Portrait Ian Cheng

 Thousand Islands Thousand Laws, 2013  Live-Simulation, Ton, Dauer unbegrenzt Courtesy of the artist, Pilar Corrias Gallery, Standard (Oslo)
 Emissary in the Squat of Gods, 2015 Installationsansicht Standard (Oslo) at Frieze Art Fair New York, 2015 Courtesy of the artist and Standard (Oslo) Photo: Dawn Blackman
 Still from Emissary Forks At Perfection, 2015 Live simulation and story, sound, in nite duration Courtesy of the artist, Pilar Corridas Gallery, Standard (Oslo)
 Installation view “Co-Workers: Beyond Disaster”  Bétonsalon – Centre for Art and Research, Paris 2015 Photo: Aurélien Mole
 Something Thinking of You, 2015,  Live simulation and story, sound, in nite duration
 Still aus Emissary in the Squat of Gods, 2015 Live-S imulation and S tory, Ton, Dauer unbegrenzt Courtesy of the artist, Pilar Corrias Gallery, Standard (Oslo)

Figuren fallen durcheinander, Kraniche fliegen auf, halb fertig gerechnete Hunde streunen durch zerfetzte Computerspiel-Landschaften. Egal wie lange man vor den Videoinstallationen von Ian Cheng steht, man kommt der Logik des Geschehens nicht auf die Spur. Auch der Künstler selbst weiß vorher nicht, wie sich seine Simulationen entwickeln werden. Er legt nur die Parameter fest: ein virtuelles Ökosystem und Charaktere, die teils nach Skript agieren, teils per Zufall. Die Arbeiten scheinen vor allem mit sich selbst beschäftigt zu sein, und das wirft einige Fragen auf. Gianni Jetzer traf den in New York lebenden Künstler zum Gespräch.

Gianni Jetzer: Du hast Kognitionswissenschaft studiert bevor du dich entschieden hast, Künstler zu werden. Wissenschaftler wie Künstler stellen sich große Fragen, zum Beispiel: Wie ist die Wirklichkeit strukturiert?, oder: Wie kann Technologie die Gesellschaft voranbringen? Ist es ein Vorteil, beide Seiten zu kennen?

Ian Cheng: Die Kognitionswissenschaft steht immer im Hintergrund meiner Arbeit. Ich interessiere mich nicht so sehr für die Frage wie man die physische Realität verändern kann, sondern eher dafür, wie man Kunst einsetzen kann um das Bewusstsein auszutricksen. Ich habe ja auch Kognitionswissenschaft studiert, um zu verstehen, wie das Verhalten und das Denken von Leuten funktioniert. Nach dem Abschluss konnte ich mir aber schwer vorstellen in einem Labor zu verschwinden und mich für den Rest meines Lebens mit ein oder zwei Forschungsfragen zu beschäftigen. Die Idee fand ich ziemlich unheimlich und weltfremd. In der Kunst kann man sich seine Fragestellungen selbst aussuchen, egal wie anmaßend sie sind. Kunst legitimiert sich darüber, welche Perspektiven sie anbieten kann, egal wie experimentell oder fantastisch sie auch sein mögen, und das gibt einem als Künstler viel mehr Freiheit.

Jemand hat über deine Arbeit geschrieben, sie spiele in einem „Neuro-Gym“. Kannst du damit etwas anfangen?

Ja, der Satz ist nämlich von mir (lacht). Am liebsten mag ich Arbeiten, die bei mir direkt ein Gefühl oder eine Stimmung auslösen, die hängen bleiben. Auch wenn die Arbeit voller komplexer Konzepte und Perspektiven ist, ist dieser Eindruck der Schlüssel. Wenn ein Kunstwerk ein körperliches Gefühl hervorruft, ist es eher in der Lage auf der biologischen Ebene komplexe Ideen zu vermitteln. Ich will, dass meine Arbeiten auch so funktionieren. Mit „neurologischem Fitnessstudio“ meine ich, dass Kunst Geist, Bewusstsein und Gefühle des Betrachters trainieren kann. Kunst kann kaum Einfluss auf die materielle Welt nehmen, aber ich glaube dass sie nachhaltig Geist und Denken der Menschen verändern kann und ihr Verhältnis zur äußeren Welt.

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Wie kamst du dazu mit Computern zu arbeiten?

