Adidas Anthropozän Sneaker

Schuhe aus Ozeanabfällen

Der deutsche Sportschuhhersteller aus Herzogenaurach präsentierte dieser Tage seine neueste Erfindung: Ein Sneaker, der in Zusammenarbeit mit der Meeresschutzorganisation Parley for the Oceans entwickelt wurde. Im UN-Hauptquartier in New York konnte ein Prototyp bewundert werden, der fast gänzlich aus Garnen und Fäden zusammengenäht sein soll, die zuvor aus Meeresmüll und illegalen Hochseetreibnetzen recycelt wurden.

Und damit nicht genug. Die verarbeiteten Netzteile besorgten die Umweltaktivisten von Sea Shepherds, indem sie 110 Tage illegale Wilderer vor der Küste Westafrikas verfolgt und ihnen die Stoffe abgenommen haben. Als das Boot der Wilderer sank, retteten die Umweltschützer auch sie. So die Geschichte. Eine gute Geschichte. 

Die auch anschlussfähig ist. Etwa an eine der größten unserer Zeitgenossenschaft - die des Anthropozäns. Ging es Wissenschaftlern wie dem niederländischen Chemiker und Atmosphärenforscher Paul Crutzen und Eugene F. Stoermer im Jahre 2000 initial darum, eine Erzählung zu finden, die stark genug ist, der fortschreitenden Zerstörung der Erde durch die auf ihr lebende Superspezies Mensch Einhalt zu gebieten und im Umkehrschluss zum Gegenhandeln zu zwingen, werden unter dem Codewort seit einiger Zeit in der Kunstwelt (etwa in der Anthropozän-Ausstellung des HKW oder in der Post-Internet-Art) besonders gerne spekulativ raunende Verschmelzungsszenarien entworfen, in der allerlei Lebensformen und Subjekt- und Dingtheorie ineinander fallen um die Idee des menschlich gemachten Neuen in eine alles umschließende esoterische Positivgeschichte zu verwandeln. Die Wissenschaftler hatten von Beginn an viel schlechtere Laune und sehen den Schlüssel zum Umdenken eben darin, den Menschen nicht mehr als eine von außen kommende Kraft zu sehen, sondern als integralen Bestandteil der Natur. Ihr Fazit fällt gewissermaßen schlicht aus: "Wir müssen dringend zu Hütern und Bewahrern des Erdsystems heranreifen."

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Gute Geschichten brauchen gute Helden. Und warum sollten Schuhe keine Helden sein?

Der Sportschuh, wie jedes richtig gute Fashion Item, weht gewissermaßen durch die Zeit und fängt bei seinem Gang der Dinge alles diffus in ihr auffällige auf die plakativste Art und Weise ein. Und drückt es dann aus. Hier nun haben wir ein Exemplar, das ein schlechtes Gewissen macht, die Apokalypse in Erinnerung ruft, und bei jedem Menschenschritt in Plastik den eigenen Aktivismus durch Konsum ins Gehirn floaten lässt. Awareness, sagt dieser Sneaker. Vom spartanischen Spitzenlook ganz zu schweigen. Lange hat Adidas nach einem Schuh geforscht, der dem Flyknit, Nikes erstem Strickschuh, Konkurrenz machen könnte. Das Stricken des Sportschuhs ist nicht nur eine Metapher, die eine alte Kulturtechnik und neueste Technik zusammen denkt, sie soll auch schnellere Schuhe hervorbringen, die leichter sind, und, weil die Einzelteile nicht mehr aus verschiedenen Schnittmustern gefertigt werden müssen, auch weniger Müll fabriziert. Womöglich hat Adidas nun den grandiosen Counterpart gefunden.

Die neuartigen Fasern, die aus den Netzen und dem Ozeanmüll gewonnen wurden, sollen ab 2016 auch in verschiedenen anderen Kollektionsteilen verwendet werden.

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Timo Feldhaus ist Autor und Spike-Redakteur. Er lebt in Berlin.