Skulpturen-Kino

Interview mit Clemens von Wedemeyer

"The Beginning, Living Figures Dying", 2013
Clemens von Wedemeyer
Istituto Luce, used by permission

Skulpturen spielen in Clemens von Wedemeyers Ausstellung „Cast Behind You The Bones Of Your Mother“ in der Berliner Galerie KOW eine zentrale Rolle.

Aus Erde, Lehm, Ton und sonstigen Materialien von Menschenhand geformt, in Tempeln aufgerichtet, sind sie der Anbetung und Andacht bestimmt. Die auratische Dimension ihrer plastischen Matrix lässt sie bis heute zur Projektionsfläche zahlreicher Verlebendigungsmythen und Geschichten werden, die bis zu den Statuen und Tempeln führen, die der IS aktuell in Syrien zerstört. 

Wedemeyer begegnet ihnen im Medium des Films, die Skulpturen werden dabei zum Politikum. Wenn der Künstler beim Gang durch seine Ausstellung beginnt über Geschichte zu sprechen, werden seine Gesten ausladender und seine Sprache schneller. Man merkt, es geht ihm nicht darum, etwas nachzuerzählen, sondern darum, verstehen zu wollen – wie und warum die Welt um uns herum so ist, wie sie ist, und: wie wir sie verändern können.

 

Marie-France Rafael: Die Gesamtinszenierung deiner Ausstellung ist sehr filmisch. War es deine Absicht, dass der Betrachter durch die dreistöckige Galerie wie durch ein Filmset läuft? 

Clemens von Wedemeyer: Ja. Eine Atmosphäre in einer Ausstellung zu konzipieren, ist vergleichbar mit einem Film. Ich wollte verschiedene Szenen schaffen, die unterschiedliche Blickwinkel wiedergeben, wie auch je nach Positionierung im Raum ein immer neues Bild entstehen kann. In diesem Sinn wird die Ausstellung vielleicht zu einem begehbaren Kino des gelösten Materials. Der Betrachter kann es neu zusammensetzen.

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Auch thematisch kreist deine Ausstellung um Materialität, bzw. die jüngst wieder viel diskutierte Frage nach ‚Materialismus’. Wenn ich mir deine Found-Footage Arbeit „The Beginning. Living Figures Dying“ (2013) anschaue, sieht man auf fünf Screens filmische Inszenierungen von Skulpturen. Könnte man sagen, es handelt sich bei Skulptur und Kino um zwei ganz unterschiedliche Phantasmen um Dinge zum Leben zu erwecken?

Ja genau, darum ging es mir. Lass mich das am besten technisch beschreiben. Das Konzept von „The Beginning“ besteht darin, dass der immer gleiche, von mir montierte Film auf allen Monitoren gezeigt wird, jedoch jeweils um sechs Sekunden auf den verschiedenen Screens versetzt, so dass der Film zeitlich durch den Raum läuft, wodurch das Zeitliche sich verräumlicht. 
Dieses Setup produziert Schnitte: Zunächst als ein Zufallsgenerator erscheinend, würfeln die Monitore immer neue Bilder zusammen und machen sie vergleichbar. Wie in einem Schnittraum sitzt man vor den verschiedenen Monitoren und dem Material, welches sich gerade selbst in Bezug zueinander setzt. 

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In deiner neuen Arbeit „Cast Behind You The Bones Of Your Mother“ (2015) arbeitest du mit sehr unterschiedlichen Techniken und Technologien. Wie würdest du dein Vorgehen beschreiben?

Im Fall von „Cast Behind You The Bones Of Your Mother“ bin ich von der mythologischen Geschichte des Deukalion und Pyrrha ausgegangen. Besonders hat mich an der Geschichte das Motiv des Steine-Werfens und der Entstehung neuen Lebens interessiert, das heißt, wie aus toter Materie durch eine Aktion etwas Lebendiges geschaffen werden kann. Bei den zwei Skulpturen handelt es sich um 3D-Sand-Drucke; im Grunde die neue Technologie um Skulpturen herzustellen. Die Stimmen, die man in der Ausstellung hört, sind computergeneriert. Die Soundinstallation ist eine gemeinsame Arbeit mit Moritz Fehr und Lukas Hoffmann. 

Es geht dir also um die Frage des Verhältnisses von Material, Technik und Leben, quasi von der Antike bis heute? 

Das wäre ein etwas weiter Anspruch. In dem Film wollte ich einige meiner Auseinandersetzungen der letzten Jahre, wie Science-Fiction, Artificial Intelligence und Ton zusammenbringen. In der Ausstellung im Kunstverein-Braunschweig („Every Word You Say“, 2014) habe ich zum Beispiel das gesamte Haus mit einer Ton-Installation bespielt, durch welche ich die vor Ort vorgefundenen Skulpturen mit Computer-Stimmen zum Sprechen gebracht habe. Wenn man sich neue Techniken wie Siri oder Vergleichbares anschaut, ist es interessant festzustellen, dass eine neue künstliche Intelligenz – die man durchaus auch als neues Subjekt begreifen kann – zuerst als Stimme entsteht. Es ging mir darum zu zeigen, wie über die Stimme diese Idee von neuem Leben materiell darstellbar wird. 

