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Kolumne

Frank Ocean fotografiert von Wolfgang Tillmans

Jeden zweiten Dienstag schreibt Timo Feldhaus über das Wichtigste auf der Welt:
andere Leute.

Am vergangenen Wochenende sollte Frank Ocean die Popwelt aufmischen. Munition hatte er genug, die Kanonen waren gestopft und das Internet seit Monaten auf 180. Innerhalb von 24 Stunden katapultierte er zwei Alben, ein 360-Seiten-Print-Magazin und zwei Musikfilme in die Welt. Hatte es so etwas schon einmal gegeben? Hatte es natürlich nicht.

Fast genau vier Jahre war sein Vorgänger alt, vor fast genau zwei Jahren entbrannte ein bisher beispielloser Hype um das Erscheinen dieses neuen Albums, das irgendwann „Boys don’t cry“ heißen sollte und nun wahlweise den Namen „Blond“ oder „Blonde“ trägt.

Es beginnt allerdings damit, dass urplötzlich ein so genanntes Visual Album mit dem Titel „Endless“ auftaucht, ein 45-minütiger S/W-Film, auf dem Ocean mit Schweißgerät und Holzkisten eine Treppe baut, und von dessen merkwürdig unaufgeregter Musik die meisten logischerweise glaubten, es müsse sich ja nun um das ersehnte Album handeln. Zu Beginn und am Ende erklingt als Rahmung ein Stück des deutschen Künstlers Wolfgang Tillmans, der seit diesem Jahr auch Musik herausbringt. Er singt über stampfende Techno-Beats über ein Samsung Galaxy. Sehr kritisch. Das Internet, die Mobiltelefone, immer würde gestreamt, das wäre alles irgendwie nicht gut. Während das läuft, und das Internet wegen Frank so richtig heiß läuft, läuft Frank durch die Garage und checkt ständig sein Telefon, als würde auch er selbst auf sein neues Album warten und dabei immer wieder den Refresh Button drücken.

Wenig später erscheint ein zweites Musikvideo: „Nikes“. Die jungen Mädchen wollen alle immer nur Nikes, singt Frank. Das wäre nicht cool. Bilder dazu von Frank mit Kajal vor Autos, er trägt Nikes.

Das Video selbst zelebriert Schönheit, Körper und Exzess, auf dem Lied „Be Yourself“, auf dem ein paar Stunden später erscheinenden wirklichen Album: Ein Anruf von Mama, die sagt Drogen sind schlecht, soll man nicht nehmen.

Es ist genau diese Widersprüchlichkeit, die Frank Ocean zu einem Pophelden macht. Pop ist traditionell bigger than life. Und Frank sitzt eben mitten drin. Im aufgebrachten Life und im allumfassenden Pop, die Grenzen sind fließend. Warum aber weint Frank Ocean?

Denn das will uns das Coverbild, wiederum fotografiert von Wolfgang Tillmans, ja wohl suggerieren. 

Weint er um den Zustand der Welt? Ist er vielleicht in der Dusche gefallen und hat sich den Kopf gestoßen? Sind das gar keine Tränen, sondern einfach nur Wassertropfen? Oder weint er womöglich, weil sein Album gar nicht so gut geworden ist, wie die Erwartungen es wollten?

Denn es lässt sich ohne Frage sagen: Frank hat ein schwieriges, zerbrechliches Album abgeliefert. Es ist Art-Pop geworden. „Seigfried“ ist ein wunderschönes, ultrazärtliches Stück, der Auftritt von André 3000 auf „Solo (Reprise)“ fantastisch, und „Pink & White“ erinnert (als einziges!) annähernd an die weichen Winde, durch die uns sein Vorgänger „Channel Orange“ führte. Wie Stücke wie „Self Control“ und „Nights“ durch kleine Details gegen Ende plötzlich „umkippen“ und regelrecht „aufgehen“, das hat dieser Kitschmann und Pathosfreak ganz schön gut hingekriegt.

Jedoch: Das Allermeiste verliert sich in ätherischem, immergleichem Rauschen, fast völlig ohne strukturgebende Beats, angereichert mit Gitarrenlicks, von denen man sich vorstellen kann, wie Ocean diese zum 1000sten Mal in seinem Superstudio durch Superkopfhörer schickt und beim 1000sten Mal klingen die eben auch irre bezaubernd. Aber für viele Hörer werden die skizzenhaften, mäandernden Sound-Entwürfe eine Herausforderung bedeuten, die sie womöglich komplett gelangweilt oder verdammt angestrengt zurücklassen. Ocean hat sich über die Jahre einfach verfusselt. Und dann noch das Gejaule, das Gejammer, das verdammte Geheule!

Also nochmal: Weinen. Und also noch einmal: Dieses wirklich geniale Albumcover.

