"Im Achten Klima" – Agnieszka Roguski über die 11. Gwangju Biennale

Bernd Krauß
/Maria Maria/, 2016 (Von links: Margarida Mendes, Binna Choi, Maria Lind, 
Michelle Wong and Azar Mahmoudian)

Bernd Krauß
Maria Maria, 2016 (Von links: Margarida Mendes, Binna Choi, Maria Lind, Michelle Wong and Azar Mahmoudian)

Metahaven
/Crying Mother (Information Skies)/, 2016

Metahaven
Crying Mother (Information Skies), 2016

Bernd Krauß
Installationsansicht /T.U.N./, 2016

Bernd Krauß
Installationsansicht T.U.N., 2016

Aimée Zito Lema
/From a Series of Gestures – The Subversive Body/, 2016

Aimée Zito Lema
From a Series of Gestures – The Subversive Body, 2016

Cooperativa Cráter Invertido
Installationsansicht

Cooperativa Cráter Invertido
Installationsansicht

Natascha Sadr Haghighian
/psst Leopard 2A7+/, 2013–fortlaufend
Lego, MP3-Player, Kabel, Kopfhörer

Natascha Sadr Haghighian
psst Leopard 2A7+, 2013–fortlaufend
Lego, MP3-Player, Kabel, Kopfhörer

Tommy Støckel
/The Gwangju Rocks/, 2016

Tommy Støckel
The Gwangju Rocks, 2016

Dora García
/Nokdu bookstore for the living and the dead/, 2016
in Zusammenarbeit mit The Book Society, Architektur: Olga Subirós

Dora García
Nokdu bookstore for the living and the dead, 2016
in Zusammenarbeit mit The Book Society, Architektur: Olga Subirós

Pauline Boudry / Renate Lorenz 
/Toxic; Opaque; To Valerie Solanas and Marilyn Monroe in Recognition of their 
Desperation Toxic/, 2012

Pauline Boudry / Renate Lorenz 
Toxic; Opaque; To Valerie Solanas and Marilyn Monroe in Recognition of their Desperation Toxic, 2012

Babi Badalov
/Car-Pet-Alism/, 2016

Babi Badalov
Car-Pet-Alism, 2016

Arseny Zhilyaev
/Cradle of Humankind/, 2015
 

Arseny Zhilyaev
Cradle of Humankind, 2015
 

Ruth Buchanan
/Split, Splits, Splitting,/ 2016

Ruth Buchanan
Split, Splits, Splitting, 2016

Ahmet Öğüt
/United/, 2016

Ahmet Öğüt
United, 2016

Monthly Gathering, curated walk

Monthly Gathering, curated walk

Eingang des Projektraums Mite Ugro

Eingang des Projektraums Mite Ugro

Ausstellungsraum D.A. Aura

Ausstellungsraum D.A. Aura

Monthly Gathering bei Mite Ugro

Monthly Gathering bei Mite Ugro

Dachterrasse von D.A. Aura

Dachterrasse von D.A. Aura

Im ACHTEn KLIMA

Von Agnieszka Roguski 

Rauch füllt die mit dunklem Holz verkleidete Bar Foreplay, die ich wenige Tage zuvor noch für einen zwielichtigen Ort des koreanischen Nachtlebens hielt, der nun aber Stammlokal der 11. Gwangju Biennale ist. Schmuddeliges Seventies-Flair und ein Hausdrink aus Instantkaffeepulver: Schafft das die Atmosphäre lokaler Eingebundenheit, die Biennalen allerorts herzustellen versuchen?

