Tops & Flops der Istanbul Biennale

Adrian Villar-Rojas, The Most Beautifull of All Mothers, ©Kubra Karacizmeli

ADRIAN VILLAR-ROJAS
Ihr kennt das bereits von Instagram, Villar-Rojas Parlament der gleißend weißen Tiere. Visueller Overkill, Theaterkitsch galore, aber leider halt auch wirklich gut gemacht, und man muss schon echt schlecht drauf sein, wenn einen dieser Ausblick, der sich nach dem Abstieg durch den verwilderten Garten hinter der Ruine des Hauses, in dem Trotzki vier Jahre seines Exils verbrachte, hinter einem kleinen Gartentor auftut, nicht berührt. Denken Sie groß!

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DIE GEGENWART
Es tut zugegeben richtig gut, dass diese Biennale einen nicht anschreit vor politischer Dringlichkeit und sich mehr mit dem Genozid an den Armeniern vor 100 Jahren beschäftigt als mit den Toten an den Grenzen der Türkei. Auch die Salzwasser-Metapher, mit der sich das postkoloniale Vokabular schließlich selbst abbaut, Imperien und Kriege als vorübergehende Erstarrungen der Wellen der Geschichte verstehend, hat Kraft und bringt im Kopf etwas in Bewegung. Aber was ist mit dem Mittelmeer? Wenn im Westen Leichen an Strände geschwemmt werden, wenn Millionen Syrer sich in der Türkei eine neue Existenz aufbauen oder auf ihr Schiff nach Europa warten, und wenn im Süden, halb gedeckt von Möchtegern-Sultan Erdogan, Köpfe und Tempelsäulen rollen, und türkische Flieger Bomben über Kurden fallen lassen, dann schmeckt die ganze Schönheit und Poesie am Ende doch etwas… salzig.

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WAEL SHAWKY
Unter all dem Gebäudezauber, den Carolyn Christov-Bakargievs Location Scouts mit 36 Venues von Sultanahmet über die Prinzeninsel Büyükada bis zu einem Leuchtturm am Schwarzen Meer aufgeboten haben, ist das Küçük Mustafa Paşa-Hammam aus dem 14. Jahrhundert, eines der ältesten Gebäude Istanbuls, ein Höhepunkt. Unter dem hohen Gewölbe lümmeln wir auf großen Kissen und lassen uns vom sonoren Arabisch des Erzählers einlullen. Shawky hat nichts neu erfunden für die Weitererzählung der Kreuzzüge aus arabischer Sicht, aber er hat neue Puppen aus Muranoglas bauen lassen, die aussehen wie aus Star Wars.

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RÄUME
Schon die Documenta 13 hatte ihre Tiefpunkte in den Museumsräumen. Christov-Bakargiev ist eine wunderbare Erzählerin, die die verschiedensten Themen verknüpfen und ins Schweben bringen kann, aber wenn sie geschlossene Räume kuratiert, dann zeigt sich, was all die Einzelauftritte in Hotelzimmern, Abrisshäusern und verlassenen Schulen sonst vertuschen: Kunst im Raum anzuordnen, ist nicht ihre Sache. Pistolettos Venus an Kleiderhaufen wirkt in der Istanbul Modern wie schlecht abgestellt, die Arbeiten von jüngeren wie Senam Okudzeto oder Aslı Çavuşoğlu sind in Seitenkabinette abgedrängt, und von Alten wie Paul Guiragossian ist immer viel zu viel ausgewählt, so dass kaum ein Dialog entsteht, der Anregungen geben könnte, als Künstler oder Kurator in irgendeine neue Richtung hinzuarbeiten.

