EXHIBITION HISTORIES

Jeffrey Deitch über „Post Human“ von 1992/93
 Post Human Neue Formen der Figuration in der zeitgenössischen Kunst Deichtorhallen Hamburg 11.03.1993 - 09.05.1993  Künstler im Ausstellungsaufbau:  Angelika Leu-Barthel
 Paul McCarthy,  The Garden , 1991-92 Installationsansicht Deichtorhallen, Hamburg 1993 Photo: Wolfgang Neeb
 Suzan Etkin  Dryclean , 1990-91  Installationsansicht
 Karen Kilimnik Swan Lake, 1992 Installation view Deichtorhallen, Hamburg 1993 Photo: Wolfgang Neeb
 Meyer Vaisman, Untitled Turkey, 1992
 Doppelseite aus dem Ausstellungskatalog
 Doppelseite aus dem Ausstellungskatalog
 Doppelseite aus dem Ausstellungskatalog

Die Gruppenausstellung „Post Human“ stellte 1992 die Frage, wie Internet, künstliche Intelligenz und plastische Chirurgie den Menschen verändern. Ihr Kurator Jeffrey Deitch reist zurück in die Zukunft.

Meinen Essay für den „Post Human“-Katalog begann ich mit der Frage, ob wir die letzte Generation echter Menschen seien. Würde die unvermeidliche Fusion von Bioengineering, High-Tech-Bodybuilding, Schönheitschirurgie und Künstlicher Intelligenz das nächste Evolutionslevel einläuten? 

In einem Gespräch mit dem Künstler Josh Kline fiel mir auf, dass seine Arbeit einiges mit den Themen aus „Post Human“ zu tun hat. Ich fragte ihn, ob er je von der Ausstellung gehört hätte. Sie war an fünf Orten in Europa und dem Mittleren Osten zu sehen, aber nie in Amerika. Josh erklärte, dass er die Show nicht nur kennt, sondern auch einen der lange vergriffenen Kataloge hat. Es ist faszinierend zu sehen, dass einige meiner Vorhersagen aus „Post Human“ wirklich eingetreten sind und sich einige der interessantesten aktuellen Künstler – Ian Cheng, Camille Henrot, Josh Kline, Avery Singer, Hito Steyerl und Ryan Trecartin – mit diesen Konzepten beschäftigen, als Mitgestalter und Chronisten.

Ich suche immer nach Überschneidungen zwischen Trends in Kunst und Gesellschaft. Künstler haben eine verblüffende Fähigkeit, gesellschaftliche Entwicklungen vorherzusehen. Matthew Barney, Jeff Koons, Christian Marclay, Charles Ray, Cindy Sherman und andere aus „Post Human“ haben das biologische Zeitalter vorausgeahnt. Ihre Arbeit hat viel von dem vorweggenommen, was heute alltäglich geworden ist.

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Die Ausstellung entwickelte sich aus einem Projekt mit dem Arbeitstitel „The Conceptual Figure“. Ich fand es sehr interessant wie Koons, Robert Gober oder andere, deren Arbeiten ich in den frühen 90ern verfolgte, einen konzeptuellen Ansatz in die Figuration brachten. Ich suche immer nach provokanten Titeln, die dabei helfen können, das Thema einer Ausstellung aus der Kunstwelt hinaus in die breitere Öffentlichkeit zu tragen. In meinen Themenausstellungen ist es mir wichtig, dass die Künstler nicht nur theoretisch, sondern auch tatsächlich miteinander in Verbindung stehen. Die meisten der Künstler in „Post Human“ kannten sich und waren in einem aktiven Dialog miteinander. Es war eine der ersten Ausstellungen, in der Damien Hirst neben Amerikanern wie Barney oder Koons gezeigt wurde. Es war auch eine der ersten Präsentationen der in Los Angeles arbeitenden Künstler Paul McCarthy und Charles Ray in Europa. An jedem der fünf Orte haben wir etwa zwei Wochen an der Installation gearbeitet, und jedes Mal entstanden daraus spannende Diskussionen.

Im Lauf meiner Kuratorentätigkeit habe ich gelernt, dass Vermittlung fast genauso wichtig ist wie die Ausstellung selbst. Ich wollte „Post Human“ auch zu einer lebendigen Erfahrung für ein Publikum machen, das sie nicht sehen konnte. Gemeinsam mit dem Grafiker Dan Friedman entwickelte ich ein Ausstellungserlebnis in Buchform, einen visuellen Essay, der eine Kunst- und nicht nur eine Leseerfahrung oder Dokumentation sein sollte. Viele haben „Post Human“ gesehen und sie wurde viel besprochen, aber es war dem Katalog zu verdanken, dass die Ausstellung und ihre Botschaft in den Kunstdiskurs eingingen.

„Post Human“ eröffnete 1992 in einem Privatmuseum in Lausanne und reiste dann weiter ins Castello di Rivoli in Turin, in die Deichtorhallen Hamburg, die Deste Foundation in Athen und ins Israel Museum in Jerusalem. In den frühen 90er Jahren waren Ausstellungen dieses Umfangs selten, daher kamen Besucher aus ganz Europa. Die Berichterstattung auf Arte brachte enorme Aufmerksamkeit. Das inspirierte mich viele Jahre später, die Reality TV-Show „Artstar“ zu entwickeln.

Was wird wohl passieren, wenn selbstfahrende Autos Taxi- und LKW-Fahrer überflüssig machen. Interaktive Online-Lectures von unterhaltsamen Starprofessoren könnten die Jobs von tausenden Lehrern vernichten. Mit Big Data verbundene Computerscans können vielleicht bessere Diagnosen liefern als erfahrene Ärzte. Roboterfabriken könnten Facharbeiter unterbieten und Millionen Menschen arbeitslos machen, auch in Entwicklungsländern. Werden Regierungen die Menschen davon abhalten können, ihre liebsten Sport- und Filmstars mit gestohlener DNA zu klonen? Sogar die genmanipulierten und elektronisch verbesserten Post Humans könnten Probleme haben, Jobs zu finden. „Künstler“ könnte möglicherweise einer der wenigen sicheren Berufe sein, die übrig bleiben, aber vielleicht werden technologische Innovationen und Computersimulation die interessanteren und aufregenderen Bildwelten schaffen. Die posthumanistische Zukunft wird vielleicht noch viel komplexer als wir ahnen.

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Aus dem Amerikanischen von Ruth Ritter

POST HUMAN, 1992/93, FAE Musée d'Art Contemporain, Lausanne; Castello di Rivoli, Turin; Deichtorhallen, Hamburg; Deste Foundation, Athen; Israel Museum, Jerusalem

JEFFREY DEITCH (*1952 Hartford, CT) ist Kurator, Autor, Berater und Galerist. 1996 eröffnete er in Soho, New York, Deitch Projects, wo bis 2010 legendäre Ausstellungen stattfanden. 2011 ging er nach Los Angeles, wo er zum Direktor des Museum of Contemporary Art ernannt wurde. 2013 kehrte er zurück nach New York.

Dieser Text ist in der Printausgabe Spike Art Quarterly N° 47 erschienen und kann im Online-Shop bestellt werden.