Zurück nach Miami

Georg Dickmann über Armen Avanessians neues Buch „Miamification“

Wenn es zutrifft, dass wir in einer post-faktischen Zeit leben, die an Sinnverlust oder gar an absoluter Entzeitlichung erkrankt ist, dann braucht es anstatt Nostalgie ein neues Begehren nach Zukunft. Entgegen der Erschöpfung und der scheinbar unendlich ausgedehnten Gegenwart gilt es das Verhältnis von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft anders zu denken als bisher – und das bedeutet vor allem aus der Inflation der Zeitgenossenschaft wieder eine Zukunftsgenossenschaft zu machen.

Wie das gehen könnte, zeigt der Philosoph und Literaturtheoretiker Armen Avanessian. Er ist in Deutschland das Drehkreuz und der Promoter von Denkrichtungen wie dem Spekulativen Realismus, dem Akzelerationismus oder seinem eigenen Projekt einer Spekulativen Poetik. Nach dem para-philosophischen Versuch einer radikalen Kritik der Universität mit dem Titel „Überschrift“ ist nun ebenfalls beim Merve-Verlag „Miamification“ erschienen, das in die gleiche Kerbe schlägt. Das Buch erprobt als philosophisch-autobiografisches Labor Denk- und Schreibweisen jenseits des nullachtfünfzehn-Akademie-Sprechs. Um das anhand eines essayistischen Reiseberichts zu testen, geht Avanessian nicht in die Bibliothek, sondern fliegt nach Miami und geht baden. Zwischen Strand und Schreibtisch entstehen 17 philosophische Tagebucheinträge, in denen assoziativ-lose und doch mit einer enormen Präzision brennende Themen von heute besprochen werden: Trump, Big Data, Kapitalismus, Überwachung, Einwanderung, Facebook, Twitter, etc.

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Das mit filmtheoretischen, philosophischen und soziologischen Diskursen und Beispielen vollgesogene Tagebuch beginnt jedoch nicht im lauen Wasser von Miami Beach, sondern im Flieger am Düsseldorfer Flughafen (kein WLAN, kaum Beinfreiheit). Die Alu-Röhre Flugzeug scheint als merkwürdiger Transitraum, in dem man auf engstem Raum zu schreiben versucht, zunächst ungeeignet. Doch bei genauem Hinsehen korrespondiert die seltsame Eigenzeitlichkeit eines Langstreckenflugs mit Avanessians These über unsere pathologische Gegenwart. Das nahezu unbemerkte Überschreiten von jeder Menge Raum in kürzester Zeit, als Bewegung auf der Stelle, sowie das sedierte Starren der Passagiere auf die Flatscreens vor ihren Sitzen, steht geradezu paradigmatisch für eine schlaflose Gegenwart ohne vor und zurück. Wie der Passagier im Flugzeug sind wir einem Strom aus Zeichen, Bildern und Codes ausgesetzt, der uns mitreißt. Die Gegenwart lässt sich mit Avanessian also als ein sich drehendes Jahrmarktrad begreifen, in dem aufgrund der Geschwindigkeit alle Lichtpunkte zu einem verschmelzen und dadurch aus Bewegung Stillstand wird. Diese Struktur durchziehe die sozialen, künstlerischen und ökonomischen Felder sowie die gegenwärtige Politik.

Avanessians Gegenvorschlag zu den Bilderströmen ist Poetik.

Sinnliche Wahrnehmung habe längst ihre transformative Kraft verloren und ist heute eine dumpfe und narkotische Leere, die nach Avanessian re-poetisiert werden muss. Ein poietischer Zugang zur Welt wäre nicht bloß kontemplativ sondern vielmehr produktiv. Poetik habe entgegen der Ästhetik eine erzeugende Kraft, die nicht nur aufnimmt und beschreibt, sondern in der Lage ist, Wirklichkeiten hervorzubringen. Also ganz im Sinne der griechischen Etymologie: poiesis bedeutet Herstellen, Produzieren, Kreieren. Konkret und auf die heutige Lage bezogen hieße es zum Beispiel eine fiktionstheoretisch versierte Analyse der Trump’schen Twittererzeugnisse vorzunehmen, sie in ihrem poetischen Gehalt zu begreifen, zu verändern und umzuschreiben. Trump tut das ja schließlich mittels „poetischer Präemption“ auch. Er handelt laut Avanessian nicht „präventiv“ – also vorbeugend und sicherheitsstrategisch, um bestimmte Zukünfte zu verhindern –, sondern stellt mögliche Zukünfte spekulativ her.

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Die Vorlage für diese zunächst schwer verdauliche Zeit-Vorstellung liefert Steven Spielbergs Science-Fiction-Adaption „Minority Report“, die auf die gleichnamige Dystopie Philip K. Dicks zurückgeht. Mittels dreier transhumaner Orakel-Wesen, die schaurige Zukunftsszenarien sehen können, besteht die Polizeiarbeit nicht darin, Verbrechen nachträglich aufzuklären, sondern zu verhindern kurz bevor sie geschehen. Denn durch die seherischen Fähigkeiten der so genannten „pre-cogs“ bezieht die Polizei ihre Informationen aus der Zukunft und nicht aus der Vergangenheit. Deswegen ist die politische Frage, die Avanessian zwischen den Zeilen immer wieder mitschwingen lässt eine danach, wie die erschöpfte „Jetzt-Zeit“ zu überwinden und dem Versagen politischer, sozialer und ästhetischer Imagination etwas entgegenzusetzen sei, das unser Denken aus der Stagnation reißt. Mit „Miamification“ ruft der Autor dazu auf, einer düsteren Zukunft zuvorzukommen, neue Formen des Denkens und des Schreibens zu erproben, und den Mut zu haben hinauszuschwimmen.

Armen Avanessian: „Miamification“, Merve Verlag: Berlin 2017
Am 2. März 2017, 19 Uhr, findet in der Buchhandlung Walther König an der Museumsinsel in Berlin eine Buchpräsentation statt. 

GEORG DICKMANN ist Philosoph und freier Kurator. Er lebt in Berlin.