Als die Gwangju Biennale Anfang September eröffnet, ist das Hoch der schwülen Hitze Koreas gerade überstanden. Nur ein Jahr Vorbereitung liegt hinter Maria Lind und ihrem Kuratorenteam – vor ihnen eine Schätzung der Besucherzahlen, die die Venedigbiennale weit übersteigt. Und obwohl zu diesem Mega-Event nur 0,1% internationale Besucher erwartet werden, wird „global“ groß geschrieben und viel diskutiert. Denn ein Ausstellungsbesuch sei das Teilen eines kollektiven Seh-Erlebnisses mit multiplen Perspektiven, so Lind, die als Leiterin der Tensta Konsthall in Stockholm ein wegweisendes Modell für die Integration einer Kunstinstitution in eine heterogene und kunstferne Nachbarschaft schuf. Auch bei einer Biennale steht man einem komplexen Entwurf von Einbindung gegenüber – und einem Format, das mit der Schwere eines lange und kritisch geführten Diskurses aufwartet.

Zunächst soll mit jeder Biennale eine neue Antwort darauf geliefert werden, was dieses Format überhaupt ist oder sein kann.

Ein globaler White Cube? Ein synergetisches Spannungsfeld aus Globalem und Lokalem? Im Gegensatz zur diesjährigen Berlin Biennale, die den konkreten Ort als Realfiktion inszenierte, folgen momentan viele Biennalen in ihrer Programmatik eher nebulösen Raum-Zeit-Vorstellungen. In der 13. Sharjah Biennale geht es etwa um den arabischen Begriff „Tamawuj“, ein flüchtiges Form-Werden im Sinne von Wellen. Ähnlich sieht die aktuelle São Paulo Biennale mit „Incerteza Viva (Live Uncertainty)“ das Instabile als kreatives Potenzial. Im Dunst des Ungewissen wächst manche Idee umso besser.

Maria Linds Biennale „The 8th Climate“ mag sich zunächst in diese schwebende Metaphorik einreihen. Auf persische Mystik und französische Philosophie zurückgreifend, wird eine Art Zwischenwelt aus Vorhandenem und Vorgestelltem behauptet. Damit können geopolitische Bezüge einerseits kosmologisch ausgelagert, andererseits auf den Boden zurückgeholt werden, was der GB11 einen sozialen und handlungsorientierten Gestus gibt. Lokalgeschichte – Gwangju war Brutstätte der koreanischen Demokratiebewegung in den 1980ern – und globale Anliegen sollen verschmelzen. Dafür wird ein breites Spektrum von Sichtweisen aufgemacht, das politische Themenstränge mit biologischen und medialen verbindet, um letztlich zu dem zurückzukehren, was Lind zufolge zunehmend von Marktmacht und Krisenmanagement bestimmt werde: zur Kunst selbst. Rund hundert Arbeiten und ein breit gefächertes Mediationsprogramm sollen ein bisher unsichtbares Gewebe aus dem Gegebenen hervortreten lassen: „Connecting dots“ heißt diese Methode.

Es scheint also passend, unter den Werken auf Wolken, Pflanzen, Steine und Planeten zu stoßen. Tommy Støckels „The Gwangju Rocks“ sind handgemachte Papp-Skulpturen, die auf 3D-Animationen vor Ort gefundener Steine beruhen. Nicholas Mangan untersucht die Geschichte der indonesischen Stein-Währung Rai im Hinblick auf den heutigen Bitcoin und Fernando García-Dory, der die Performance „Lament of the Newt“ mit Einheimischen auf dem letzten Reisfeld Gwangjus realisiert, sieht im Künstler den Samen für ein größeres „Ökosystem“. Was aber ist damit gemeint?

Lind spricht von ineinandergreifenden „contact zones“ und „conflict zones“, die vor allem eines brauchen: Mediation.