Für mich sind Computer zur Zeit einfach ein wichtiges Werkzeug und kulturelles Phänomen. Das grundlegende Material meiner Arbeit ist Verhalten, also „weiches“ Material. Um dieses Material herum sind meine Live-Simulationen organisiert. Es geht in ihnen nicht um materielle Aspekte der Installation, auch nicht um Computeranimation, sondern um den Versuch Verhalten zu beobachten, damit zu spielen und es zu gestalten. Die ganze Apparatur der Computersimulation erlaubt es einfach Verhalten schneller, einfacher, günstiger und vielfältiger zu komponieren. Vielleicht werde ich in zehn Jahren, wenn synthetische Biologie einfacher und billiger zu haben ist, mit echten Organismen arbeiten.

In der Kunst der 1980er hat der Begriff der „Simulation“ viel Verwirrung gestiftet. Künstler zitierten begeistert Jean Baudrillard, bis der Philosoph selbst erklärte, dass es sich um ein Missverständnis handle. Wie definierst du Simulation in deiner Arbeit?

Simulation heißt für mich, die volle Bandbreite der unterschiedlichsten Dynamiken des Lebens in ein geschlossenes System zu packen um einen Teil von ihnen anschaulich erforschen zu können. In einer Simulation legt man eine Reihe von Regeln und Prinzipien fest und überlässt es ihnen dann, sich zu entfalten. Bisher beruhte die Kritik an Simulationen auf der Unterscheidung zwischen einer simulierten, nicht-authentischen Welt und einer realen, authentischen Welt. Ich hasse diese Unterscheidung. Sie ist grundfalsch, schließlich kann der Mensch eh nie wirklich an den kompletten Strom der Realität andocken. Um überhaupt zu funktionieren, muss er Realität immer simulieren und das Leben in kuratierte Ausschnitte einteilen, sonst würde sein sensorischer Apparat kollabieren. Schau’ uns an: Wir führen ein Interview, sind also tief verbunden mit der Gegenwart dieses Gesprächs. Gleichzeitig sind wir von so vielen anderen Aspekten der Realität komplett abgeschnitten – unseren E-Mails, dem Hirshhorn Museum, unseren Familien, unserem Herzschlag, den Bewohnern von Washington, DC. Ein Mensch zu sein heißt, kleine Mikro-Ausschnitte der Wirklichkeit zu simulieren um sich zurecht zu finden und dann zur nächsten Simulation zu wechseln.Wenn man dieser natürlichen Gegebenheit, dass Realität immer gefiltert ist, im Kontext der Kunst eine Form und einen Namen gibt, kann man sie bewusst anerkennen und damit spielen.

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Kannst du ein Beispiel aus dem Leben nennen?

Wenn ich mit meinem Corgi spiele, bin ich in einer komplett simulierten Zone. Ich denke nicht mehr an meine Ängste oder Stress, und ich ho e, dass mein Hund sich auch nicht mehr um Futter, Spielzeug oder andere Menschen kümmert. Es gibt dieses Zitat von Philip K. Dick: „Die Realität ist das, was nicht verschwindet, wenn man aufhört daran zu glauben.“ Ich glaube das trifft es wirklich. Man kann nur jeweils ein kleines Stück Realität auf einmal begreifen, selbst wenn sie sich objektiv auf noch ganz anderen Wellenlängen abspielt, denen man keine Aufmerksamkeit schenken kann oder will. Das Beste, was wir für unsere Evolution tun können ist mehr Kontrolle über die Simulation zu gewinnen, in der wir gerade sind; und die Simulation zu wählen, die es uns am ehesten erlaubt mit der jeweiligen äußeren Realität zurechtzukommen.

Ein wichtiges Thema in der Konstruktion digitaler Identitäten ist das Konzept des Körpers. Digitale Körper sind fluid und flüchtig, sie altern nicht, sie scheinen keine Grenzen zu haben. Aber sobald man den Strom abschaltet, ist der Bildschirm schwarz.

Ich habe einen DNA-Test gemacht: Man spuckt in so ein Röhrchen, schickt es nach Kalifornien, und im Gegenzug erfährst du, was deine DNA über dich aussagt. Ich erfuhr dadurch, dass ich eine 49-prozentige Wahrscheinlichkeit habe, ab einem Alter von 75 an Alzheimer zu erkranken, was ziemlich hoch ist. Bei einem durchschnittlichen Amerikaner sind es ungefähr 17 Prozent. Bei Alzheimer erodiert das Gehirn, aber der Körper bleibt völlig intakt. Mein Körper wird immer noch aussehen wie ich, aber weil sich mein Gehirn zersetzt und damit die Kontinuität meiner Auffassung davon, wer ich bin, wer ich war und wer ich sein werde, und auch mein Verhältnis zu anderen, wird meine Identität verschwinden. Es ist egal, dass der Körper noch da ist. Ich bin nicht da, die Lichter sind aus. Es scheint, als wäre es nicht der Körper, der den Wert einer Person ausmacht, sondern ihre Kontinuität.

