögliche Erweiterung in der Ästhetisierung durch (Waren)welt sah, während wenn Horkheimer und Adorno von Kultur redeten, sie ausschließlich an Kunstproduktion- und Rezeption dachten und alles andere galt es mit Kritik zu killen und zu brandmarken als Vermarktung, Nivellierung und Trivialisierung ebenjener größten aller: Kunst. 

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Ich habe dieser Tage Menschen gesehen, die im Taumel Jon Rafmans Virtuelle-Realitäts-Brille Oculus Rift abgenommen haben, verzückt staunende Gesichter von Besuchern, die all diese glänzenden Plastik-und Corporate-Welt-Verschränkung noch nie zuvor erlebt haben, die betört sich drängelten vor dem Film von Alexa Karolinski und Ingo Niermann und dieses ganze in eine ultrasanfte, esoterische New Age und Spa-und Liebes-Nest umfunktionierte KW. Und ich habe einige altehrwürdige Kritiker gesehen, denen vor laufenden Videoarbeiten ihre Kriterien zerbröselten und dann gewissermaßen frei aber deswegen eben auch fast weinend in totaler Orientierungslosigkeit durch die Ausstellungsräume floateten. 

Und diese schreiben nun: Alles sei hybrid, nichts eindeutig. Überall Bildschirme, Unmittelbarkeit, Glätte, nichts zum Festhalten. Sieht aus wie H&M. Total affirmativ. 

Das stimmt aber gar nicht. Das Gros der Arbeiten erscheint im modernistischsten, im traditionellsten Sinne kritisch. Und nicht nur wie eingebaut wirkende Ältere wie Altındere und Korpys/Löffler oder Hito Steyerl, auch Anna Uddenberg, Josh Kline oder selbst Ryan Trecartin wirken ja mittlerweile visuell „entschlüsselt“. All ihre Arbeiten mahnen vor dem digitalen Krieg und dem gentrifizierten Internet, dem Horror des Komplettzusammenhangs, der Konsumkultur und davon, dass wir die Macht über unsere Wirklichkeit an Algorithmen verloren haben. 

Bereits der Ausstellungstitel „The Present in Drag” lässt ein Selbstverständnis erkennen, das komplett in den Traditionslinien modernistischer Emanzipation wurzelt. Es ging DIS schon immer darum, Narrative für eine stark beschleunigte Gegenwart zu finden, die diese möglichst noch einmal überspitzt. Eine klassische Figur des Camp. Die Schwebe, die so eine Travestie erzeugt und in der sich manche Kritiker aufgrund einer dann hergestellten neuen Neutralität so unwohl fühlen, ist erzeugt durch eine Verkleidung, ein Anschubsen der Bilder, die uns sowieso umgeben. 

Neu ist, dass sie diesen queeren Quellcode in den sauberen Benutzeroberflächen von Brands wie Apple oder Google installieren. Doch eines lässt einen nach dem Rundgang dann wirklich erstaunt zurück: Wie traurig, hoffnungslos und wenig lustig das alles daherkommt. Wie sehr dem der Ton des Sakralen innewohnt. Das Internet: Der Tod. Die 9. Berlin Biennale, das ist Emo, Ermüdung, Ernüchterung, Entschleunigung, und ein Endpunkt.

2011 schrieb ich einen kleinen Text über die umstrittene Leistungsschau „based in berlin“, die damals erstmals die Berliner Post-Internet-Szene zusammenfasste: 

„Witch-House-Hipsterism, Globalshanzai, runtergepitchter Rap und Jutebeutel-Moves wurden unter ihren Händen zur zeitgenössischsten Ästhetik, die man aus dem Internet holen und dort auch wieder hinstellen kann. Nun ist es so weit: Ihre Kunst verkauft sich in großem Stil, aber die wohlerzogenen, in stylische Lumpen und hochaufgerüstete Laufschuhe gekleideten Eliteschüler, sie werden nun weniger hip sein. (…) Wie ein Nomadenstamm aus längst vergessener Zukunft wischen sie auf ihren iPhones und murmeln in einem elegischen Singsang über Tumblr-Bildblogs. Es ist nun Zeit zu gehen, einfach weil die Mode es so will, und das wissen diese jungen Leute intuitiv natürlich am allerbesten.“ 

Diese Biennale könnte nun wirklich ein Abschied bedeuten. „Dies ist die erste und die letzte Biennale, die wir kuratieren“, erklären DIS gleich zu Beginn. Es ist nicht klar, ob es ein Scherz sein soll, aber alle lachten. Sie haben in den letzten Jahren einen ganzen Haufen Welt in das System Kunst gepumpt, und fast wurde der Kunst darüber ein bisschen schlecht. Am Ende steckt sie das aber logischerweise weg und auch DIS in eine ihrer vielen Taschen. 

 

Timo Feldhaus ist Spike-Redakteur und lebt in Berlin. 

In der vorigen Kolumne ging es um die Folgen des neuen Live-Video-Formats von Facebook: Die Schrift stirbt aus. Und Erwin Wurm. 
 

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