Mit dem Forum „To All the Contributing Factors“ versammelt die GB11 internationale Partner-Organisationen, die einen Kontrast zum Big Player Biennale bilden sollen. Neben etablierten Größen wie e-flux sind das politisch radikalere Akteure wie etwa die Cooperativa Cráter Invertido aus Mexico City, die mit dem Archiv zum Aufstand der Demokratiebewegung 1980 arbeitet und historische Krisensituationen und deren Widerstandspotenziale in Gwangju und Mexico City reinszeniert. Ähnlich zeigt der türkische Künstler Ahmet Öğut auf riesigen Reklametafeln Geschichten der Staatsgewalt um die Bürgerrechtsbewegung, die animierten koreanischen Comics ähneln. Die Geschichte des Ortes wiederzubeleben ist Dora Garcías Ziel: Mit der Nachbildung des Nodku-Buchladens, an dem die Aufstände in Gwangju vorbereitet wurden, schuf sie die von der Presse wohl am dankbarsten aufgenommene Arbeit. The Book Society aus Seoul verkauft in Garcías Laden eine Auswahl ihrer Bücher. Die von Helen Ku 2009 gestartete Initiative führt einen Raum, der gleichermaßen Buchhandlung und Project Space ist. Was in Europa selbstverständlich erscheint, ist in Korea kaum vorhanden. In einer Lesegruppe wurde zu Gentrifizierung und Selbstorganisation gearbeitet; Networking ist in Seoul keine rein symbolische Kapitalform, sondern Lebensgrundlage und politisches Statement.

Die Initiativen aus dem weniger pulsierenden Gwangju agieren anders. Mit der Megastruktur Biennale bekommt die Stadt alle zwei Jahre ein Ausmaß an Aufmerksamkeit, an dem nicht alle teilhaben wollen. D.A.Aura ist eine Künstlerresidency, die seit 2015 mitten im Daein Markt im alten Zentrum Gwangjus liegt. Die drei Betreiber profitieren davon, dass Strukturwandel und Wirtschaftskrise zwar in Seoul Raum zur knappen Ressource werden ließ, nicht aber in Gwangju. Die Programmgestaltung findet in alltäglichem Austausch mit der Marktbevölkerung statt. Die starke Sichtbarkeit, die eine Biennale mit sich bringt, möchte D.A.Aura meiden und sich auf Existenzsicherung konzentrieren. Im Gegensatz dazu werden nebenan bei Mite Ugro „Monthly Gatherings“ abgehalten, ein Programm der Biennale, das seit Januar Lesungen, Screenings und kuratierte Rundgänge anbietet, um mit einem zeitlichen Vorlauf die freie Szene Gwangjus mit der Biennale zu verflechten. Mite Ugro ist mit seiner Gründung 2009 der älteste Projektraum Gwangjus und betreibt Residencies, Ateliers, einen Ausstellungsraum und eine Bibliothek. Es ist die einzige Initiative der Stadt, die mit der Biennale kooperiert, international arbeiten möchte und Zukunftspläne hat, die klar nach Expansion klingen. Zu einem der neu gegründeten Projekträume gehört die RAT school of ART, die Seminare und Vorträge von Künstlern und Kuratoren der Biennale beherbergt. RAT, vor zwei Jahren vom deutschen Künstler Dirk Fleischmann gegründet, ist eine Besonderheit in der Ausbildungslandschaft Südkoreas. Sie bietet gegen Kursgebühren ein Studienprogramm an, dessen Bedingung und Ziel künstlerische Selbstverwaltung ist und zieht Verbindungslinien zur Frankfurter Städelschule und dem Center A in Vancouver.

Erreicht die GB11 ihr Ziel, das global vernetzte Kunstvolk zum Hier-und-Jetzt zu animieren? Der Film „The Lost Dreams of Naoki Hayakawa“ von Ane Hjort Guttu und Daisuke Kosugi zeigt auf surreal-dokumentarische Weise neoliberale Arbeitsbedingungen, indem er Traum und Arbeit ineinanderfließen lässt. Genauso durchzieht diese Biennale nicht nur das imaginär Mögliche in Gwangju, sondern das Verknüpfen von Professionellem mit Potenziellem, das sich zu immer neuen Formen verdichtet, um im Kosmos der Kunstwelt weiterzuwandern. Was dem internationalen Fachpublikum wie der Lokalbevölkerung also ein kollektives Erlebnis verschafft, ist vielleicht weder das 8. Klima noch die bloße Hitze, sondern ein real bestehendes Netzwerk(en), das unterschiedliche Ökonomien von Sichtbarkeit und Raum kreiert – und so globales Gehör findet.

Agnieszka Roguski ist freie Autorin und Kuratorin und lebt in Berlin.