Wie war es auf der abc?

Hito Steyerl bei KOW 

Eine Woche Kunst in Berlin: Auf der Messe abc, auf unzähligen Galerieeröffnungen. Mit Juergen Teller, Hito Steyerl, Karl Holmqvist und FOMO. Eine abschließende Erkenntnis: Wir leben in der Nomen- und Namenwelt.

Nach exakt 43 Minuten ist erstmals Klarheit, wo bis dahin undurchdringliche Theorienebelschwaden durch die Dunkelheit des Kinos Babylons zogen. „Hyperstition“ heißt der Film von Christopher Roth, entstanden in Zusammenarbeit mit Armen Avanessian, dem Schirmherr des Akzelerationismus in Deutschland. Und es geht bei dieser Erstausstrahlung wohl darum, all die Begriffe, die sich in der wunderschönen Wolke des Spekulativen Realismus angesammelt haben, noch einmal auf die Bewohner der Normalwelt herunter regnen zu lassen. Wenn also eine/r ‚Neutrality‘, ‚Metonymy‘ oder ‚Collapse‘ sagt, dann wird das Wort, genau wie die Namen der Mitstreiter, in greller Farbe eingeblendet. Und dann eben der Moment der Erleuchtung. Den ich einfach dadurch merke, dass die Protagonisten so oft das Wort Zeit verwenden, darum soll es gehen in dem Film und in ihren Theorien. Zeit, das sagt immer mal wieder einer, gibt es nämlich gar nicht. Was mich wundert, denn ein Grund, warum ich mich nicht recht auf den Film konzentrieren kann, ist doch, dass ich so schwer an FOMO leide, der Angst, zur richtigen Zeit nicht am richtigen Ort zu sein. Ich habe sogar nachträgliche FOMO, die womöglich schlimmste dieser Krankheiten, und meinem bereits fortgeschrittenen Alter ganz sicher nicht entsprechend.  

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Denn gestern war ich nicht in der Paris Bar, wo die anderen feierten. Während ich also permanent an den Tag vor heute denke, und die im Film permanent darüber reden, dass man dem Aktuellen, wenn schon, dann am besten mit Blick in die Zukunft begegne, treffen sich plötzlich auf mysteriöse Weise die Zeitstrahlen von verlorener Vergangenheit und Naherferne aus entgegengesetzten Richtungen in meinem Hirn und machen blitzartig alles zu einer guten Gegenwart und da, Bewusstsein!, fühlt man sich plötzlich wohl. 

Der Fotograf Juergen Teller hat sich elf Tage einer F.-X.-Mayr-Kur in einer österreichischen Klinik unterzogen, die Ergebnisse sind in der CFA Galerie zu sehen. Und auch am Juergen selbst. Er sieht heute viel besser aus und dünner und härter und trägt eine Bionade mit sich rum. Bei dieser Kur muss man ganz viel Milch trinken, eine Maschine pumpt literweise Wasser in den Darm, Yoga und Wassergymnastik. Der Fotograf sei ein Riesenfan von Nordic Walking geworden, und sicher muss man sich überlegen, ob man einem glauben will, der ein Riesenfan von Nordic Walking geworden ist, weil so viel Zeit hat man ja nicht, und man muss immer schauen, dass es mit dem here and now auch weiterhin richtig gut klappt. Juergen Teller, der nicht mehr raucht und nicht mehr trinkt, ist, seitdem er von analog auf digital wechselte, immer dann ein sehr guter Fotograf, wenn er ein gutes Thema hat, das im allerbesten Fall er selbst ist. Man schaut die Bilder gerne an, weil es eben der Schrecken ist, der einem entgegenguckt, der einer österreichischen Kleinstadt, der von Frotteebademänteln, von normalen Leuten, der Schrecken normaler, ausgehungerter, ausgenüchterter Menschen in der Krise. Kontrolle, schreien die Bilder, und legen hier die Verbindung zum Bildteil im Entrée, wo Teller gefundene Bilder, die seinen Vater zeigen, und die dieser von dem kleinen Teller machte, an die Wände gebracht hat.

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Am Tag davor bei Hito Steyerl, die zum ersten Mal eine Soloausstellung in einer Galerie hat. Durch ein Meer an Menschen ins Zentrum der Galerie, wo ca. 5000 Kunstbetrachter inmitten einer durch weiße Sandsäcke angedeuteten apokalyptischen kriegsbedingten Situation stehen. An den Seiten sind, die Menschen umringend, drei Flachbildschirme installiert, auf denen verschiedene Videoarbeiten zu sehen sind, in denen die Künstlerin stets selbst im Bild ist und spricht. Man folgt den präzise vorgetragenen Ausführungen über die Machenschaften der Museen und das Elend der Welt, was Steyerl stylish (im guten Sinne) und schlau in einen zeitgenössischen Zusammenhang bringt. Und wenn sich an diesem Tag, an dem auch alle anderen Galerien Berlins öffnen, nirgendwo mehr Leute zusammenfinden als hier vor den Filmen bei KOW, dann ist irgendwas in der Welt doch noch ziemlich in Ordnung,

und es lohnt sich ein Glaube an das Gute.   

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Ich bilde mir ein. Ich folge den Bewegungen der Wahrheit. Ich laufe über die Kunstmesse abc und sehe Menschen, die wissen: Insiderhandel, Preismanipulationen, Kartelle, das bringt einen alles ins Gefängnis, ist hier aber gängige Praxis und stört keinen, auf jeden Fall macht es euphorisch. Es gibt Schönes zu sehen, wie den kommerziell glänzenden Stand von Kate Cooper bei Neumeister Bar-Am, die organischen Skulpturen von Veit Laurent Kunz bei Johan Berggren Gallery, in der Malerei und Skulptur natürliche Materialien simulieren und Augen und kleine Füße haben, oder die Collagen von Robert Heinecken bei Capitain Petzel. Heinecken stellt Werbefotos zusammen, die er nach üblichen Posen, Gesten und Körperverrenkungen sortiert. 

