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"Favoriten III. Neue Kunst aus München" in der Städtischen Galerie im Lenbachhaus in München

Philipp Gufler
Eingebildete Männlichkeit, 2012/13
Courtesy der Künstler

München hat ein merkwürdiges Verhältnis zu seinen Künstlern: Einerseits versteht sich die Stadt – mit ihren Museen, Institutionen, Galerien, der Akademie und einer breit angelegten städtischen Kunstförderung – als wichtiger Standort für zeitgenössische Kunst, andererseits hat sie seit Jahren mit Abwanderung und einem hohen Maß an Brain-Drain zu kämpfen. Das betrifft all diejenigen, die ein prekäres Einkommen haben und sich München schlicht nicht mehr leisten können. Auch die Künstler leiden in einer Stadt, die seit Olympia ’72 systematisch bis auf den letzten unausgebauten Dachboden durchgentrifiziert wurde, unter exorbitanten Mieten, mangelndem Atelierraum und der anhaltenden Verdrängung der Unter- und Mittelschichten aus dem Stadtgebiet, woraus ein homogenes, vor allem durchs Ökonomische zusammengehaltenes, also (sub-)kulturell eher ödes Gesamtklima resultiert. Wer hier als Künstler arbeitet, muss gute Gründe haben zu bleiben und es auch einigermaßen ernst meinen – mit dem Geldverdienen und der Kunst.

Das ist nun prinzipiell nichts Neues – für München, genauso wie für andere teure Städte, wie New York, Zürich, Paris oder London –, und man schlägt sich schon irgendwie durch, solange das Umfeld interessant genug ist. So hat München immer wieder Phasen, wo es in einer Art kollektivem Gemeinschaftsgefühl erblüht. Ein solches Gefühl war sicherlich auch Anlass für das Lenbachhaus, 2005 das Format der „Favoriten“ ins Leben zu rufen, da in den Nuller Jahren eine jüngere Generation von interessanten Künstlern wie Hansjörg Dobliar, Martin Fengel, Franka Kaßner, Daniel Man, Michael Sailstorfer, Florian Süssmayr, Claudia Wieser oder Martin Wöhrl auf der Bildfläche erschien, flankiert von einer regen Galerien-, Offraum- und Musikszene. Das Format entsprach zudem auch der allgemeinen Tendenz zum Labeln bestimmter lokaler Gruppen, was sich in Begriffsbildungen wie „New German Painting“ oder „Leipziger Schule“ ausdrückte.

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Nun, 2016, immerhin elf Jahre nach den ersten und acht Jahre nach den zweiten Ausgabe, zeigt das Lenbachhaus erneut eine Auswahl an „neuer Kunst aus München“ – und wirft damit die Frage auf, ob und wie sich die Kunstszene in der letzten Dekade verändert hat, wie das „Stimmungsbild“ charakterisiert werden kann, aber auch, wie sinnvoll ein solches Ausstellungsformat noch ist. Die Wiederauflage der Favoriten spiegelt zunächst vor allem das engagierte Interesse der beiden (neu-Münchner) Kuratorinnen Eva Huttenlauch und Stefanie Weber an der lokalen Kunstproduktion. Diese ist in der Ausstellung querschnittartig repräsentiert, sowohl in Hinblick auf die künstlerischen Ansätze als auch auf die mit den Künstlern verbundenen Galerien. Einige hätten schon 2005 oder 2008 dabei sein können, sind also schon seit längerem feste Größen im Münchner Kunstbetrieb: Beate Engls „Agitator 2.0“ stellt eine mechanische Lochstreifenapparatur dar, die in ihrer anachronistischen Technik subtil über Propaganda reflektiert. Robert Crotla zeigt sein Archiv von Spiegelausschnitten sowie eine voyeuristisch aufgeladene Installation mit Treppe und Guckloch. Die einzige Malereiposition vertritt Hedwig Eberle mit ihren neoexpressiv informell anmutenden Bildern. Alle drei haben in München studiert und spiegeln damit auch ein gewisses Spektrum der dort tätigen bzw. tätig gewesenen Professoren wieder, von Olaf Metzel über Günther Förg bis zu Sean Scully.

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Die jüngere Generation repräsentieren Stephan Janitzky oder Philipp Gufler, die im Umkreis der diskursorientierten Einrichtungen „Salong“ (an der Akademie) und „Laden“ (Lothringer 13, jetzt: „Florida“) teils in Auseinandersetzung mit (Gast-)Professoren wie Stephan Dillemuth, Kerstin Brätsch oder Kerstin Stakemeier kollektive Formen von Anti-Kunst, Bohemismus und heiterem Intellektualismus pflegen. Janitzky gibt aktuell das Magazin „muss sterben“ heraus und auch seine mehrteilige Installation im Lenbachhaus, die eine Atmosphäre von Künstlichkeit, Stimulanz und Institutionsreflexion kreiert, wird von einem Comic begleitet. Auch Anna McCarthy vertritt weit mehr als nur ihre eigene künstlerische Position, sondern agiert im Rahmen eines sehr aktiven Netzwerks von Musikern, Künstlern und Performern (z.B. in der Band „Damenkapelle“).

Flaka Haliti und Carsten Nolte stehen in gewisser Weise für ein weiteres Münchner Phänomen: Die nahezu uneingeschränkte Liebe des Kunstbetriebs zu allen neu Zugezogenen, die man – aufgrund ihrer Seltenheit – sofort freundlich und vollständig integriert. Nolte, der häufig mit Fundstücken arbeitet, zeigt eine formal sehr überzeugende Serie aus vergilbten Plexiglasabdeckungen, die in München vor einigen Jahren eingeführt wurden, um wildes Plakatieren zu verhindern.

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Bis auf Florian Huth, der direkt aus der Jahresausstellung der Akademie akquiriert wurde, zeigt die Künstlerauswahl weniger die ganz junge Generation, sondern diejenigen, die sich bereits seit einigen Jahren im Kunstbetrieb bewegen. Auch wenn es durchaus thematische und formale Nähen zwischen ihnen gibt, lässt sich ein gemeinsames künstlerisches Stimmungsbild nur schwer fassen, besonders da die einzelnen Werkgruppen in der Ausstellung eher separiert, teils sogar durch eingezogene Wände voneinander getrennt, präsentiert sind. Einzig die schneidenden Kampfjet-Sounds aus der Installation Anna McCarthys schaffen eine, wenn auch bittere, Verbindung. Dabei ist die Münchner Künstlerszene, vielleicht gerade aufgrund der schwieriger werdenden Bedingungen untereinander sogar enger verbunden als in manch anderer Großstadt. Fragte man nun weiter nach einem neuen Spirit in der Stadt, dann wäre die Klasse Olaf Nicolai an der Akademie zu nennen, aus der immer wieder interessante Aktivitäten hervorgehen, wie etwa letztes Jahr die Bespielung der Kammerspiele Bar. Auch die mittlerweile an einer Hand abzählbaren Off-Räume wie Spreez, Easyupstream oder Prince of Wales zeigen eine neue Generation, die dem Ökonomisierungsdruck der Stadt nicht mehr eine „Nischenkultur“ entgegenstellen will, sondern die das Ökonomische bereits internalisiert hat und dementsprechend offensiv, teils affirmativ, teils kritisch, teils melancholisch innehaltend, damit umgeht.

DANIELA STÖPPEL ist Kunstkritikerin und lebt in München.

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