Zombie-Kritik

 Dawn of the dead, filmstill, 1978
 Dawn of the dead, filmstill, 1978

Zeitgenössische Abstraktion bedient sich blind an der Kunstgeschichte, sieht meistens gleich aus und passt vor allem gut über’s Sofa – so der Vorwurf in Walter Robinsons Begriff des „Zombie Formalismus“. Vielleicht hat aber auch nur die Kunstkritik verlernt, genau hinzusehen? Travis Jeppesen verteidigt die jahrhundertealte Abstraktion gegen ihre Gegner und spielt den Ball zurück: Es sei Zeit, dass sich Kritiker wieder auf ihren Gegenstand einlassen und eine neue Sprache für Malerei finden.

Eine silberne Oberfläche: Jacob Kassays „Untitled” (2010). Ein flüchtiger Blick führt zu spontaner Ablehnung: Noch ein monochromes Bild, die Art von Malerei, an die wir uns schon lange gewöhnt haben, die ihren Höhepunkt an Neuartigkeit oder Radikalität schon lange überschritten hat. Wenn man sich aber zwingt, länger hinzusehen, sich auf das Bild einzulassen und auf die Welt, die es behauptet, taucht eine ganz andere Wirklichkeit auf. Man entdeckt, dass das Bild alles andere als flach ist, und hinter der Illusion von Tiefe, erzeugt durch unterschiedliche Töne einer einzigen Farbe, nämlich Silber – eine von links nach rechts sich fließende fleckige Dunkelheit, die sich in eine fast weiße Helligkeit steigert – offenbart sich eine ganze Reihe von Geheimnissen. Will hier ein Bild, hinter der Farb-Decke hervortreten, vielleicht ein Gesicht? Was auch immer es ist, es ist gespenstisch. Reine Gegenwart, die verlangt durch die Oberfläche zu brechen und zur kohärenten klaren Form zu werden, dabei gefangen in den Grenzen des Sich-Entziehens, eine vorgetäuschte Existenz.

Kassay ist einer der Maler, die dem „Zombie Formalismus” zugerechnet werden – die abschätzige Formel des letzten Jahres für (vorwiegend jüngere) abstrakte Malerei. Das Argument, das der Kunstkritiker Walter Robinson einführte und von seinem Kollegen Jerry Saltz in dessen vielgelesenem Essay „Zombies on the Walls“ aufgegriffen wurde, läuft darauf hinaus, dass alle Arbeiten gleich aussähen, sie einfach zu produzieren seien, bar jeder Originalität, und dass sie clever die Gier eines Marktes bedienten, der sich gut mit dem für zeitgenössische High-End-Innenraumgestaltung verträgt. Dass sie also von Grund auf banal und oberflächlich seien. Man fragt sich schon, was Kritiker so daran beunruhigt, dass Künstler nach Jahrzehnten (nach Jahrhunderten, könnte man sagen …) immer noch abstrakt malen. Oft scheinen Kunstkritiker mehr damit beschäftigt, dem letzten Trend hinterherzujagen um ihn auszurufen als sich einem Stil oder einer Bewegung anzuschließen, die vielleicht bald wieder aus der Mode sein werden, so wie es früher oder später jeder Kunst passiert. Paradoxerweise werden ihre Behauptungen oft ausgerechnet durch den Markt erledigt. (Ein Galerist hat mir letztens erklärt, dass die Lebenserwartung für einen Kunstmarkttrend zur Zeit bei zwei bis drei Monaten liegt.) Diese Sorte flapsiger Kritik, diese Kritik des Social Media-Zirkusses, ist zu einem ähnlichen Schicksal verurteilt; nicht viel anders als die einfache Ersatzsprache der Emoticons erzeugt sie einen Pseudo-Affekt, der schon kurz nach seiner (digitalen) Einschreibung wieder verpufft.

Eine so heftige Ablehnung erscheint mir beispielhaft für das, was ich umgekehrt als Zombie-Kritik bezeichne.

