Round Table: Wie isst die Zukunft?

Die Digitalisierung des Körpers & postanimalische Bioökonomie

Technologie ist Teil der Nahrungsaufnahme, seit der Mensch zum ersten Mal ein Stück Fleisch auf dem offe­nen Feuer brutzelte. Doch jetzt verändern technische Eingriffe in den chemischen Aufbau und die Produk­tion von Nahrungsmitteln das Essen von Grund auf. Wir nehmen optimierte Zucker, Fette und Salze zu uns und essen Gebratenes, das genau auf unsere Geschmacksnerven zugeschnitten ist. In der Zukunft könnte jeder seine eigenen Fantasiegerichte aus chemi­schen Elementen bauen, ohne dass ein Tier sterben muss. Ob es um die weltweiten Umweltschäden durch nicht­nachhaltige Produktion geht oder um künftige Gesellschaftsformen: Was wir essen, verändert wer wir sind. 

Wer wird die Technologien kontrollieren, wer wird sie nutzen dürfen und wer nicht? Werden einzelne von uns vielleicht bald ewig leben? Andrew Berardini diskutiert mit drei Vertretern der Avantgarde in der Lebensmit­teltechnologie: Ryan Bethencourt, Programmleiter bei IndieBio, einem Biotechnikunternehmen aus San Fran­cisco, das eine Saatgutbank entwickelt; Todd Huffman, Geschäftsführer des digitalen Diagnoseunternehmens 3Scan, ebenfalls aus San Francisco; und dem Strategie­entwickler Jayar La Fontaine aus Toronto. 

 

Andrew Berardini: Ich möchte mit der Frage beginnen, wohin die Digitalisierung der Biologie führt. Wenn man jede Zelle in Daten wird darstellen können, was bedeutet das für unse­re Begriffe von Körper, Medizin, überhaupt von Leben? 

Todd Huffman: Ich arbeite seit zehn Jahren an der Digitalisie­rung des Körpers und werde wohl noch Jahrzehnte daran arbeiten. Heute nutzt man sie fast nur in der Forschung, um Krankheiten verstehen und heilen zu können. In der Zu­kunft werden wir mit dem Computer in die Biologie eingrei­fen können, ähnlich wie man Software heute schon in ande­ren technischen Wissenschaften einsetzt. Als ich an der Technologie zu arbeiten begann, die wir bei 3Scan entwickeln, war das Ziel eigentlich, Struktur und Funktion des menschlichen Denkens biotechnisch nachzubauen – ein ehrgeiziges Ziel, das ich in meinem Leben vielleicht nicht mehr erreichen werde. Wenn man Technik entwickelt, die große und langfristige Auswirkungen haben wird, setzt man sich besser mittelgroße Ziele, die man leichter errei­chen kann. Sonst macht man sich selbst unglücklich. Bei 3Scan beschäftige ich mich deshalb nur sehr wenig mit der Struktur und Funktion menschlichen Denkens, sondern vor allem mit der Struktur und Funktion von Krebs, der viel leichter zu verstehen ist. Außerdem ist Krebs ein großes Problem. Menschen, die ich gekannt und geliebt habe, sind an Krebs gestorben. Wenn wir besser verstehen würden, wie Krebs funktioniert, wären sie vielleicht nicht gestorben.

 

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Jayar La Fontaine: Ich glaube, es geht hier vor allem darum, wie Technologie eine bestimmte Evolution erzwingt. Das bringt uns zu ganz grundsätzlichen Fragen, etwa, was den Menschen ausmacht. Ich habe in letzter Zeit viel über die Klugheit der Evolution nachgedacht, wie sie Leslie Orgel in seiner „zweiten Regel“ formuliert: „Die Evolution ist schlauer aus du“. Mit einem flauen Gefühl, ehrlich gesagt. Ich befürchte, dass die Erfinder mehr und mehr von der fal­schen und gefährlichen Vorstellung ausgehen, dass die Evo­lution uns mit einem Körper ausgestattet hat, der in unse­rem postindustriellen Informationszeitalter einfach nicht gut genug ist, um effzient, bequem oder glücklich zu leben. In dieser Sichtweise hat die Technologie die Aufgabe, die uns angeborene Blödheit, Boshaftigkeit oder Kurzsichtig­keit, die in der modernen Welt so verbreitet sind, zu kom­pensieren.

 

"Irgendwann in nicht allzu ferner zukunft wird das züchten von fleisch ein kunstgewerbe sein, wie heute die mikrobrauereien"

 

Andrew Berardini: Hast du ein Beispiel aus der Praxis?

Jayar La Fontaine: Nehmen wir zum Beispiel die Innovatio­nen im Nahrungsmittelsektor. Künstliche Süßstoffe sollten ursprünglich unser Bedürfnis nach zuckerhaltigen Nah­rungsmitteln befriedigen, mit denen wir uns evolutionsbe­dingt gern den Magen vollschlagen (weil sie früher nur sai­sonal vorkamen, als limitiertes Angebot: „Nur für begrenzte Zeit!“). In der modernen Welt sind Glukose und Fruktose praktisch immer verfügbar. Künstliche Süßstoffe machen es möglich, süß zu essen, ohne dauernd den Blutzuckerspiegel hochzufahren, was zu metabolischem Syndrom, Fettleibigkeit und Diabetes führen kann.
Das Problem mit künstlichen Süßstoffen ist aber, dass Süße in unserem Körper nichts mit dem Blutzucker zu tun hat. Un­ser System, das Süße als Signal für Zuckerzufuhr wertet, wird durch künstliche Süßstoffe „getäuscht“. Mit der Zeit entkoppelt sich das Süß­-Erleben von den physiologischen – also den neurologischen, endokrinen, muskulären – Syste­men, die normalerweise anspringen, wenn sie das Zuckersignal bekommen. Auch hier ist die Evolution schlauer als wir. Es ist ja klar, dass die Biologie untereinander vernetzte Systeme ausbildet, die kompliziert koordiniert und daher schwer vorhersehbar sind.

