Real Time

Kolumne

Jeden zweiten Dienstag schreibt Timo Feldhaus über das Wichtigste auf der Welt:
andere Leute.

Es ging eigentlich damit los, dass ich letzte Woche aus Versehen im Hilton Hotel stand, wo die Musikerin Grimes ein Konzert spielte. Hotels haben derzeit Probleme wegen Airbnb und organisieren also, um die Aufmerksamkeit junger Leute zu erhaschen, solcherlei „Once-in-a Lifetime-Events“, bei dem eine mit Graffiti bemalte Pappwand als Berliner Mauer ins Foyer gefahren wird, es Häppchen und Weißwein gibt, und die Teilnahme durch „Exclusive Access“ geregelt ist. Obwohl also die Voraussetzungen denkbar schlecht waren, war das Konzert total gut. Grimes, ihre zwei Tänzerinnen und die Co-Sängerin lassen sich nichts von dem Quatsch anmerken, wie ein Familienstamm aus einer längt vergangenen Zukunft machen sie Musik zur Zeit. Danach auf dem Handy die Videos von Beyoncés Stadiontour gucken, und ganz naiv euphorisiert rief ich meinem Freund Jakob zu, dass es ja zum Glück nun bald vorbei wäre mit der schrecklichen Männerherrschaft.

Na, das glaube er leider ganz und gar nicht. Techno z.B., da wären ja fast nur Männer. Hip-Hop z.B., die Musikform der letzten Jahrzehnte, ist fast ausschließlich von Männern bestimmt. Zur Antwort habe ich ihm das neue Stück von „FTZN im Club“ von SXTN vorgespielt, das davon handelt, dass die beiden Rapperinnen und ihre „Fotzen“ (Freundinnen) in den Club gehen.

Als ich aus dem Hilton rausging, traf ich einen alten Mann, der aussah wie Helmut Kohl. Am Revers trug er ein Eisernes Kreuz. Als ich ihn fragte, warum eigentlich, fragt er zurück, was denn überhaupt mein Beruf wäre. Und als ich Journalist sage, sagte er, er selbst hätte einen ehrbaren Beruf und zwar Ingenieur. Und da würde er etwas machen mit China, sein Büro wäre hier im Hilton und tschüss junger Mann!

Am nächsten Tag habe ich meiner Tochter ein paar Videos von Grimes gezeigt, auch um uns abzulenken von den Erklärungen dieser Tage. Die Basis dieser Erklärungen ist stets: „Ein verrückter böser Mann hat sehr viele Menschen getötet.“ In den Augen meiner Tochter sehe ich, dass sich diese Erklärung abnutzt wie Blut in Nachrichtenbildern. In der Nacht kehrt als Albtraum zurück, was man sich den Tag über gefügig machte: Mann mit Axt, Mann mit Machete, junger Mann mit derselben Waffe wie Breivik, junger Mann mit Bombenrucksack. Mann mit LKW, Männer mit Maschinengewehren. Es ist ja scheinbar alles voller irrer Männer.

Trump, ISIS, Putin und Erdogan eint, dass sie Gesellschaften wieder als sich bekämpfende archaische Horden und Stämme sehen. In ihr gilt es wieder Linien zwischen Einwanderern und Einheimischen zu ziehen. Schwarz und Weiß. Wir und die. Die Stämme sollen nun wieder aufeinander losgehen. 

Weil das Gefühl der Unsicherheit die Menschen bis zur Bewusstlosigkeit irritiert, so die Ansicht, setzen sie auf sogenannte einfache Wahrheiten, die nach Ordnung und Kontrolle klingen, panisch, aber am Ende des Tages offenbar für die Mehrheit gleichzeitig funktionierend vorgetragen. Wie den in dieser Art immer noch unübertroffenen, weil einfach hirnlosesten Trump-Satz, der davon handelt, alle Muslime davon abzuhalten in die USA zu reisen, bis diese USA herausgefunden hätte „what is going on“.

