Studio Formafantasma: Avantgarde einer postindustriellen Ästhetik

 Autarchy, 2010 Verschiedene Materialien Foto: Studio Formafantasma
 Botanica, 2011 Verschiedene Materialien Foto: Luisa Zanzani
 Autarchy, 2010 Installation, verschiedene Materialien Foto: Studio Formafantasma
 Autarchy, 2010 Installation, verschiedene Materialien Foto: Studio Formafantasma

Das Designstudio aus Eindhoven durchbricht das Dogma vom Design als Gehilfen der Industrie und entwirft die Gegenstände der Zukunft neu.

»Was sich Menschen von Design erwarten, sind Lösungen, die bereits bestehende vereinfachen. Unsere Projekte wollen aber etwas anderes: Sie stellen Fragen und versuchen, eine Diskussion in Gang zu bringen.« Andrea Trimarchi (*1983) und Simone Farresin (*1980), die Gründer von Studio Formafantasma, sind der Auffassung, dass Design immer mit einem kritischen Potenzial verbunden ist. Vor kurzem zählten Alice Rawsthorn (von der New York Times) und Paola Antonelli (Kuratorin des Architektur- und Design-Departments am MoMA) Studio Formafantasma in der italienischen Ausgabe des Rolling Stone zu jenen zwanzig Designern, die in den nächsten zehn Jahren »die Form, die Materialien und die Zukunft der Dinge verändern werden«. Mit der traditionellen Vorstellung, dass es die Aufgabe von Designern ist, gültiges, reproduzierbares und perfektes Design für die Industrie anzubieten, haben Trimarchi und Farresin wenig gemein. Entworfen vor dem Hintergrund des konzeptuellen Designs der 90er Jahre, liefern ihre Arbeiten das Werkzeug, um die soziopolitischen Themen unserer Zeit zu untersuchen: Migration, zeitgenössische Szenarien atavistischer Armut und durch Globalisierung bedrohte kulturelle Identitäten, werden in allegorische Artefakte übersetzt. Der Ausgangspunkt für ihre Überlegungen ist immer komplex und vielschichtig: ein bestimmtes Phänomen, ein Ort und die Geschichten, die sich dort überlagern, das Szenario einer möglichen Zukunft. Doch die von Farresin und Trimarchi entworfenen Objekte sind dann von virtuoser Einfachheit. Sie sind hieratisch und verführerisch, während die Geschichten, die sie evozieren, eine Katharsis bewirken oder die dunklen, feierlichen Schatten eines Epos annehmen können. 

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Die Projekte von Studio Formafantasma fordern das wichtigste Paradigma des modernen Designs heraus, nämlich den Fortschritt. Sie tendieren zu einer (Neu-)Definierung von Archetypen und verstehen Design als absolute Geste, als einen Moment völliger Formalisierung des Amorphen in der Natur. »Wir glauben nicht an die Vorstellung des linearen und unumkehrbaren Fortschritts«, so Trimarchi und Farresin. »Das ist keine konservative oder romantische Haltung, sondern das Ergebnis einer Beobachtung: Die Evolution ist in der Natur ein irreversibler Prozess, aber Technologie, soweit sie das Resultat menschlichen Handelns ist, kann immer wieder neu geschaffen und interpretiert werden.« Ihre Praxis ist nicht von Innovation und Erfindung getragen, stattdessen machen sie sich die Vergangenheit als Quelle universeller Wahrheiten zu eigen, geben veralteten Materialien neues Leben und kreieren paradiesische Zustände, um das utopische Potenzial des Designs zu aktivieren. »Botanica« (2011) ist eine Kollektion von Objekten, erdacht wie für eine Welt, in der Kunststoff nie erfunden wurde. Studio Formafantasma machte einen Sprung von zwei Jahrhunderten zurück in die Vergangenheit der Botanik, als Pflanzen noch nach den Verwendungsmöglichkeiten ihrer Sekrete klassifiziert wurden, und studierte die natürlichen Polymere: Naturharze wie Rosin, Dammar und Kopalharz, Kautschuk, Schellack oder Bois Durci. Die Krüge und Gefäße der Serie »Botanica« sind Hybride zwischen primitiven Artefakten und Naturformen. Die Avantgarde einer postindustriellen Ästhetik, in der makellose, in Massen produzierte Plastikgehäuse die Leichen im Todeskampf der Ölära sind.

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Für ihre Sensibilität in der Entwicklung nachhaltiger Projekte wurden die Designer immer wieder gelobt. »Unsere Arbeit ist sowohl eine direkte Konsequenz aus den heutigen Anforderungen als auch die einer hypothetischen Zukunft«, die »Idee der Nachhaltigkeit kann man nicht […] ignorieren, [und] als Designer entschieden wir uns, mehr oder weniger unbewusst, sie zu integrieren«. In »Autarchy« (2010) skizzierte Studio Formafantasma ein Szenario, in dem eine Gruppe von Personen über sich selbst ein Embargo verhängt und die natürlichen Ressourcen zum einzigen Ausgangsmaterial für die Herstellung alltäglicher Dinge werden. Die Kollektion umfasst Vasen und Lampen aus organischem Material, Mehl, landwirtschaftlichem Abfall und Kalkstein. »›Autarchy‹ schlägt eine alternative Form der Erzeugung von Waren vor, die altes Wissen nutzt, um nachhaltige und einfache Lösungen zu finden«, so die beiden Designer. Der kritischste Aspekt in den Arbeiten von Studio Formafantasma liegt vielleicht in Trimarchis und Farresins Aufmerksamkeit für den Alltag. Auch wenn man ihre Projekte wie einen feinsinnigen Kommentar zum fanatischen Verlangen nach Neuem und zu überflüssigen Designvorschlägen verstehen kann, sehen sie sich nicht als Kritiker des zeitgenössischen Designs: »Wir formulieren keine Dogmen, wir gestalten komplexe Szenarien.«

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Auch die Präsentation der Projekte im Ausstellungsraum ist ein wichtiges Stadium, die sowohl den Arbeitsprozess der Designer darstellt, wie auch ein Echo auf die Situationen, in denen die Projekte entstanden sind. »Es ist der Moment der öffentlichen Präsentation, in dem unsere Arbeiten ihre Funktion als Träger von Bedeutung ›erfüllen‹«, sagen die Designer; und folglich finden sich die Betrachter in ganzheitlichen Environments, in denen die Objekte, ihre Formen, ihre Materialien und die heraufbeschworenen Szenarien erlebt werden können. Sie sind keine Produkte, sondern Visionen. Das ist, was echtes Design ausmacht.

Aus dem Englischen von Stefan Tasch

 

Michele D’Aurizio ist Redaktionsassistent von Kaleidoscope und Gründer des Ausstellungsraumes Gasconade in Mailand. Er lebt in Mailand.

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