Installation Shot

Eine Ausstellungsfotografie von Manfred Pernice: dosen, cassetten, Zeugs
 Foto: Markus Wörgötter

Die Spike-Redakteure Timo Feldhaus und Kolja Reichert diskutieren über eine Ausstellungsfotografie von „Manfred Pernice: dosen,cassetten,Zeugs“ in der Galerie Nächst St. Stephan Rosemarie Schwarzwälder im Winter 2015 in Wien

TIMO FELDHAUS: Muss man heute eigentlich noch vor Ort sein, um eine Ausstellung zu besprechen?

KOLJA REICHERT: Natürlich! Gerade bei Manfred Pernice – jemand, der von Künstlerkollegen für seine Präzision in der Anordnung von Objekten im Raum verehrt wird. Meinst Du ernsthaft, das könnte man auf Fotos erfassen?

FELDHAUS: Sicher findet sich genau in dieser Situation nach wie vor ein großes Potenzial für konkrete Erfahrung, Zeit-Raum-Objekt-Verschmelzung und dass da eben vor Ort irgendetwas Echtes stattfindet. Auf der anderen Seite habe ich den Eindruck, dass gerade heute Zeit ist anzuerkennen, dass es stets unterschiedliche, aber gleichberechtigte Formate und Kontexte sind, in denen ich etwas anschaue. Es gibt den Pernice-Exegeten, der sich das am Bildschirm anschaut, den Kunstbeginner, der sich ganz lange durch den Ausstellungsraum tastet und ein anderer hat zuvor schon achtzehn andere Ausstellungen gesehen und sprintet auf einem Augen blind im Obrist-Style durch: Immer passiert etwas, immer vielleicht etwas anderes. Alle haben verschiedene Möglichkeiten zu dem Werk in Beziehung zu treten.

REICHERT: Die Gleichwertung ist interessant, gerade heute, wo wir ständig über Ausstellungen in New York oder London urteilen, ohne da gewesen zu sein – und man aber auch manchmal den Eindruck gewinnen kann, der Installation-Shot sei das eigentliche Werk, das Künstler und Galerie weiter verwerten können. Die physische Wahrnehmung ist ja heute genauso von der fotografischen gesättigt wie umgekehrt. Aber dann lass’ uns das ernst nehmen und statt der Ausstellung dieses Foto besprechen. Was passiert hier?

FELDHAUS: Auf dem Bild sind zwei zylindrische, vom Fotografen abgeschnittene farbige Objekte zu sehen. Rechts eine Art Weihnachtsbaum mit einem Betonsockel. Mich würde interessieren: Wo findet sich denn jetzt genau diese unfassbare Pernicesche Präzision?

REICHERT: Die lässt sich nicht in einzelnen Objekten fassen, sondern darin, wie sie zueinander in Beziehung gesetzt sind. Dieser unregelmäßige Schatten lässt ahnen, dass der Betonsockel nicht plan auf dem Boden steht. Die Stahlstange ist unten oxidiert .... Die Objekte stehen nicht für, sondern neben sich. Pernice schafft Gesten, die sich selbst aufheben. Wie hast Du es denn erlebt? Im Gegensatz zu mir warst Du ja in der Ausstellung.

FELDHAUS: Ich muss mich trotzdem fragen, was daran jetzt so toll sein soll, dass der angesengte Eisenbaum nicht ganz ebenerdig aufgestellt ist. Im Pressetext der Ausstellung ist auch die Rede von „Gebilden, die im Raum Stellung beziehen“. Was soll denn das eigentlich heißen? Mir sagt das Werk ganz im Gegenteil: Desorientierung, Standpunktlosigkeit, Nicht-Stellung als Methode. Ich sehe auch eher Verpeilung als die berühmte Peilung, über die Pernice immer spricht. Einerseits ist da dieses Spiel mit dem Dilettantismus, das angezeigte Scheitern, die Holprigkeit usw., aber gleichzeitig, genau wie du es gerade angedeutet hast, auch die große alte geniale Zauberkraft des Künstlers, der Alltagsdinge sortiert, ordnet und in den Raum zu stellen weiß, so dass sie etwas Neues, eben Kunst, erzeugen. Und die standardisierte Welt entblößt oder aufzeigt, indem er ihr Bedrohtsein durch Verdosung hier als eigene Neuverdosung aufführt. Ich finde die Sprache und auch die Blicke, die auf Pernices Werk geworfen werden, sind total durchmystifiziert.

REICHERT: Aber es ist doch eigentlich umgekehrt. In der Ausstellung findet die singuläre, wirkliche Erfahrung statt. Es ist die Abstraktion der Fotografie, die erst die Mystifizierung befördert, wie Brian O’Doherty in „Inside the White Cube“ (1976) aufzeigte. Wenn du dich durch „Contemporary Art Daily“ scrollst, vollziehst du eine fortwährende Abstraktionsleistung. Wer noch nie in einer Kunstausstellung war, kann die Fotos nicht lesen. Nur die wiederholte Erfahrung des Durchschreitens eines Raums mit seinen skulpturalen Setzungen erlaubt es deinem Körper überhaupt, diese Bilder zu deuten.

FELDHAUS: Hier auf unserem Bild erkennt man einige Blätter mit Text an der Wand. Sie lassen sich auf dem Foto nicht lesen. Andererseits erinnere ich mich, die in der Ausstellung gelesen zu haben, ich konnte damit aber nichts anfangen, sofort vergessen, weitergelaufen. Das ist genau wie mit der Holsten-Dose da am Weihnachtsbaum, da verstehe ich ja auch nicht warum sie da hängt und plattgefahren ist. Aber ist ja auch ok.

REICHERT: Wo siehst du eine Holsten-Dose? Ich sehe eine Kaiser-Dose. Ist doch verrückt, dass man sich in der Ausstellung Details oft ganz falsch merkt. Da funken die Schubladen der Sprache dazwischen, und die eigene Linse ist vollgestopft mit fotografischen Bildern. Mir helfen dann manchmal gerade Handyfotos, die Erinnerung zu überprüfen. Täusche ich mich eigentlich, oder ist der Fotograf hier in die Knie gegangen? So schaut doch niemand, oder?

FELDHAUS: Er hat ein Stativ benutzt und unsere Wahrnehmung ist nun ganz hart gelenkt, ja.

REICHERT: Das verändert die Proportionen der Arbeiten. Etwas stimmt auch mit den Achsen nicht. Das hat doch alles einen Drall nach rechts. Ich frage mich auch, wo bleibt die Institutionskritik von Künstlerseite, die sich mit der Durchdringung der Gegenwartskunst durch die Ausstellungsansicht beschäftigt? Die Objekte einer Ausstellung haben ja immer ihr eigenes Vorhandensein im Raum zum Thema. Dagegen misst sich die Qualität einer Ausstellungsfotografie daran, wie sehr sie die Kamera vergessen lässt. Der Gegensatz könnte kaum größer als sein als hier bei Pernice, und dass das hier nicht aufgeht, macht dieses Foto zur besten der 15 Ausstellungsansichten. Es ist so tipsy wie die Arbeiten, die es zeigt. Oder die Arbeiten haben die Kamera aus der Selbstbeherrschung befreit.

"Manfred Pernice: dosen,cassetten,Zeugs", Galerie Nächst St. Stephan Rosemarie Schwarzwälder
19.11.2014 – 22.1.2015