Der Körper ist also überbewertet?

... oder die Kontinuität unterbewertet. Sich an die Vergangenheit zu erinnern, zu wissen wie sie mit der Gegenwart in Verbindung steht und sich noch dazu die eigene Zukunft vorzustellen. Wenn du dir ein Foto von dir als Kind anschaust, dann ist kein einziges Atom des Körpers auf diesem Foto mehr existent. Physiologisch und materiell ist die Person auf dem Foto eine komplett andere. All diese Zellen – Hautzellen, innere Zellen, Gehirnzellen – sind weg, tot, ersetzt. Aber wir wissen, dass es eine Verbindung gibt zwischen diesem Kinderkörper und dem Organismus, der wir jetzt sind. Da ist eine Kontinuität. Vielleicht kann uns diese Perspektive helfen, moralische Argumente hinter uns zu lassen, wenn es um zukünftige Veränderungen des Körpers, des Geistes und dessen Vernetzung geht.

Wenn man den Fokus auf Kontinuität als Wert legt, erscheint die Zukunft plötzlich viel weniger von dystopischen und utopischen Klischees verstellt.

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Schauen wir uns ein Beispiel an: Wie hast du die Verhaltensweisen der Hauptfigur in „Emissary in the Squat of Gods“ (2015) entwickelt?

In der Arbeit gibt es fast 50 Figuren. Die Emissärin ist Hauptprotagonistin, aber auch Teil einer größeren Community. Alle anderen Figuren basieren auf einer sehr einfachen Intelligenz, die vom Videospiel „The Sims“ inspiriert ist – eins der ersten Spiele, das mit dem Konzept einer Intelligenz arbeitete, die nicht nur im Kopf angesiedelt ist, sondern auch in den umliegenden Objekten. Intelligenz beruht hier auf einer Beziehung mit dem Kontext und seinen sich verändernden Anforderungen, nicht auf einem platonischen Ideal innerer Klugheit. Eine KI-Figur hat eine Reihe von Bedürfnissen wie Hunger, Gesellschaft, die Gestaltung ihrer Umwelt und das Aufrechterhalten ihres Energielevels.

Wie funktionieren Grundbedürfnisse bei einer digitalen Figur?

Alle Objekte in der Umgebung, auch die Figuren, tragen Botschaften mit sich, die jeder anderen Figur eine Befriedigung ihrer Bedürfnisse anbietet. Wenn ich eine Wasserflasche sehe, sagt sie: „Trink mich, wenn du Durst hast!“ Alle Figuren in dieser simulierten Gemeinschaft bilden eine Art Gruppenintelligenz aus, die mit der Zeit zunimmt. Die Emissärin steht dagegen außerhalb des KI-Modells. Statt Bedürfnisse zu haben, für die sie Botschaften sucht, sind ihre Ziele erzählerischer Natur: auf einen Berggipfel steigen, einen Eimer kaufen, einen Schamanen aufsuchen. Diese Ziele simulieren ein Bewusstsein im Sinne eines Vermögens sich selbst narrativ in der Zukunft zu entwerfen, sobald man einem neuen Problem gegenüber steht. Weil sich aber die anderen KIs in ihrer Community reaktiv verhalten, nach ihren impulsiven Bedürfnissen, können sie die Emissärin von der Erfüllung ihrer Ziele abbringen. Es geht darum wie die beiden Kräfte sich gegenseitig formen und darum, wer gewinnt – wer sich unter welchen Bedingungen besser anpassen kann. Die Live-Simulation bietet eine Einsicht in diesen immerwährenden Prozess.

In deinen virtuellen Landschaften kollidieren zwei Ebenen kognitiver Evolution. Ziehst du auch eine Parallele zwischen der Geschichte der Kognition und dem erwachenden Bewusstsein von Maschinen?

