Rückblick: BERLINALE 2016

Von Phantasmen, Haltungen und Erfahrungen

The Pink Detachment
Forum Expanded 2016
USA 2015
von: Jen Liu
© Jen Liu

Die mit 11 Jahren jüngste Sektion der Berlinale, das „Forum expanded“, funktioniert von jeher als feinste Schnittstelle zwischen Kunst und Film. Ins Leben gerufen von Anselm Franke und Stefanie Schulte Strathaus, hat sie sich zum veritablen Diskussionsort für Fragestellungen entwickelt, die das Bewegtbildformat in beiden Disziplinen untersucht und zusammenbringt. 

Außerdem handelt es sich bei ihr um die einzige Sektion der Berlinale, in dem die Auswahl von Filmen, Installationen und Diskussionen einem kuratierten Programm folgt, d.h., nicht allein dem Premierenstatus verpflichtet ist, sondern es werden Arbeiten zu Themen gebündelt und von Vorträgen und Panels begleitet. In 2016 wurde nun die bisher beste Ausstellung gezeigt.

Unter dem Motto „Traversing the Phantasm“ bildet ein hochpolitisches Ensemble von künstlerischen Arbeiten den Grundstock für eine Reflexion geopolitischer Themen. Die Installationen „The Refrain“ von Angela Melitopoulos oder „Terra Nullius“ von James T. Hong handeln von imaginären Landschaften. „Pink Detachment“ von Jen Liu, „Girl Talk“ von Wu Tsang oder „Reason’s Oxymorons“ von Kader Attia zeigen Anschauungen und Vorstellungsweisen, die nicht dem westlichen Denken verpflichtet sind. Im Sinne der Psychoanalyse Jacques Lacans spiegelt sich im Phantasma der verdrängte Wunsch nach Absolutheit und Kontrolle. Damit wäre das politische Feld umrissen; Bilder von Wirklichkeiten treffen auf Haltungen und gewinnen dadurch deutlich an Brisanz und Relevanz. 

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 Die Ausstellung gibt jeder einzelnen Arbeit viel Raum, was auch notwendig ist, denn für die komplexen Arbeiten braucht es viel Zeit. Besonders gelungen ist die Arbeit „pssst Leopard 2A7+“ von Natascha Sadr Haghighian, die rein über Soundstationen funktioniert. In Deutschland wird nur zu gerne vergessen, dass das Land der zweitgrößte Waffenexporteur der Welt ist und damit nachhaltig zu den bestehenden Konflikten auch im Nahen Osten beiträgt. Haghighian hat sich auf die Recherche über das letzte Erfolgsprodukt der deutschen Industrie begeben und minuziös die Fakten zusammengetragen. Auf der Plattform liegend, fragt man sich, ob das Selbstbild einer vermeintlich pazifistischen Grundhaltung so einzuhalten ist. Für mich ist dies das Schlüsselwerk einer Ausstellung, die reale Konflikte in ihrer Komplexität zu beschreiben versucht und mit den Wünschen und Träumen einer Gesellschaft verbindet. Und die in den dekolonisierenden Gesängen in Melitopoulos und Tsangs Arbeiten einen Wiederhall finden. 

Zeit und politisches Gewissen braucht man auch für den experimentellsten Film des Wettbewerbs. Dafür hat man den philippinischen Filmemacher Lav Diaz mit seinem Epos „ A Lullaby to the Sorrowful Mystery“ eingeladen. In diesem meditativen 8-Stünder untersucht Diaz die Kolonialgeschichte seines Landes, die insbesondere im 19. Jahrhundert wechselhaft war und bis heute tiefe Spuren hinterlassen hat. In S/W, die soziale Realität mit dem Mythologischen und dem Persönlichen verwebend, geht es wohl um die physische Erfahrung von Zeit als konkret vergehendes Leben. Es ist das „hottest ticket“ des Festivals. Und das ist für das Kino ein gutes Zeichen. Niemals zuvor war ein Film dieser Länge im Wettbewerb zu sehen und es bleibt abzuwarten, wie die Jury auf diese Parabel auf die philippinische Psyche reagiert.

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 Die wirklichen Entdeckungen im Langfilm finden eher im „Forum“, denn im Wettbewerb statt. In diesem Jahr findet das Programm seinen Schwerpunkt im arabischen Raum und zeigt mit Filmen von Jumana Manna oder Tamer El Said Beispiele eines zeitgemäßen und engagierten Kinos. Mein Favorit ist allerdings definitiv „Eldorado XXI“ von Salomé Lamas. Mit beeindruckenden Landschaftsaufnahmen und ruhigen, intensiven Kameraeinstellungen untersucht diese Dokumentation das Leben in „La Rinconada“, einem Ort der auf ca. 5000 Höhenmetern nahe einer Goldmine in den peruanischen Anden liegt. Die erste Hälfte des Films besteht aus einer einzigen Einstellung, in der ein unendlicher Strom von Minenarbeitern einen Pfad auf- und abwandern. Die zweite Hälfte des Films ist dem Alltag gewidmet. In einer formal radikalen Montage stellt der Film eindringlich die Frage, was Menschen dazu antreibt, sich in die Minen zu begeben. 

