Interview: Armen Avanessian

Zorn der Zeit
 Armen Avanessian Foto: Dirk Skiba
 Illustration von Andreas Töpfer 
 Illustration von Andreas Töpfer 
 Illustration von Andreas Töpfer 

Wie kann Theorie in der Welt wirksam sein? Für Armen Avanessian nur durch Beschleuni­gung. Mit Büchern und Konferenzen zu Akze­lerationismus und Spekulativem Realismus versucht er das philosophische Denken aus den Beschränkungen der Universität zu be­freien und die Linke auf Augenhöhe mit dem Finanzkapitalismus zu bringen – neuerdings auch mit Mitteln des Kunstfilms. Was ver­spricht sich der Philosoph von der Kunst?


In der taz hast du dich kürzlich sehr desillusioniert über die zeitgenössische Kunst geäußert: „Sie ist der Wegbegleiter des spekulativen Finanzkapitalismus“, „vollkommen orientierungslos und durch ständig leerlaufende Innovationen bestimmt.“ Ich habe fast den Eindruck, du bist in die Kunst hinein und rennst jetzt schimpfend wieder hinaus, genau wie zuvor durch die Universität.

Ganz und gar nicht. Unsere Generation an Philosophen und Theoretikern ist die erste, die offenen Auges in das Kunstfeld hineingeht. Die Stichwortgeber der letzten drei, vier Jahrzehnte waren jeweils 10 Bücher und 80 Jahre alt, erst dann wurden sie nachträglich in der Kunstwelt populär. Zuletzt Alain Badiou, vor zehn Jahren Jacques Rancière. Die Spekulativen Realisten und Akzelerationisten dagegen sind eher aus meiner Generation und haben zu 80 % keinen Job an der Universität. Wir sind also von Beginn an mit dem Kunstfeld konfrontiert und müssen dort konstruktive Wege finden, auch für unsere Produktion.

Wo liegen die Probleme im Kunstfeld?

Die so genannte Post-Internet-Generation etwa hatte ein Potenzial, das sie nicht genutzt hat. Das Projekt ist gescheitert, weil sie sich wieder nur als marktgängige museums- und galerieförmige Kunst geriert, die weiterhin über dieselben Kanäle läuft. Ich möchte vermeiden, dass mit der Theorie das Gleiche passiert. In der Kunst wie in der Theorie geht es nicht einfach um diesen oder jenen Inhalt, es geht darum, und daran messe ich auch die Politizität einer Praxis, dass sich die Sprecherpositionen verschieben und Unvorhergesehenes passieren kann.

Der Kulturwissenschaftler Philipp Felsch schreibt in seinem Buch „Der lange Sommer der Theorie“ die Theorie sei tot, sie zappelte nur noch ein bisschen im Kunstfeld.

Das würde ich nicht unterschreiben. Und ich bereue auch nicht, mit der Kunst zu arbeiten. Das Schönste an der Kunstwelt ist, dass man im Gegensatz zu den Akademikern zumindest noch den Eindruck hat, dass es den Leuten Spaß macht. Es ist genauso korrupt, aber man hat gemeinsam mehr Freude. Bei vielen Kooperationen mit Künstlern oder Kuratoren steht am Anfang der Wunsch, die Künstler mit den Philosophen auf ein Podium zu setzen oder Katalogtexte zu verfassen, aber beides bediene ich nicht. Ich arbeite lieber über längere Zeiträume mit Künstlern, damit etwas Neues entstehen kann.

Man kann nicht beim Kritisieren aufhören.

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Du scheinst einen Großteil deiner intellektuellen Energie aus der Wut zu beziehen, vor allem in deinen Büchern über die Universität.

Ich finde Zorn gut. Das Problem der meisten Leute ist, dass er zu Ressentiments führt, bei mir führt er zu guter Laune und Produktivität.

Ist das die Wiener Herkunft, der Einfluss Thomas Bernhards?