 

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Andrew Berardini: Ryan, du arbeitest mit vielen Start­ups aus der Lebensmitteltechnologie. Welche Potenziale siehst du in diesem Bereich?

Ryan Bethencourt: Abgesehen von ein paar ziemlich einfachen, wenn auch mächtigen Innovationen von Konzernen wie Monsanto oder Syngenta hat sich beim Essen eigentlich nicht viel verändert, seit unsere Vorfahren vor mehr als 10.000 Jahren die Landwirtschaft erfanden. Freilich macht die Biotechnologie Fortschritte. Ein paar führende Wissen­schaftler – Joi Ito am MIT Media Lab zum Beispiel – mei­nen, das Mooresche Gesetz würde dazu führen, dass die Kosten in der Biotechnik noch schneller sinken als in der Informatik – auf ein Viertel oder Fünftel alle 18 Monate. Diese Entwicklung wird von einer von Reihe Innovationen angetrieben, von niedrigeren Kosten, freier Hardware, von Hacking und Bio­Hacking, einem genauen Verständnis von Biologie, von selbstlernenden Systemen und von zu­ schießendem Privatkapital – etwa von der Gates-­Stiftung –, das helfen soll, einige der größten Probleme unseres Plane­ten zu lösen. Das heißt, wir stehen kurz vor einer kambri­schen Explosion unkonventioneller Biotechnologien, be­sonders in Bereichen wie dem Essen. 

Andrew Berardini: Im Labor gezüchtetes Fleisch? Was tut sich in dem Bereich? 

Todd Huffman: Im Bereich Gewebekulturen gibt es Unter­nehmen, die Prozesse so gestalten, dass der Anteil an tieri­schen Komponenten reduziert und schließlich eliminiert werden soll. Modern Meadow zum Beispiel „entwickelt La­bortierprodukte, ohne Tiere schlachten zu müssen, und mit wesentlich weniger Bedarf an Boden, Wasser, Energie und Chemie“. Das Konzept leuchtet ein, aber es fehlen noch wichtige technische Innovationen, um mit Gewebezüchtung Nahrungsmittel im globalen Maßstab herzustellen. Zellkulturen beruhen auf Wachstumsfaktoren, die aber, wenn sie aus Tierquellen stammen, andere Biomoleküle mit sich führen, zum Beispiel Antikörper. Bisher gewinnt die Industrie antikörperfreie Wachstumsfaktoren aus dem Blut­serum von Rinderföten, die geschlachteten Kühen entnom­men werden. Jedes Jahr werden weltweit etwa siebenhun­derttausend Liter gesammelt. Eine neue Quelle für diese Wachstumsfaktoren zu finden ist also unbedingt notwen­dig, damit Gewebekulturen in globalen Dimensionen nutz­ bar werden. 

 

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Jayar La Fontaine: Ich arbeite viel mit Nahrungsmittel rmen, die sich aktiv von der Tradition der industriellen Landwirt­ schaft lossagen wollen – vor allem natürlich, um sich aus dem PR­Desaster zu befreien, aber auch, weil sich langsam die Einsicht durchsetzt, dass man nachhaltige Pro te am besten mit dem Drei­Säulen­Modell erreicht, das nicht nur die Finanzen des Unternehmens, sondern auch den Nutzen für Gesellschaft und Umwelt einrechnet.
Letztlich hängt natürlich immer alles an den Kosten und dem Geschmack der Konsumenten. Das Kostenproblem hat man immer mehr unter Kontrolle. Fleisch aus Labor­zucht ist zum Beispiel immer noch exorbitant teuer, wird aber um Vieles billiger werden, wenn die Technik für die Laborfleischproduktion besser wird. Das könnte man das Muh’sche Gesetz nennen. Das andere Problem wird sicher noch viel Arbeit brauchen. Aber irgendwann in nicht allzu ferner Zukunft wird das Züchten von Fleisch ein Kunstge­werbe sein, wie heute die Mikrobrauereien. Eine wunderba­re Vorahnung darauf gibt das „The In Vitro Meat Cookbook“ (2014), das Dutzende fiktive Rezepte vorstellt, die mit dem zukünftigen Laborfleisch gekocht werden könnten. 

Andrew Berardini: Diese Fortschritte sind sehr spannend, aber ich mache mir Sorgen, wohin sie führen. Zum einen sind diese biologischen Erfindungen an Firmenpatente gebun­den. Sie sind gleichzeitig so nah an der Natur und so losge­löst vom Realen, dass einem unheimlich werden kann. Das rührt an den Kern dessen, was den Menschen ausmacht. 

Todd Huffman: Wenn man eine für uns Menschen nachhalti­gere Erde möchte, ist die Züchtung synthetischer Zellgewe­be unverzichtbar. Menschen sind opportunistische Aasfres­ser: Wir nehmen ab und zu Fleisch zu uns, als wichtiger Teil unserer Ernährung, das zeigt sich auch in unserem Körper. Man denke nur an unsere Zähne oder den Verdauungsappa­rat. Wir sind weder Fleischfresser mit kurzen Därmen und scharfen Zähnen noch Pflanzenfresser mit langen Därmen, mehreren Mägen und stumpfen Zähnen. