View: Politische Landschaft

 Eva Grubinger; Igel, 2015; Eiche, schwarz lasiert, Höhe 46,6 cm, ∅ 44 cm
 Florian Hüttner, Unterschlupf (Schildkröte) , 2015; Naturverträgliche Farbe, Höhlenmalerei nach dem Agitationsplakat „Partisanen, zu den Waffen!“, Aufruf in ukrainisch an die sowjetische Bevölkerung in den besetzten Gebieten, Sowjetunion, Juli 1941
 Susan Philipsz, Slow, Fresh Fount , 2015; Audioinstallation mit Gesang nach dem Gedicht “Slow, Slow, Fresh Fount” des englischen Poeten Ben Jonson, vertont von William Horsley und überarbeitet von der Künstlerin
 Bojan Šarčević, Der Partisan , 2015 Riesenmuschel (Tridacna gigas), zwei Muschelhälften: Tal 25 x 40 x 13 cm; Berg 28 x 50 x20 cm; Gesamtgewicht 17 kg, © Rainer Iglar

Im Salzkammergut macht ein künstlerisches Projekt die politische Geschichte des Gebietes erfahrbar

Was erwarten wir uns von Kunst, und wie bekommt man ein Gefühl für das Gegenwartsrelevante, für komplexe politische, soziale und historische Überlappungen, die einen direkt oder indirekt betreffen? Permanent erweitern sich die Kompetenzbereiche der Kunst, wird von Kunstschaffenden politisch instrumentalisiertes oder vernachlässigtes Terrain bearbeitet. Ohne adäquate Entlohnung wird Kunst zum Kommunikationstool gegen politischen Populismus.

Das vom Institut für Kunst im öffentlichen Raum Steiermark im Ausseerland realisierte Projekt „Politische Landschaft“ gestaltet sich als politisch ambitioniertes 3-Stufenprojekt und startet im Kunsthaus Graz, um sich aus der komfortablen Kunstzone über Altaussee, Bad Aussee und Grundlsee in unwegsames Gelände im Toten Gebirge vorzuwagen und von vorgetretenen Pfaden abzuzweigen. Die dafür von Eva Grubinger (sie ist gleichzeitig auch Initiatorin), Angelika Loderer, Susan Philipsz, Bojan Šarčević, Clegg & Guttmann und Florian Hüttner entwickelten Interventionen, Installationen und Skulpturen sind aus umfangreichen orts- und geschichtsbezogenen Studien hervorgegangen.

Aufgrund seiner dezentralen Lage war das Ausseerland während des Zweiten Weltkrieges gleichzeitig Rückzugs- und Erholungsgebiet der Nationalsozialisten (konfiszierte und „arisierte“ Kunstwerke  wurden in den Höhlen von Altaussee versteckt, am Mythos Alpenfestung gearbeitet) und Unterschlupf für Widerstandsbewegungen und Oppositionelle. Die Ausgangslage gestaltet sich also komplex und das überlieferte Material widersprüchlich.
Das Künstlerduo Clegg & Guttmann regt im Kultur- und Amtshaus in Altaussee mit seiner „Bibliothek des kollektiven Gedächtnisses 1945“ (2015) die zunächst widerwillige, lokale Bevölkerung und Angereiste zur Mitwirkung an. Jeder kann die Bibliothek ergänzen oder Lesungen abhalten, die via Internet und Lautsprecher auf die Blaa Alm übertragen werden, dem Startpunkt für die Kunstwanderung.

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Eva Grubinger stellt mit  ihrem stacheligen, Widerständigkeit suggerierenden, totemartigen Objekt „Igel“ (2015) direkte Bezüge zu einem im unwegsamen Areal des Toten Gebirges liegenden Versteck her, das zwischen 1944 und 1945 Deserteuren, Wehrdienstverweigerern und Flüchtlingen aus Konzentrationslagern Unterschlupf bot. Der Gründer der Widerstandsgruppe „Willy-Fred“ Sepp Plieseis gab dem Unterschlupf den Codenamen „Igel“. Doch es wird noch komplexer. Bei ihren Recherchen fand Grubinger im Bundesdenkmalamt Wien eine Karteikarte, auf der ein Objekt aus Hartholz abgebildet ist und das als „hölzerner Gegenstand in Form eines Igels“ beschrieben wurde und der wiederum aus der von den Nazis konfiszierten Sammlung Oscar Bondy stammte.

Florian Hütter erzählt hingegen mit seinem im Stil des russischen Agitprop ausgeführten Wandmalereien in einem Felsspalt eine andere  Geschichte. Die gekritzelten Phrasen stammen aus Carl Schmitts „Theorie des Partisanen“ bzw. von der Widerstandsgruppe Willy-Fred. Zwar existiert damit ein Verweis auf den lokalen politischen Widerstand, doch gleichzeitig soll das Versteck Jugendliche animieren, sich politischen Diskussionen zu stellen. Susan Philipsz Soundinstallation „Slow Fresh Fount“ (2015) befasst sich mit den extremen Arbeitsbedingungen in Salzbergwerken. Wesentlich eindringlicher durch ihre Wiederholungen und Echos als im Altausseer Bergwerk wirkt die Installation allerdings im Außenraum am Toplitzsee. Angelika Loderer verweigert sich dem Konzept und wendet sich der Landschaftsthematik ohne politischer Aussage zu. Sie gießt für „Lärchen und Steine“ (2015) frisch gesetzte Lärchenbaume kubisch in Beton ein.

Noch verschlüsselter verfährt Bojan Bojan Šarčević. Er befestigt eine Hälfte einer Riesenmuschel unter einer Brücke, einem Unort in der ansonsten idyllischen  Ausseerlandschaft, und die andere an einer unerreichbaren Felswand im Gebirge als Metapher für den illegalen Eindringling. Als Co-Kurator des Projekts liefert Dirk Möllmann aufschlussreiche Hinweise dazu, welche Verflechtungen sich hinter den Projekten verbergen und wie durch Kunst generationsübergreifend (Zeitzeugen gibt es kaum noch) neue Sprachkanäle für Erinnerungspolitiken freigeschaltet werden können.

 

Ursulas Maria Probst ist Kuratorin, Künstlerin und Kritikerin, sie lebt in Wien