Der hatte es zu sehr mit dem Raunzen. Es ist eine der grundlegenden Fragen Spinozas: Produziert man freudige oder traurige Affekte? Produziert man Ressentiments oder neue Konnektionen, die einen weiter wachsen lassen? Die Künstlerin Hito Steyerl hat für mich etwas sehr Wichtiges gesagt, sinngemäß meinte sie: "In der Kunstwelt wird ständig alles politisch thematisiert, es kann nicht weit genug weg sein, aber die eigenen Arbeitsbedingungen bleiben außen vor.“ Das ist ein zentraler Satz, das ist ein politischer Imperativ.

Welche Formen von Widerstand funktionieren denn heute?

Wir merken gerade, dass die Politik, der Gang durch die Institutionen, die Illusion, dass man politisch-theoretische Texte schreibt, die dann eine Wirkung haben, keine fruchtbaren Modelle mehr sind. Grob gesagt, geht es um das Verstehen, Umprogrammieren und Manipulieren der vorhandenen technologischen Bedingungen. Vielleicht sind wir alle Sleeper in unseren respektiven Feldern und müssen aufwachen, uns aktivieren und dabei gegenseitig helfen. Für mich sind Theorie und Praxis nicht getrennt. Ich habe dazu letztes Jahr in Berlin eine Summer School veranstaltet.

Von ihr handelt ja unter anderem der Film „Hyperstition“, den du zusammen mit dem Künstler Christopher Roth gemacht hast. Da ist mir etwas aufgefallen, gerade wenn es um das Verhältnis von Theorie und Praxis geht. Es gibt eine Szene, wo einige Teilnehmer der Summer School im Merve-Verlagshaus sitzen und erzählt wird, dass in Kreuzberg gerade die Polizei ein Haus belagert, in dem sich Flüchtlinge verbarrikadiert haben. Daran möchte man dann irgendwie teilnehmen. Was im Film davon übrig bleibt, ist ein Theoretiker, der in der Nähe dieses Hauses stehend etwas über eine Theorie erzählt – was überhaupt nichts mit dem zu tun hat, was dort gerade stattfindet.

Dieses Ungenügen, das Scheitern und die Überforderung, die im Kern aller intellektuellen Unternehmungen stehen, wollten wir ja auch zeigen. Dass es gar nichts mit der Situation zu tun hat, würde ich aber nicht sagen. Steven Shaviro denkt darüber nach, dass wir nicht wissen können, was in den nächsten Minuten passieren kann, aber es gibt eine bestimmte Kontingenz, wenigstens eine Erinnerung daran, dass die Gegenwart nicht völlig von einer vollautomatisierten Zukunft vorherbestimmt ist.

In einem Text, den du über Flüchtlinge in der ZEIT geschrieben hast, verwendest du den Begriff  "tatsächliche Lösung“. Was meinst du denn damit?

Ein wichtiges Kriterium ist, ob man versucht Probleme lokal zu lösen, wo sie nicht zu lösen sind, oder ob man sie im Sinne des Akzelerationismus mit einer globalen Dimension verbindet. Neben der Klimafrage ist die Flüchtlingsproblematik eine, die uns die gesamte politische System- und Ökonomie- frage stellt. Ich glaube, dass wir gar nicht mehr in dem sogenannten politischen Kapitalismus leben, sondern in einem Finanzfeudalismus, in dem in postdemokratischer Manier Wahlen abgehalten werden.

Schon mal selbst einem Flüchtling geholfen?

Ja. Ich bin Halb-Armenier. Flüchtlinge waren für mich nie das exotische Andere oder Fremde.

Also du hast dir schon einmal selbst geholfen?

Wie du in dem Film gesehen hast, ist diese Frage "machst du wirklich, machst du persönlich" oder "machst du nur Theorie", an sich falsch. Natürlich sollte jeder helfen, aber inwieweit führt das zu einer bestimmten Ideologie, wie Slavoj Žižek in dem Film sagt, die zur Abschaffung der Theorie führen soll? Wahrscheinlich würde mein Vater heutzutage gar nicht mehr herkommen dürfen, weil für unsere Politiker die Situation in Teheran für eine christliche Minderheit nicht schlimm genug ist.

In dem Moment, in dem man seinen Körper, seine Augen und Hände wirklich ins Spiel bringt, verändert sich sehr viel. Siehst du dich eigentlich als engagierten Intellektuellen?

Ja. Ich kämpfe jeden Tag so gut ich kann gegen die Kartelle im Kunstbereich und im Akademischen, und zwar mit persönlichem Einsatz, nicht nur als Schreibtischkritiker. Aber das genügt natürlich noch nicht. Jetzt erzähle ich dir ein exklusives Geheimnis: Nächstes Jahr werde ich vor aller Augen einen Intelligence Service, einen Geheimdienst der neuen Art gründen, das wird fulminant. Mehr darf ich darüber aber aktuell noch nicht sagen.

Warum bist du kein Zyniker?

Zynismus ist, wenn ich Peter Sloterdijk richtig erinnere, das aufgeklärte falsche Bewusstsein. Dass man also Dinge weiterhin falsch macht, zum Beispiel im Kunstbetrieb, auch wenn man weiß, dass es falsch ist. Statt auf Dialektik und kritische Reflexion setze ich auf Rekursion: Ich muss neue Elemente in mein Denken und meine Praxis einführen, die die Teile und das Ganze verändern. Die Rekursion ist die Praxis meiner Spekulativen Poetik, ich arbeite ständig mit anderen, ich versuche sie und mich zu verschmutzen, zu verfremden und zu manipulieren. Das Ergebnis ist, es kommt etwas anderes dabei heraus, das ist zentral. Es geht nicht darum, sich durch abstraktes Denken den Kopf zu zerbrechen.

Nicht anders wahrnehmen und denken ist das Ziel, sondern anders machen (poiesis), sonst landet man automatisch im ästhetischen Zynismus.

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Du bist überzeugt, unsere Gegenwart würde maßgeblich von der Zukunft bestimmt. War das denn jemals anders? Warum ist das aktuell ein Thema?

„Die Vergangenheit ist unvorhersehbar“. Aufgrund dieses Satzes von Quentin Meillassoux habe ich überhaupt angefangen, mich für Spekulative Theorie zu interessieren. Heute glauben die meisten Leute wir hätten Schwierigkeiten, die Kontrolle zu gewinnen, weil alles so schnell geht. Meine Hypothese ist aber, dass sich das Wesen der Zeit massiv verändert hat, und wir haben noch nicht gelernt mit dieser Asynchronität umzugehen, dass die Zeit gar nicht aus der Vergangenheit kommt, sondern von der Zukunft her auf uns zusteuert. Natürlich kann man sagen, Preise waren schon im- mer Annahmen über die Zukunft, die dann rückwirkend die Gegenwart beeinflusst haben. Aber ich denke, wir leben voll- ständig in einem derivativen Paradigma, die Struktur und der Rhythmus von algorithmic high frequency trading bestimmen unsere Zeit. Die Frage ist, welche Agency wir Künstler und Philosophen unter diesen Bedingungen noch haben.

Kann es eigentlich sein, dass du an einer Krankheit leidest, die Gegenwartseitelkeit heißt oder Neo-Manie? Als Zeitgenosse meint man, seine eigene Zeit wäre die bedeutsame, man würde einen exponierten Platz in der Geschichte einnehmen, an dem die Dinge sich dramatisch zuspitzen – allerdings stimmt das im seltensten Fall.