Sie ist gefährlich, weil sie eine tiefere Auseinandersetzung verhindert, die in diesen Arbeiten echte Dramatik und Möglichkeiten entdecken könnte. Für Autoren stellt Abstrakte Malerei ein wunderbares Geschenk dar: die unmögliche Aufgabe der Übersetzung. In ihrer reinsten Form ist die Abstraktion jenes intime Feld, wo sich eine andauernde Untersuchung entfaltet, die im selben Zug den künstlerischen Weg vom Wissen zum Nichtwissen fest hält, bis schließlich eine bisher ungeahnte Stufe visuellen Ausdrucks erreicht ist. („Ich glaube ich male ein Bild von zwei Frauen”, sagte Willem de Kooning, „aber vielleicht wird es eine Landschaft”). Abstrakte Malerei verlangt mehr vom Betrachter, weil sie ihre eigene Sprache spricht. Bedeutung wird nicht mundgerecht serviert, es gibt keine klaren Metaphern – vielmehr entwickeln solche Malereien ihren eigenen je einzigartigen Code mit verborgenen, oft persönlichen Bezügen und Assoziationen. Statt zu versuchen dieses persönliche Universum einer Malerei zu entschlüsseln, indem man Spekulationen anstellt oder sich auf die Biografie des Malers stützt, bietet sich die Chance ins Wesen der Malerei vorzudringen. Und es wird möglich, sich vom eigenen vorgefassten intellektuellen Universum zu entfernen. Wie Jean Genet es in seiner Studie „The Studio of Giacometti” beschreibt: „Um einem Kunstwerk besser Herr zu werden, wende ich normalerweise einen Trick an: Ich begebe mich selbst, etwas künstlich, in einen Zustand von Naivität, ich spreche darüber – und ich spreche mit ihm, auch in den alltäglichsten Worten, sogar ein bisschen in Babysprache [ …] ‘Was für ein Lachen … das ist rot …etwas rot … und etwas blau …und die Farbe, sieht aus wie Schlamm …’”

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Natürlich wird weiterhin abstrakt gemalt. Was man dagegen in zeitgenössischer Kritik so oft vermisst, ist der Sinn fürs Spiel, das sowohl die Malerei wie andere Künste mit Leben erfüllt.

Spiel – im strengen Sinn des Wortes – als Untersuchung, die zu neuen Entdeckungen führt. Es gibt Leute, die einwenden würden, Kritik sei keine Kunstform. Ich würde widersprechen. Auch wenn es in der Gegenwart dafür sehr wenige Beispiele gibt, ist die Geschichte voll davon. Das Modell des Dichter-Kritikers gibt es in der Figur Charles Baudelaires seit dem Beginn der Moderne, dabei war es Gertrude Stein, die als erste versuchte, dem damals herrschenden Stil abstrakter Malerei eine Sprache zu geben: dem Kubismus. „Ein brauner Gegenstand wird von der Farbe gesehen. Das Rot dort ist dunkel. Das Blau ist diese Farbe. Wenn Zeit eine empfindsame Berühmtheit ist, dann ist ein Stück Papier essentiell.” Das ist eine Art zu Schreiben, die die Viereinigkeit völlig ignoriert, auf der die meiste Kunstkritik beruht und die Sally O’Reilly in ihrem Essay „Über Kritik” analysiert: Beschreibung, Kontextualisierung, Interpretation und Urteil. Statt sich damit zu begnügen über Kunst zu schreiben, war Stein eine Art Kollaborateurin der Künstler und Kunstwerke, die sie schätzte, und damit wurde ihre eigene literarische Abstraktion selbst zum künstlerischen Werk, das neben den Malereien bestand. Man könnte sagen, dass sie die Rolle eines Mediums spielte, das den metaphysischen Kern einer Malerei heraufbeschwörte und in die menschliche Sprache übersetzte. Wenn jemand keine Lust hat oder kein Interesse daran, eine solche intensive Beziehung mit der Abstraktion als Sprache einzugehen, kann das Ergebnis nur eine Form der Zombie-Kritik sein, was schade wäre – für den Künstler wie für den Autor.

 

Aus dem Englischen von der Redaktion

Travis Jeppesen ist Autor und lebt in Berlin.