Essay: Liebesvernichtungsmaschinen

   Jan Klos, The Nelson’s Head Pub , June 2014, from the series „ Pubs of East London“, 2014 –

Die Künstlerkritik am Kapitalismus wollte die Ketten des Konformen lösen, doch im Vorbeigehen wurde das soziale Sicherheitsnetz abgebaut. Die gewonnene Freiheit wurde zum neoliberalen Zwang und wir alle zu Künstlern. Waren die Bande der Familie 1968 noch gesprengt worden, um selbstbestimmt zu leben, schlagen wir fünfzig Jahre danach um so härter wieder bei ihr auf. Es schließt sich ein perfider Kreis.

 

Wie wird ein kreativer Mensch zu einem kreativen Menschen? Das ist sicher nicht die dringlichste Frage in den Kulturkämpfen von heute, aber die sozialen Proteste der späten 1960er Jahre wurden häufig in diesen Begriffen geführt (oder bekämpft): Geht es um soziale Gerechtigkeit oder um Selbstverwirklichung? 1969 wetterte der amerikanische Historiker Theodore Roszak in „The Making of a Counterculture“ im Hinblick auf philosophische Größen wie Herbert Marcuse oder Norman O. Brown gegen die „Technokratie“, die eine „vollständige Zerstörung des Ichs“ anstrebe, durch die alle Menschen zu „unpersönlichen Automaten“ würden. Roszak deutete die freien Ausdrucksformen der Jugendkultur als neue Protestform gegen „das System“, ermöglicht vom Wohlstand, den genau dieses System produzierte. „Die ökonomische Sicherheit ist für sie selbstverständlich“, schrieb er über die Baby Boomers, „und darauf bauen sie eine neue, sich selbst treu bleibende Persönlichkeit auf, deren einziger Fehler vielleicht eine unverantwortliche Leichtigkeit ist, die aber auch etwas von einem offenen Geist hat. Anders als ihre Eltern, die vor den sie bezahlenden Organisationen katzbuckeln müssen, kann diese Jugend zuhause ihre Stimme erheben, ohne Angst haben zu müssen, rausgeworfen zu werden“. 

1970 erschien dann „The Greening of America“ des Sozialwissenschafters Charles Reich. Auch er behauptete, dass die Hauptprobleme der totalverwalteten Gesellschaft Konformismus und Entfremdung seien, weil sie die Unterschiede zwischen den Menschen einebnete und Alleinverdiener-Haushalte mit relativ sicheren Jobs produziere. So würden die Familien auf patriarchaler Heteronormativität oder systematischem Konsum aufbauen. Er sah ein neues Bewusstsein in der jüngeren Generation aufkommen, das er „Bewusstsein III“ nannte. Wie schon Roszak erkannte auch er darin eine Ablehnung der traditionellen Protestformen, um „die Gesellschaftsstruktur“ nicht „unmittelbar politisch“, sondern „durch eine Veränderung der Kultur und des Lebensstils jedes einzelnen zu revolutionieren“. 

Vom Standpunkt dieser Beobachter war der politische Widerstand eher wie ein überzeitlicher Generationenkonflikt zwischen der idealistischen Jugend und den „realistischen“ Älteren. Es gehe also gar nicht um eine Auflehnung gegen die spezifischen historischen Verhältnisse und deren Formen von Unterdrückung und Benachteiligung. 

 

"Die Rebellion richtete sich immer gegen das Unauthentische und den Verlust individueller Handlungsmöglichkeiten, die sich aus Lohnarbeit und Kommerzialisierung ergaben"

 

Aber vielleicht war das gegenkulturelle Ferment ja gar nicht, dass die Jungen einfach jung waren. Eine andere historische Deutung sieht die Rebellion als direkte Auswirkung der Industrialisierung, also als Form des Widerstands, die den Kapitalismus nicht beenden, sondern weiterentwickeln würde. Die beiden Soziologen Luc Boltanski und Ève Chiapello bezeichneten in „Der Neue Geist des Kapitalismus“ (1999) das, was Reich und Roszak als Generationenkonflikt auffassten, als breite Manifestation einer „Künstlerkritik am Kapitalismus“. Die Rebellion richtete sich immer gegen das Unauthentische und den Verlust individueller Handlungsmöglichkeiten, die sich aus Lohnarbeit und Kommerzialisierung ergaben. Diese Kritik führe zu immer lauteren Forderungen nach „Autonomie und Eigenverantwortung“ sowie dem „Versprechen, die Kreativität des Menschen freizusetzen“. Der Protest nehme daher die Form einer reflexhaften Ablehnung aller Autoritäten mittels „transgressiver“ Akte des „freien Ausdrucks“ und der „Anfechtung der bürgerlichen Familie“ an, wie Boltanski und Chiapello weiter schreiben. 