Ich denke überhaupt nicht, dass unsere Zeit besonders bedeutend ist. Aber man muss sehen, dass der Nachkriegskapitalismus rheinischer Prägung und mit ihm die uns bekannte politische Ökonomie schlichtweg nicht mehr funktionieren. Wir haben keine souveränen Nationalstaaten mehr, die Bevölkerungen sind mehr und mehr in Bewegung, und keiner kann mehr ernsthaft glauben, dass sich die Märkte selbst regulieren oder der Kapitalismus notwendig von Demokratie begleitet ist. Nach Frankreich im 18. und England im 19. Jahrhundert versuchen heute die USA verzweifelt die hegemoniale Schutzmacht des Kapitalismus zu bleiben. Die nächsten Jahre werden zeigen, ob etwa die digitale Revolution dazu führt, dass sich das System noch einmal neu organisiert und stabilisiert oder ob es endgültig vorbei ist mit der kapitalistischen Ökonomie.

Ist nicht die Figur des Zeitdiagnostikers eine ähnlich problematische, melancholische, lächerliche Figur wie die des Künstlers?

Ich mache keine Zeitdiagnosen, sondern versuche mit den Plattformen des Forschens von der Zukunft her zu arbeiten. Ich versuche nicht, Denkprobleme zu sehen, sondern praktisch etwas zu produzieren. Man kann die Gegenwart nur aus der Zukunft verändern.

Aber du kannst doch nicht immer, wenn ich Gegenwart sage, sagen, dass du in die Zukunft schaust.

Was für ein Zeitverständnis hast du? Da spricht doch der Kunstkritiker aus dir mit seinem Phantasma einer prallen Wirklichkeit oder eines emphatischen Jetzt! Ich sehe darin wirklich das Problem der durchästhetisierten Wirklichkeit, in der wir leben. Die Idee, dass es ein volles emphatisches ganzes Jetzt gibt, das uns der erfahrungssüchtige Kapitalismus ständig vorgaukelt, das wurde und wird ideologisch vorgedacht im ach so kritischen Konzept der ästhetischen Erfahrung. All die ästhetisierte Ausstellungskunst auf den Messen und Biennalen finde ich deswegen pure Ideologie. Das bedeutet aber nicht, dass Künstler lächerlich sind. Es gibt immens interessante Kunst, die sich den kritischen Einschränkungs- versuchen des zeitgenössischen Kunstmarkts nicht mehr beugt sondern andere spekulative Horizonte entwirft.

Was könnte es Neues geben nach dem Kapitalismus und nach der zeitgenössischen Kunst?

Mit Suhail Malik arbeite ich gerade an einem präziseren kognitiven mapping unserer post-contemporary condition. Das ist genau unsere Frage, was nach der zeitgenössischen Kunst kommt, die genau jene zeitliche Logik des spekulativen Finanzkapitalismus kennzeichnet, in der jede zukünftige Gegenwart auf eine vorberechnete gegenwärtige Zukunft reduziert wird. Denn genau das hat uns letztlich sowohl der Gegenwart als auch der Zukunft beraubt.—

TIMO FELDHAUS ist Autor und Spike-Redakteur. Er lebt in Berlin.

 

Zuletzt erschien im Merve Verlag das Buch „Der Zeitkomplex: Postcontemporary“ (2016) von Armen Avanessian und Suhail Malik (Hrsg.).

Discreet ist ein neuartiger Geheimdienst entwickelt von Armen Avanessian und Alexander Martos in Kollaboration mit Christopher Roth und einer Bühne von Markus Miessen. Als Beitrag der 9. Berlin  Biennale für zeitgenössische Kunst versammelt er Experten aus Kunst, Theorie, Technologie, Politik, Recht, Hacktivism und Kapitalwesen. Discreet findet vom 22. Juni bis zum 11. Juli in der Akademie der Künste, Berlin statt. 

Coming soon: Art Leak 3000, ein Online-Forum, in dem anonym und dadurch frei über Kunst geschrieben wird. Es ist eine künstlerische Initiative von Spike, die auf Einladung von Discreet entwickelt wurde. 

 

Dieser Text ist in der Printausgabe Spike Art Quarterly N° 46 erschienen und kann im Online-Shop bestellt werden.

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