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Aus einer dunklen Ecke leuchtet ein weißer Monolith. Darauf liegt ein schwarzer Knochen, darüber an die Wand projiziert das Bild eines Himmels. Wenn du, wie in der Arbeit „A Recovered Bone“ (2015), den Knochen aus „2001. Odyssee im Weltraum“ entwendest, verwandelst du nicht nur ein 2D-Bild in ein 3D-Objekt, sondern stellst auch die Frage nach der Zirkulation von Bildern, oder?

Die Szene entspricht tatsächlich jener, in welcher ein früher Homo Sapiens vor einer Million Jahren einen Knochen in die Luft wirft, worauf nach einem Filmschnitt im darauffolgenden Bild das Raumschiff im All erscheint. Ich hatte mich schon immer gefragt, wo und wann dieser Knochen wieder landet. 

Er fällt nun in unsere Gegenwart?

Ja, der Film „2001. Odyssee im Weltraum“ überspringt ja die Gegenwart, er rahmt sie ein. Es handelt sich bei dieser Filmszene um den berühmtesten Match Cut der Filmgeschichte. Der hier präsentierte Knochen wurde von einem Computer aus der Drehung des Knochens errechnet und von einem 3D Drucker hergestellt. Nun sieht er fast so aus wie ein merge aus Knochen und Raumschiff. In dem Sinn ist er vielleicht nie irgendwo gelandet, sondern hat sich zu etwas Neuem transformiert.

In was hat er sich verwandelt?

In dem Film entspricht der Knochen sowohl dem ersten Werkzeug wie auch der ersten Waffe der Menschen. Der computergesteuerte 3D-Drucker ist aber ein Universalwerkzeug. Man kann mit ihm sowohl Waffen wie auch Kunstobjekte, Fetische drucken.

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In „The Cast: Procession“ (2013) greifst du das Thema der Materialität noch einmal aus einer politischen Perspektive auf. Der Film erzählt die reale Geschichte eines Aufstandes von Filmstatisten – quasi den Statuen der Filmkunst des 20. Jahrhunderts – und die sozio-ökonomischen Implikationen dieses Aufstands, der 1958 in Cinecittà stattfand.

Interessant an der Rolle von Statisten ist ja der Umstand, dass sie wie Platzhalter verwendet werden, die nichts zu sagen haben. Zugleich wurden sie durch die Entwicklung neuer Technologien immer mehr ersetzt. Wenn nun zum Beispiel der Kameramann eine Idee hat und ein Modell von Statisten baut und dazu einen Spiegel verwendet um sie in sein Bild einzubauen, kann das zu der durchaus materiellen Situation führen, dass plötzlich 3000 Menschen arbeitslos sind. Ich wollte zeigen wie in einem Moment der Krise aus diesen sprachlosen Positionen ein politisches Bewusstsein entsteht, beziehungsweise sich eine Emanzipation von ihrer Rolle vollzieht. Schaut man sich heute den Film „Ben Hur“ an, deutet natürlich nichts im Film darauf hin, was sich damals real hinter den Kulissen abgespielt hat. Das wollte ich in meinem Film zeigen.  

Und dieses historische Ereignis verbindest du in deiner Arbeit mit einem aktuellen Ereignis im Kulturleben Roms: Der Schließung des Teatro Valle und der Besetzung des Theaters durch eine Gruppe von Kulturaktivisten (Regisseuren, Schauspielern, Musikern und Technikern). Die Aktivisten übernehmen in deinem Film nun die Stimmen der verstummten Komparsen. 

Das Teatro Valle in der römischen Innenstadt war von 2011 bis 2014 besetzt und hat ein alternatives kulturelles Programm angeboten, dass gleichzeitig die Form politischer Diskussionen annahm. Gemeinsam wurde viel diskutiert, auch über ihre Beteiligung an dieser Arbeit, über die Frage der Aktualität des Aufstandes von 1958, in Verbindung zu ihrer eigenen aktivistischen Tätigkeit und allgemein über das kulturelle Klima Roms – ihr Ziel bestand ja darin, freie Orte für Kultur zu schaffen. Am Ende von „The Cast: Procession“ hört man Versatzstücke eben jener Diskussionen. 

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CLEMENS VON WEDEMEYER 1974 in Göttingen geboren, lebt in Berlin. Er arbeitet hauptsächlich mit den Medien Film und Video. 2006 gewann er beim deutschen Wettbewerb der Internationalen Kurzfilmtagen Oberhausen. Die Arbeiten Wedemeyers wurden bereits in zahlreichen Ausstellungen präsentiert, wie die Berlin Biennale (2006), die Skulptur Projekte Münster (2008) oder die documenta 13 (2012).

MARIE-FRANCE RAFAEL ist Kunstwissenschaftlerin. Sie lehrt unter anderem an der Universität der Künste (UDK), Berlin, an der Freie Universität Berlin und an der Kunstakademie Münster. 

 

Die Ausstellung „Cast Behind You The Bones Of Your Mother“ ist noch bis zum 27. Februar bei KOW zu sehen.