Das Problem der Künstlerkritik ist, dass sie von dem getrennt werden kann, was Boltanski und Chiapello „Sozialkritik“ nennen, und die den Schwerpunkt auf Einkommensunterschiede und die Ungerechtigkeit von Armut legt. Es wurde für die kapitalistischen Reformer möglich, die beiden gegeneinander auszuspielen und die allgemeineren Forderungen nach sozialer Gerechtigkeit mit mehr Flexibilität und Autonomie für den einzelnen Arbeitnehmer zu beantworten. Immer mehr Arbeitende sahen sich prekären Leben mit unregelmäßigem Einkommen gegenüber, wurden aber dazu angespornt, doch lieber ihre „Bohème-Freiheiten“ zu genießen und die Chancen zu maximieren, die sie ihnen boten. Arbeite von zuhause! Probiere verschiedene Jobs aus! Arbeite mit deinen Freunden zusammen! Auf diese Art konnte der Kapitalismus den sozialen Protest für sich vereinnahmen und die ihm eigene Logik immer weiter auf den Alltag der Menschen ausweiten. Es wurde zur Norm, alle privaten Passionen und Freundschaften produktiv zu machen. Man musste den Zugang zur Mittelschicht nicht mehr mit Konformismus, Massenkonsum und den Einschränkungen eines konventionellen Familienmodells bezahlen, und auch nicht die „Selbstverwirklichung“ auf dem Altar der Anpassung an feste Firmenstrukturen und Bürokratien opfern. Arbeitende werden nun als visionäre Unternehmer betrachtet, die sich verwirklichen sollen, möglichst viele Aspekte ihrer Persönlichkeit entfalten, ihre ökonomische Fitness beweisen und ums Überleben willen sich selbst verkaufen. 

Die Kommunikationstechnologien und sozialen Medien wurden auch auf dieses Ziel hin weiterentwickelt. Das kreative Potential der Menschen kann permanent genutzt werden. Dauernd sollen wir etwas teilen, uns ausdrücken und unsere freien Kapazitäten – ob Zeit, Raum, Besitztümer oder Beziehungen – in Kapital überführen. Die sozialen Medien und Plattformen der Sharing-Ökonomie sind ein hyperkompetitives, ewiges 24/7-Netz, in dem alle um Anerkennung, Aufmerksamkeit, Einfluss, Status und Chancen kämpfen. 

 

"Wenn die Familie über der Gesellschaft steht, dann folgt daraus, dass das Familienerbrecht gestärkt, Vermögenssteuer abgeschafft und die Einkommensumverteilung beendet werden müssen"

 

Alle sollen kreativ sein, sich immer bestmöglich präsentieren und ohne Unterstützung von Arbeitgebern neue Fähigkeiten erwerben. Alle arbeitenden Menschen sind also gezwungen, zu „autodidaktischen Künstlern“ zu werden (während man von Künstlern umgekehrt immer mehr verlangt, ihr Können durch akademische Titel und Institutionszugehörigkeit zu formalisieren). Kritiker wie Ben Davis argumentieren überzeugend, dass die zeitgenössischen Künstler – die vermeintlich frei arbeiten, in Wahrheit aber permanent damit beschäftigt sind, ihre sozialen Verbindungen in der Kunstwelt für ihre Reputation und ihr Einkommen zu nutzen – nun die bürgerlichen Vorbilder schlechthin sind. Sie beweisen, wie man Kreativität monetarisiert. Dass das Künstlerleben trotz allem eine vage rebellische Aura behält, verleiht den demoralisierenden Bedingungen des Neoliberalismus ein wenig Glamour. Wie ein Künstler sollst du von dem eben, was du gerne tust – und darunter leiden wir alle. 

Dass die Künstlerkritik am Kapitalismus den Neoliberalismus begünstigt haben könnte, bedeutet nicht unbedingt, dass man sie ins Gegenteil wenden sollte. Nur allzu leicht erkennt man in dem herabgewürdigten Bild des Künstlerlebens – mit den instabilen sozialen Beziehungen, der Selbstausbeutung, dem Kampf ums Überleben – eine gerechte Strafe dafür, die Annehmlichkeiten des konventionellen Familienlebens verweigert zu haben, jenes „sicheren Hafens in einer herzlosen Welt“, wie es der Gesellschaftskritiker Christopher Lasch wehmütig genannt hat. 