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Es sieht aus wie ein Tillmanns aus den 90ern. Einer dieser zärtlichen Jugendshots, zugleich aus dem Alltag und doch eben epic und höchstaufgeladen. Natürlich auch gay. Es scheint ein digital fotografiertes Bild zu sein, dieses ganze Cover sagt allerdings: Indie. Und sieht aus wie ein Magazin aus längst vergangener Zeit. Von der aus Frank, der Handwerker (Pflaster am Finger) nicht in die heutige gucken möchte. Der Barcode, der Explicit-Button, das Logo – alles „Nostalgia-Ultra“. So hieß bereits Oceans erstes Album, das den Weg bereitete für eine musikalische „indiefication of hip-hop culture“, wie es der Guardian nennt. „Blond“ ist nun noch weniger R&B und Hip Hop, eher klingt es wie ein Dialog zwischen schwarzer amerikanischer Kultur und britischen Bedroom-Experimentalisten wie James Blake, Jamie XX von The xx und dem Radiohead-Gitarristen Jonny Greenwood, die alle an dem Album mitgewirkt haben, und deren Musik sich besonders durch Zustände weinerlicher, weißer Empfindsamkeit zusammenfassen lassen.

Überhaupt begleitet das Album eine ausufernde, wahnsinnige Contributing-Liste: Beyoncé, Kendrick Lamar, Brian Eno, Arca, Pharrell Williams, David Bowie, The Beatles, Elliott Smith, Gang of Four uva. sollen bei der Produktion des Albums dabei gewesen sein. Explizit zu hören ist allerdings fast niemand. Kendrick Lamar sagt am Ende eines Stückes ungefähr drei Worte, Beyoncé, immerhin die globale Popkönigin, summt am Schluss von „Pink & White“ eine kleine Harmonie, kaum hör- und nicht identifizierbar. Das war's. Wie auch in dem musikalischen Gerüst alles verschmilzt und verwischt, werden die Mitarbeiter nicht verwendet, um klar akzentuierte Superhits zu schaffen, eher funktionieren sie als unsichtbare Ahnen und Inspiratoren – irgendwo im nirgendwo, wohl anwesend, doch kaum zu finden, fast nie greifbar. In Liedern, die selbst immer kurz vor dem Auseinanderfallen stehen, sind sie immer alle da, aber eigentlich halt auch niemand wirklich.

Wollte man nun von „Blonde“ aus den Zustand von Pop im Jahr 2016 definieren, und das war die weltweit an dieses Albums geknüpfte Hoffnung, dann ist es der größter Verwirrung und Uneindeutigkeit. Die Hörer, die sich durch das im Zuge des letzten Albums pressewirksam gelifteten Outing des Sängers als schwul nun womöglich eine erste große Pop-Ballade gewünscht haben, die sich explizit an einen Mann richtet, sehen sich enttäuscht. Sex und Liebe richten sich von „Blonde“ aus immer abwechselnd an beide Geschlechter. Es herrscht gewissermaßen die absolute Freiheit von allen Grenzen, Zuschreibungen und Festlegungen, es ist einfach alles andere als straight.  

Oceans Gesang ist abwechselnd geprägt durch die Spiritualität des Gospel und die Intimität des Crooning. Dabei manipuliert, sampelt und variiert er seine Stimme mehr als je zuvor durch Vocoder- und Autotune-Effekte, wie Multiplikatoren seiner selbst. „I got two versions“, das twitterte er früh, und sagt es auch in „Nikes“ in die Kamera. Und womöglich sind damit ja gar nicht seine beiden Alben gemeint, sondern vor allem seine eigene Persona. Und diese verflixten neuen Individuen, die das Internet aus uns allen gemacht hat, durch zahllose Useraccounts definiert, über Pseudonyme, digitale Repräsentationen, Avatare und Passwörter: durchdrungen von medialer Schizophrenie und Web-Narzissmus. „Ich ist ein anderer“, schrieb Arthur Rimbaud am 15. Mai 1871 im so genannten „Zweiten Seherbrief“ an Paul Demeny. Frank Ocean, dessen Magazin lauter Gedichte enthält, mimt nun seinen und vielleicht auch unseren Stellvertreter.  

Am Ende münden alle Verzögerungen, Ankündigungen, Falschmeldungen, der Stress und der Hype in einem Materialschwall, der schließlich das genaue Gegenteil von dem darstellt, was auf dem Album geschieht. Der größte Widerspruch in der neuen Welt des Frank Ocean liegt zwischen der Lautstärke der Ankündigung und der Stille, die dann folgt. Auf immerhin 35 neuen Liedern hat vielleicht nie zuvor jemand stiller geschrien, dass Leise das neue Laut ist. Womöglich handelt es sich dabei um das erste too much information pop album. Theoretisch hat Frank Ocean wirklich alles richtig gemacht.

TIMO FELDHAUS ist Autor und lebt in Berlin.

 

In der vorigen Kolumne ging es um die Frage, ob man Männer abschaffen sollte

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