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WALID RAAD
Von der vielbefahrenen Straße, die von der Galatabrücke rüber zur Istanbul Modern führt, gehen ein paar Stufen runter in den Tresorraum eines früheren Bankgebäudes. Im Dunkeln stapeln sich Kartons mit ausgeschnittenen Ornamenten. In diese Kisten, so erklärt eine Texttafel, habe 1914 der osmanische Kriegsminister hunderte Motive der İznik-Keramik gesperrt, um sie vor dem Krieg zu retten, und aus diesen Kisten seien die Motive dann ausgebrochen und ausgezogen, um ihre verblassten Grundfarben Rot, Grün und Blau wiederzufinden. Es ist so einfach: Ausstellungsstück + Erklärtafel = Evidenz, das ist der alte Trick aus Weltausstellung und wissenschaftlichem Museum, und Raad wendet ihn einfach wie ein Märchenerzähler gegen sich selbst, so dass nur Fiktion übrig bleibt. Schön.

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CARL STØRMER
Okay Kinder, passt auf, also Carl Størmer (1874-1957) war ein norwegischer Mathematiker und Amateurfotograf, erforschte das Polarlicht und eignet sich mit seiner obsessiven Grenzexistenz zwischen Erschaffer und Errechner perfekt für Christov-Bakargievs Schule des Staunens, genauso wie wahrscheinlich 385 000 andere verstorbene Figuren der Moderne. Über drei Stockwerke des Ausstellungshauses Arter werden Dokumente von ihm ausgebreitet, die meisten als wirklich verzichtbare Inkjet-Ausdrucke. Einmal ist die Wand blassgelb gestrichen, keine Ahnung warum. Und warum muss man auch noch die beiden Plattenkameras zeigen, mit denen der Professor das Polarlicht fotografiert hat? Plötzlich wird die längst überwundene Auratisierung des Künstlers für den Wissenschaftler wieder raus geholt. Diese maternalistische Vereinnahmung der Toten muss nicht mehr sein.

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THEASTER GATES
„Wenn Thomas Hirschhorn in Brooklyn ein Projekt mit schwarzen Kindern macht, heißt es: tolles konzeptuelles Kunstwerk! Wenn ich in Chicago über Jahre mit Leuten arbeite, heißt es: Ah, der macht Communityarbeit! Ich muss erst nach Kassel kommen und auf der Documenta was mit Weißen machen, damit meine Arbeit als Kunst gewürdigt wird.“ Theaster Gates sitzt in einem Ladenraum in einer der verwinkelten Gassen von Beyoğlu vor der Töpferscheibe, lässt eine werdende Vase in seinen Händen kreisen und plaudert mit Besuchern. In einem Kabinettchen in der Wand ist ein İznik-Teller ausgestellt, dessen Muster Gates frei interpretiert. Vor dem Regal voll frischer Keramik drehen sich Platten von Atlantic Records, das der Türke Ahmet Ertegün gegründet hat. Oben läuft noch ein Film. Klingt jetzt alles ein bisschen dahin recherchiert und ausgedacht und ist es auch, ist aber trotzdem toll, weil nicht klar ist, was es ist. Morgens um 6:30 sollte ein Schiff mit Theaster Gates + Band auf den Bosporus auslaufen. Ich wüsste gerne, was ich da verpasst habe.

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ESRA ERSEN
Gerade hat die Kuratorin Carolyn Christov-Bakargiev noch draußen auf dem Schulhof bei der Pressekonferenz erklärt, sie habe sich nur für wenige Videoarbeiten entschieden, weil sie nicht so viel Strom verbrauchen wolle. Hier drinnen im Erdgeschoss der italienischen Schule, in deren Fluren sich in diesen Wochen Kinder und Kunstexperten aneinander vorbei drücken, laufen allerdings zwei Videoarbeiten von Esra Ersen, und auch die Klimaanlage funktioniert. Die dokumentarische Arbeit mit stehendem Karteikarten-Hintergrund macht sehr viel Spaß. Eine Männerstimme erzählt von der Erfindung der Türken als Volk durch europäische Orientalisten im 19. Jahrhundert, und vom Exerzieren und den Leibesertüchtigungen mit kurzen Hosen in einer Mädchenschule in der frisch von Atatürk gegründeten Republik. Die Spannung wird gehalten durch die ständigen Verunklarungen, wer hier gerade spricht, und so wird langsam der Stoff der Narrative aufgetrennt, auf denen Imperien gründen.

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noyes

Kolja Reichert ist Autor und Spike-Redakteur. Er lebt in Berlin.