In ihrem Buch „Family Values“ schrieb die Politikwissenschaftlerin Melinda Cooper 2017: „Die Vorstellung, die durch neoliberale Reformen eingeführten flexiblen Arbeitsverhältnisse hätten irgendwie auch die langfristigen Verpflichtungen als Lebenspartner und Eltern zerstört, ist bei linken Gesellschaftstheoretikern, die sich mit den Auswirkungen der Spätmoderne auf die persönlichen Leben beschäftigen, allgemein verbreitet.“ Diese Theoretiker meinten, dass die alternative Kultur gerade dadurch, dass sie zum Beispiel freie Liebe versprach, alle Gefühle kommerzialisierbar gemacht habe, und letztlich die Liebe als Ganzes verloren gegangen sei. Ganz ähnlich seien auch die Künstler Schuld daran, die ihre Kreativität von einem Ausdruck der Selbstverwirklichung zu einem Produkt gemacht haben. 

Allerdings wurde die Familie in den 60er Jahren nicht, wie es der Neoliberalismus suggeriert, im Namen eines possessiven Individualismus so heftig kritisiert, sondern um die Zwänge auf das Intimleben zu reduzieren, was mit einem umfassenden sozialen Sicherheitsnetz einhergehen sollte. Nach dem Krieg wurde so ein Netz jedoch nie vollständig installiert, und das große Projekt einer neuen Intimität wurde letztlich mitdiskreditiert. Es war einfach, die Gegenkultur der Jugend als elitär und abgehoben, und ohne Bezug zu den sich gegenseitig immer weiter verstärkenden Auswirkungen von Rassismus und Armut darzustellen. Bisweilen galt sie sogar als mitschuldig daran, weil ihretwegen die schon schwachen traditionellen Formen sozialer Unterstützung und öffentlicher Sozialhilfe gekürzt oder überhaupt abgeschafft worden waren. Die Wende nach Innen, die Wende zum „menschlichen Potential“, verwandelte sich in den 70er Jahren schnell in unternehmerische Anstrengungen mit dem Zweck, das Humankapital zu maximieren und sich nicht nur von der traditionellen Familie zu verabschieden, sondern überhaupt von gesellschaftlichen Verpflichtungen. 

 

„Die fordistische Klassenpolitik war insofern eine Form der Identitätspolitik, als sie den weißen Ehemann zur Grundvoraussetzung voller sozialer Sicherheit erklärte.“ (Melinda Cooper)

 

In Kritiken wie der von Boltanski und Chiapello entdeckt Cooper letztlich eine konservative Nostalgie, die „als notwendiges Element einer neuen linken Politik die Wiederkehr der Familie wie im Fordismus (oder zumindest eine Neuauflage davon) fordert“. So tue man laut Cooper nichts gegen den Neoliberalismus. Im Gegenteil, man ergänze und vollende ihn. Cooper behauptet, dass der Neoliberalismus, wenn er den Sozialstaat erfolgreich abbauen will, zugleich die Grenze der kollektiven Verantwortung bei der Familie ziehen muss: Eltern sind verantwortlich für ihre Kinder, die im Gegenzug verantwortlich für deren Altersversorgung sind. Die Gesamtgesellschaft hat unter diesem Blickwinkel keine Verantwortung für das Wohlergehen ihrer einzelnen Mitglieder. Außerhalb der (nach weißen, heterosexuellen Normen geformten) Familie sollten die sozialen Beziehungen wie Marktbeziehungen rein vertraglich sein. Ihre Basis soll nicht Solidarität, sondern gegenseitiger Nutzen sein. Wenn die Familie also über der Gesellschaft steht, dann folgt daraus, dass das Familienerbrecht gestärkt, Vermögensteuern abgeschafft und die Einkommensumverteilung beendet werden müssen. 

Im Kern widerspricht der Neoliberalismus also nicht den Werten einer stabilen Familie und stabiler Verbindungen – ob diese nun in einem linken Humanismus oder in einem rechtsgerichteten sozialen Konservativismus gründen. Jede Deutung des Kulturkampfs, der diese beiden für Antagonisten hält, liegt grundlegend falsch. Genauso falsch ist die Meinung, Identitätspolitik lasse sich der Klassenpolitik entgegenstellen, als ließen sich beide auf Lebensstile reduzieren. Cooper schreibt dazu: „Die fordistische Klassenpolitik war insofern eine Form von Identitätspolitik, als sie den weißen Ehemann zur Grundvoraussetzung voller sozialer Sicherheit erklärte“. Der Kulturkampf findet also statt, indem man Gräben zwischen Identitäts- und Klassenpolitik, zwischen Künstler- und Sozialkritik und zwischen kreativen und unkreativen Menschen erzeugt.

 

ROB HORNING ist Redakteur von Real Life und schreibt regelmäßig für The New Inquiry. Er lebt in New York.

 

– Dieser Textes erscheint in Spike Art Quarterly #56, erhältlich in unserem Online Shop –