Selig 
sind die Sanftmütigen

Essay

Paul Kneale
Still aus SEO and Co, 2014
Digitales Video, 30 Min., geloopt
Von links nach rechts: Oscar Khan, Harry Burke, Nina Cristante

 

Die „Generation Weichei“ sei harmoniesüchtig, kritikunfähig und nicht lustig, schrieb Bret Easton Ellis in der Vanity Fair und holte einmal aus zum großen Rundumschlag gegen die heute 20- bis 30-Jährigen. Der Schriftsteller Harry Burke fühlt sich angesprochen und verteidigt seine Generation.

Drei Jahre lang hat Bret Easton Ellis nun versucht, die Generation der Millennials, zu der auch ich gehöre, als „Generation Wuss“ [Generation Weichei] zu rebranden. In einem kürzlich in der französischen Vanity Fair erschienenen Artikel beklagt er die „Übersensibilität“ der nach 1980 Geborenen, „ihr Insistieren darauf, dass sie Recht haben, selbst wenn alles dagegen spricht, ihr Unvermögen Dinge in den Kontext zu stellen und den passiv-aggressiven Optimismus. Noch schlimmer wird das alles durch die Medikamente, mit denen ihre überfürsorglichen, sie auf Schritt und Tritt verfolgenden Helikopter-Eltern sie von Kindheit an gefüttert haben.“ Es ist ein selbstgefälliger Text, der die Selbstgefälligkeit der Millennials attackiert und sie als Generation porträtiert, die mit Negativität nicht umgehen kann und in den mit Likes angefüllten Spiegelkabinetten der Social Media unablässig Bestätigung sucht. Die Provokation war beabsichtigt; er wollte eine junge Generation herausfordern, die das selbst nicht tut, und deren Wolken des Positiven die echten Formen von Kritik verfinstern.

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Wäre ich mit Ellis auf Facebook befreundet, würde ich sein Posting mit dem Link zum Artikel wahrscheinlich liken ohne ihn zu lesen – wie ich es immer bei Leuten wie Nicolas Bourriaud oder Kenneth Goldsmith mache. Es ist einfach lustig mit den offensichtlichen Hierarchien der Aufmerksamkeitsökonomie zu spielen. Dabei ist es schwierig, sich gegen das beunruhigende Gefühl zu wehren, dass er Recht hat (und das Gefühl hat irgendwas mit dem Willen zur Zerstörung in Ellis’ Romanen zu tun, etwa in „Unter Null“). Ich kenne dieses Unbehagen, wenn ich auf einer ganz klar lustigen Party darüber geklagt habe, wie beschissen die Wohnungssituation in London ist, oder wie pleite ich als prekärer Wissens-Produzent bin, und wenn die Unsicherheit nagt, ob andere auch diese Angst kennen oder ob das nur meine Angst ist, und ich dann im Bus nach Hause sitze und hoffe, dass jemand einen meiner Tweets geliked hat. Es macht mich unruhig, dass ich keine dauerhafte monogame Beziehung habe, obwohl ich solche Beziehungsmodelle aus Prinzip ablehne. Ich kann mir gut vorstellen, mit meinen Freunden in Fragen kollektiver Entrechtung mehr Solidarität zu zeigen. Ich würde gerne mit alternativen Formen des Zusammenlebens in Gruppen experimentieren, aber es passiert nicht. Komischerweise schmeichelt mir die Vorstellung, dass Bret Easton Ellis mich nicht versteht, weil ich zu sentimental bin.

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Im Vanity Fair Artikel bringt Ellis diese „Sentimentalität“ mit „Opfererzählungen“ in Verbindung. Dabei ist mir aufgefallen, dass sich Ellis selbst unabsichtlich als Opfer in einer größeren historischen Erzählung positioniert – dem „Verschwinden des Realen“. Vielleicht ist das die ultimative Opfererzählung, und wir haben sie beide erlebt, wenn auch aus unterschiedlichen Blickwinkeln. Eines der letzten Bücher von Jean Baudrillard, „Warum ist nicht alles schon verschwunden?“, erschien 2008, ein Jahr nach seinem Tod, auf Deutsch. Darin schreibt Baudrillard, dass im Zeitalter der Medien und des Virtuellen nicht nur das Reale verschwinde, sondern auch das Subjekt. An dessen Stelle trete eine „diffuse, schwebende, substanzlose Subjektivität“, „ein Ektoplasma, das alles einhüllt und in eine riesige Oberfläche verwandelt, die ein leeres, der Realität entfremdetes Bewusstsein wiederspiegelt“. Das ist die Tragödie der Charaktere aus „Unter Null“ (mit der über allem schwebenden Devise „Verschwinde von hier“, die der Protagonist Clay auf einer riesigen Plakatwand entdeckt), aber es ist auch die Tragödie des entleerten Bewusstseins zeitgenössischer Schriftsteller wie Tao Lin, die trostlose Anthropologien ihres eigenen Lebens ausbreiten, ohne Unterschiede zwischen den sozialen Welten von Gmail, Partys in Brooklyn und der Biosupermarktkette Whole Foods erkennen zu lassen.