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Eines der Highlights der Messe übersieht man fast. Für den Stand der Galerie Neu hat der schwedische Künstler Karl Holmqvist die minimale, monumentale Skulptur „Untitled (Four-letter word sculpture KARL)“ in den Raum gestellt, deren Stahlträger die Decke zu stützen und auf den ersten Blick Teil der Messearchitektur zu sein scheinen. Sie bilden die Buchstaben des Vornamens des Künstlers K.A.R.L. So einfach, stumpf und strukturgebend die Selbstpräsentation. Es ist nur ein Name, ganz groß gemacht, in Stahl gegossen, viel Luft dazwischen.  

In diesem Jahr sind Daniel Buchholz, Tanya Leighton und Isabella Bortolozzi nicht dabei. Auch die Galerien aus dem Osten werden vermisst, sie waren eine Zeitlang dabei, sollten dem Standort und dieser zum achten Mal stattfindenden Messe Identität geben. Durch das modulhafte Architekturkonzept von June14 Meyer-Grohbrügge & Chermayeff, das den Galerien erlaubt, ihre Ausstellungsfläche durch verschiedene Wände und Böden zum Teil selbst (und zum jeweiligen Preis) selbst auszuwählen und zu gestalten, werden verschiedene Durchgänge und Blickachsen möglich, es wirkt professioneller, die Plätze fast wie Pavillons, mal offen, dann wieder geschlossen, wandelt man durch überraschte Räume, die sich selbst noch nicht zu verstehen scheinen. Eine Messe in der Zwischenzeit, in der Selbstfindung, mit einer architektonischen Hardware, die so sehr Messe ist wie nie, die aber weiterhin Software-Probleme hat, der einige Sammler fehlen, die mehr als lokaler Netzwerkort sein will, aber noch nicht in großem Stil Verkaufsshow sein kann. Die Galerie Société löst das Dilemma, indem sie auf ihrem Stand nur Merchandise-Produkte ihrer Künstler verkauft, Bücher von Bunny Rogers, eine Schallplatte, oder einen weißen Baumwollsweater von Timur Si-Qin für 60 Euro mit dem Aufdruck Peace

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Ich denke an Stefan Zweig. „Schaup" notierte der berühmte Schriftsteller abgekürzt in seinem Tagebuch, wenn er „Schauprangertum" meinte, wenn Zweig, wie man seit diesen Tagen aus der Zeitung weiß, mehrmals am Tag über viele Jahre nackt durch Wiener Parks gerannt ist. Ich treffe den Maler Friedrich Kunath, der gerade neue Bilder in der Galerie BQ zeigt, wir reden über Romantik und Rüdiger Safranski und Clemens Setz, und es entsteht dieses jugendhafte Gefühl, wenn man bestimmte Ausdrücke oder Titel oder Wörter benutzt und im Gesicht des anderen allein durch ihre Nennung ein Verständnis findet, das weitere Erklärungen nicht nötig macht. Er trägt ein lilafarbenes Polo-Shirt und ein lilafarbenes Cappy. Ich denke an den Kongress „Ästhetiken des Widerstands“, der gerade am anderen Ende der Stadt losgeht, aber ich schaffe es nicht hin. Der neue Film von Laure Prouvost bei carlier | gebauer, leider noch nicht gesehen.

„Stützkäufe statt Stützstrümpfe“, sagt die Betreiberin Nina Pohl zum Abschluss ihrer einführenden Rede der Benefiz-Auktion des Schinkel Pavillons im Auktionshaus Villa Grisebach. Isa Genzkens „Weltempfänger“ geht für 48.000 Euro weg, das beste Ergebnis des Tages. Am Ende werden eine halbe Millionen Euro eingenommen. Ich blättere im „Journal“ des Grisebach, das der Monopol-Erfinder und Generation-Golf-Mann Florian Illies betreut. „Ah“, sage ich zu dem neben mir sitzenden Schriftsteller und Möbelmagnaten Rafael Horzon, „da steht ja auch ein Text von Ihnen im Journal!“ „Oh ja, ich habe den wichtigsten Text über Marcel Duchamp geschrieben, den es gibt.“ Es ist die Wahrheit. Gleich davor steht ein Text von Wolfgang Schäuble über den Maler Adolph Menzel. Es ist die Wahrheit. Später dann noch ein ganz schlauer von der berühmten Post-Feministin Ronja von Rönne.   

Es entspricht der Logik des aktuellen Denkens und der Präsentation dieses Denkens, sich vor allem durch Namen kenntlich zu machen. Ein Namedroppingdenken, das ja wirklich durch die reine Nennung in Reihenfolge bereits Zusammenhang generiert. Keine zusätzlichen Erläuterungen, kaum Inhalt. Die Möglichkeit von Sinn sitzt versteckt in dem stillen Raum zwischen den großen Wörtern und wartet darauf entdeckt zu werden. Ein Leben ist ständiges Schweben zwischen Sehen, Halbsehen, Sehenwollen und dazwischen nennen und genannt bekommen. Wir bewegen uns gekonnt durch die Nomen- und Namenwelt, in der die Adjektive und Verben, die Farbe bekennen, die ein Urteil möglich machen würden, immer mehr verblassen. Die kleingeschriebenen Wie- und Tuwörter taggt man nicht unter Texten. Wir werden sie kaum vermissen. Hauptwörter sind groß. 

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Timo Feldhaus ist Autor und Spike-Redakteur. Er lebt in Berlin.