Wenn künstliche Intelligenz richtig gemacht ist, muss es notwendigerweise eine Distanz geben: Wir können niemals wirklich wissen, was oder wie Maschinen denken, wie wir auch nie wirklich wissen werden, was ein Hund denkt. In meinem Lieblingsbuch, „Der Ursprung des Bewusstseins“ von Julian Jaynes, heißt es, dass die Menschen der Frühzeit die Bewusstseins-App nicht hatten. Sie waren nicht in der Lage sich die Zukunft narrativ auszumalen, stattdessen hörten sie halluzinierte Stimmen, die ihnen sagten, was zu tun war, wenn sie in Situationen kamen, für die sie keine Vorlage in der Gewohnheit oder Lebenserfahrung hatten. Stell’ dir eine Welt vor, wo sich jeder in deiner Nähe im Prinzip wie ein Schizophrener verhält und mit Stimmen spricht. Das klingt wie ein höllischer Ort zum Leben. Aber damals war es so normal wie für uns das Beantworten einer E-Mail. Und ich glaube, das Gleiche wird in Zukunft passieren, wenn künstliche Intelligenzen miteinander kommunizieren und wir mit ihnen. Das wird auch unser Selbstverhältnis verändern. Es ist wirklich schwer sich vorzustellen wie weit wir uns dann von unserem 2016er-Selbst entfremdet haben werden.

In der Science Fiction wird die künstliche Intelligenz oft bösartig. Wie weit würdest du bei der Schaffung künstlicher Intelligenz gehen?

Eines meiner Traum-Projekte ist mit einer künstlichen Intelligenz zu kollaborieren, und zwar nicht einfach nur, dass man sagt: „Diese Arbeit ist von Ian“, sondern zum Beispiel:

„Diese Arbeit ist von uns: Ian und der KI Sally“.

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Und man würde der Arbeit ansehen, dass es sich tatsächlich um eine Zusammenarbeit auf Augenhöhe handelt, so wie bei Fischli/Weiss oder John und Paul. Man würde erkennen, dass der Maschine als Entwickler der gleiche Status zukommt wie dem Menschen. Das zu erreichen, wäre für mich ein Traum: dass man der Maschine diese Legitimität zuspricht, nicht nur in der Produktion, sondern auch als Betrachter.

Wird die virtuelle Realität den Körper irgendwann obsolet machen?

Ich glaube, dass die virtuelle Realität den umgekehrten Effekt haben wird: Sie wird uns zu einem tieferen Verständnis für die physische Realität und den physischen Körper verhelfen; ein Verständnis dafür, wie seltsam er ist, wie sehr wir schon von ihm getrennt sind, wie bedeutungslos er ohne Kontext oder Lebensentwürfe ist. Wenn ich meine Zähne putze, denke ich nicht an die physische Empfindung des Zähneputzens. Stell’ dir vor, wie mühsam es wäre, beim Gehen über jeden Schritt nachzudenken. Virtuelle Realität zwingt uns, wieder bewusst über das Gehen nachzudenken oder über einfache Gesten wie das Koordinieren der Hand, wenn man die eigenen Zähne berührt. Mit der Zeit wird VR uns erlauben, die virtuelle Realität besser zu verstehen, der wir mit unseren biologischen Sinnen und der Verarbeitung der Sinnesdaten eh schon unterworfen sind. Sie wird einen schnelleren, direkteren und intelligenteren Weg bieten, den ganzen Problemen zu begegnen, die daraus entstehen, dass wir in einer wirklich schrägen Welt leben.

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GIANNI JETZER ist freier Kurator, Kritiker und arbeitet als Curator-at-large am Hirshhorn Museum and Sculpture Garden in Washington DC. Er lebt in New York.

IAN CHENG, geboren 1984 in Los Angeles. Lebt in New York. AUSSTELLUNGEN: Liverpool Biennial (kommenden Sommer), Migros Museum, Zürich (solo); Suspended Animation, Hirshhorn Museum, Washington DC (2016); Emissary Forks At Perfection, Pilar Corrias, London (solo); Co-Workers, Musee d’Art Moderne de la Ville de Paris / Bétonsalon, Paris; Emissary in the Squat of Gods, Fondazione Sandretto Re Rebaudengo, Turin (solo); Open Source, Max Hetzler, Berlin; Real Humans, Kunsthalle Düsseldorf (solo, mit Wu Tsang, Jordan Wolfson) (2015); Taipei Biennial; Triennale Di Milano (2014); Baby Feat. Bali, Standard (Oslo), Oslo (solo); Lyon Biennial; ProBio, Expo1, MoMA PS1, New York (2013). VERTRETEN VON: Pilar Corrias, London; Standard (Oslo), Oslo; Formalist Sidewalk Poetry Club, Miami

Ian Chengs Einzelausstellung "Forking at Perfection" im Migros Museum in Zürich ist noch bis 16. Mai 2016 zu sehen.

Dieser Text ist in der Printausgabe Spike Art Quarterly N° 47 erschienen und kann im Online-Shop bestellt werden.