Man macht es sich vielleicht ein bisschen einfach, wenn man dieses „Verschwinden des Realen“ als Opfererzählung versteht: Jemand nennt Deine Generation jämmerlich oder gleichgültig? Schieb’ die Schuld auf die Älteren und ihre technologischen Erfindungen, die den Boden unserer Realität, Subjektivität und Welt weggerissen haben. Wenn Baudrillard behauptet, unsere Kultur habe ihren Sinn für das Reale hinter den Bildern und folglich die unveränderbare Realität unseres eigenen Subjektseins verloren, ist das eine Sache. Wenn aber Ellis den Fall eines Selbstmords nach Cyber-Mobbing an einer amerikanischen Universität als Beispiel nimmt, um ihm „echtem handgreiflichen Mobbing“ gegenüberzustellen, ist das eine andere. Ellis trifft einige wunde Punkte, aber speziell an dieser Stelle offenbart sich ein grundlegendes Missverständnis des Verhältnisses von „realem“ und virtuellem Raum. Er hat einfach Unrecht, wenn er unterstellt, dass das, was in virtuellen Räumen passiert, nicht real wäre, oder anders gesagt, keine realen Auswirkungen hätte. Die Architektur des Internets mag auf den ersten Blick flach und virtuell wirken, dabei bietet sie einigen Menschen soziale und materielle Vorteile, während sie andere zum Schweigen bringen. Wie die Geografie von Los Angeles manche Menschen aufgrund von Realitäten wie Gender, Ethnie und Klasse entmächtigt.

Ellis reitet mit seiner Nostalgie ganz klar auf einer Welle des Unbehagens gegenüber den emotionalen, materiellen und psychischen Auswirkungen des Digitalen. Was er nicht erkennt, oder vielleicht zu unterdrücken versucht, ist das emanzipatorische Potenzial, das im Baudrillardschen Verschwinden des Wirklichen liegt. Paradoxerweise hat der Tod des Realen dessen eigene (Auf)Erstehung möglich gemacht. Was wir heute erleben – in der Kunst, in sozialen Netzwerken, an Orten des Protests oder unter Freunden, ob online oder im „richtigen“ Leben – ist die Ko-Kreation eines hybriden Raumes, in dem nicht entscheidend ist, ob etwas real oder virtuell ist, ob es online oder offline auftaucht. Das Ineinanderfließen von Kategorien wie real, virtuell, online und offline gibt uns neue Werkzeuge an die Hand, die uns helfen können, unsere Welt zu gestalten und neue, wirksame Grundlagen subjektiver Erfahrung zu schaffen. Der Gewinn liegt in einer neuen Wirklichkeit, die zum Teil von der Geschichte dieser Kategorien definiert sein mag, viel mehr aber davon, wie sie subjektiv in Stellung gebracht und mit dem Heute verschaltet werden. Das mag durch die Linse der alten, wahren Kritik verwirrend erscheinen. Vielleicht ist das der Grund von Ellis’ Ärger. Doch der Tod der wahren Kritik – oder zumindest der Tod der geschliffenen und ausgeklügelten Idee einer „wahren Kritik“ – erlaubt auch eine neue Sensibilität, die sich nicht von neuen Sprachen und Kulturen der Kritik trennen lässt. Vielleicht können wir nicht einmal genau sagen wie sie aussehen, bevor auch sie für tot erklärt werden. Aber es wäre falsch, sie abzutun, bevor sie zu neuen Formen, Praktiken und Lebensweisen werden können.

Aus dem Englischen von Ruth Ritter

 

Harry Burke ist Autor und lebt in London. Er ist Herausgeber des vor kurzem erschienenen Gedichtbands I love Roses When They’re past Their Best (Test Centre, 2014) und veröffentlichte das E-Book „City of God“ mit eigenen Gedichten (Version House, 2014).