Es scheint das Jahr des eindrücklichen Dokumentarfilms zu sein. Das zeigt nicht, dass der diesjährige Gewinnerfilm, die Flüchtlingsdoku „Fuocoammare", aus dieser Kategorie kommt. Das verwundert kaum, hat doch zum einen das Sensory Ethnography Lab der Harvard University dem künstlerischen und wissenschaftlichen Anspruch am Dokumentarfilm, mit Produktionen wie etwa „Leviathan“ und „Manakamana“, in den letzten Jahren einen neuen Schub gegeben. Es sind aber wohl auch die globalen Konflikte, und die Berichte darüber, die so zahlreich, konfus und unübersichtlich geworden sind, dass es den Wunsch nach einer neuen Übersicht oder neuen Antworten gibt, die direkt aus der Realität kommen. 

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 In „Depth Two“ des jungen serbischen Filmemachers Ognjen Glavonić geht es um Kriegsverbrechen im Serbien von 1999. Hinter dem Titel – auf serbisch „Duvina dba“ - steckt ein Geheimplan der Regierung, Teile der eigenen Bevölkerung zu vernichten. Glavonić geht es um die Vermessung der Wahrheit, und darum, wie sich diese 17 Jahre später darstellt und in der Bevölkerung abbildet. Wang Bing zeigt in einer weiteren Dokumentation – „Ta’ang“ – ein Flüchtlingsdrama an der Grenze zwischen Myanmar und China. Während Teile der De’ang-Minderheit mit der burmesischen Armee an der chinesischen Grenze um Unabhängigkeit kämpfen, suchen Frauen und Kinder in provisorischen Zelten in den Tälern des Grenzgebietes Unterschlupf. Die Kamera wird einfach auf das alltägliche Leben der Flüchtlinge gehalten, ohne Bloßzustellen oder zu Kommentieren. Sie zeigt die grundsätzliche Not eines vergessenen Krieges und gerade vor dem Hintergrund der Geflüchteten in Europa überzeugt die konsequente und ruhige Darstellung von Realität, die einen nachdenklich zurücklässt.

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Auch im Kurzfilmprogramm der „Berlinale Shorts“ gibt es Überraschungen zu sehen. Mit „Die Unzugänglichkeit der griechischen Antike und ihre Folgen“ wird eine Produktion der beiden HFBK-Absolventen Gerrit Frohne-Brinkmann und Paul Spengemann gezeigt. Ein Hamburger Gymnasium trifft auf Arne Jakobsen, der Modernismus auf die griechische Antike - um so gleich einigen Mythen deutscher Bildungsbestrebungen durch rätselhafte Handlungen den Garaus zu bereiten und dem Ideengerüst einer effiziensorientierten Ausbildung à la Bologna, die bitte auch noch Gewinn maximieren soll, in der gebotenen Kürze und auf sehr lustige Weise auszuhebeln. 

"Personne" heißt der Beitrag vom Künstlerduo Christoph Girardet / Markus Müller. Clips aus 146 Spielfilmen, in denen vor allem der französische Schauspieler Jean-Louis Trintignant immer wieder sich selbst begegnet, fügen sich zu einer surrealen Studie über Identität, Entfremdung und Vergänglichkeit. Das Vorgehen der beiden Filmemacher ist bekannt, aber dennoch auch immer wieder gut, bringt es durch filmische Charaktere und deren Wandlungsfähigkeiten grundlegende menschliche Eigenschaften pointiert in den Blick. Der amerikanische Filmemacher Ben Russell untersucht in seinen Filmen das Leben autonomer Gemeinschaften abseits des Mainstream und blickt in „He Who Eats Children“ in die Tiefen des surinamischen Dschungels. Selbstreflexion trifft hier auf eine koloniale Perspektive,  die allerdings psychedelisch zu einer Innenschau gerät. 

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Es sind überhaupt die komplexen Begegnungen mit dem „Anderen“, mit dem eigenen Selbstbild und den Konflikten, die daraus entstehen, die viele Arbeiten in der diesjährigen Berlinale auszeichnen. Die Bilderkammern gesellschaftspolitischer Realität, die derzeit von Woche zu Woche umkämpfter scheinen, und an der große Teile der europäischen Gesellschaft derart partizipieren, dass grundlegende Bestandteile der europäischen Verfassung daran zu scheitern drohen, prägen die diesjährige Berlinale mal wieder in besonderem Maße. 

 

Bettina Steinbrügge ist Direktorin des Kunstverein in Hamburg. Sie arbeitet auch für die Sektion „Forum expanded“ der Berlinale. Im Jahr 2016 allerdings nicht.