Als wäre schon irgendwer jemals dahintergekommen, was los ist. Parallel das Gebrüll der Erdogan-Anhänger: „Ein Wort von dir, und wir töten! Ein Wort von dir, und wir sterben!“ Da stehen Leute auf dem Taksim-Platz und rufen dem Autokraten wirklich zu: „Ich bin nur das Haar an deinem Hintern!“ Oder: „Wir wollen Exekutionen!“

„Trump is a man’s man“, sagt einer seiner Supporter stolz, seine Frau steht neben ihm, strahlend wie Atomstrom. Die ganze Idee Trumps zielt auf ein letztes Aufbäumen weißer privilegierter heterosexueller Loser-Männer, die es einfach nicht geschafft haben, obwohl sie nicht schwarz, nicht schwul, keine Frau, Transgender oder in anderer Art von der Gesellschaft benachteiligt sind. Irgendwo in ihren schrumpeligen alten Eiern wissen sie alle, dass ihre Zeit abgelaufen ist, deswegen schreien sie so schmerzverzerrt. Todesschreie sind es.

Aber logischerweise ist selbst das nicht ganz so einfach, wie man es selbst gerne hätte. Es gab zum Beispiel zwei Männer, die dem republikanischen Parteitag in Cleveland Komplexität hinzufügten. Und zwar der deutschstämmige Entrepreneur Peter Thiel und der neurechte Feministen-Hasser Milo Yiannopoulos.

Beide Charaktere zeichnet aus, dass sie sich einer einfachen Lesart entziehen. Thiel gründete PayPal mit und stieg als erster Investor bei Facebook ein. Der 48-jährige Frankfurter ist Multimilliardär und durfte nun zur Prime Time am Prime Day als einer der letzten Redner vor Trump auf die Bühne. Dort bekannte er sich öffentlich zu seiner Homosexualität und warb für den Republikaner. Er ist der einzige aus Silicon-Valley-Größe, der Trump unterstützt. Wie dieser ist er ein Querdenker und redet gerne sogenannten Klartext.

Dafür möchte auch der griechisch-britische Journalist Yiannopoulos bekannt sein. Seit ein paar Jahren gräzt er in einer kruden Mischung aus libertärer Kulturkritik und Populismus gegen Feminismus, den Islam, soziale Gerechtigkeit und Political Correctness. Er nennt den Demagogen Trump „Daddy“. Als ein grell leuchtender Repräsentant verbindet er die alternative Rechte mit der Schwulenbewegung. Aktuell wurde sein Account bei Twitter gesperrt, weil er die Schauspielerin Leslie Jones rassistisch beschimpfte. Diese war als eine der Hauptrollen in der neuen „Ghostbusters“-Verfilmung besetzt, in der im Gegensatz zum Original Frauen auf Geisterjagd gehen. Riesenfehler! Finden er und die Maskulisten. Zur „Wake Up“-Party, der „schwulsten neofaschistischen Kundgebung beim Parteitag der Republikaner“, organisiert von homosexuellen Republikanern, begleitete nun die queere Feministin und Autorin Laurie Penny ebenjenen und schrieb ein sehr erhellendes Essay darüber. Und obwohl es wirklich sehr witzig zu lesen war, habe ich es trotzdem nicht verstanden.

Trump unterstützt offen die conversion therapies, die Schwule „heilen“ sollen – aber smarte, schwule Typen wie Thiel und Yiannopoulos unterstützen ihn. Sie sind verrückte heillose Gestalten wie aus einem Comic über die Anfänge der Nazis. Man kann sie sich kaum ausdenken. Sie eint der Hass auf Frauen.

Ich schaute mir dann den Trailer zu „Wonder Woman“ an, der im nächsten Jahr erscheint, schlug mir mit der flachen Hand auf den Kopf und trat auf den Balkon. Ruhe kehrte ein. Ein seltsamer Moment, als hätte mich eine Gegenwart, die erst 10 Tage her ist, wieder eingeholt. Es war Nacht, der Wind schwang sich kühlend um die Beine. Ich war ein privilegierter, weißer, heterosexueller Mann auf einem Balkon in der westlichen Welt, aß eine selbst gepflanzte Tomate und wusste mit dem Geschmack in meinem Mund nichts anzufangen.

TIMO FELDHAUS ist Spike-Redakteur und lebt in Berlin.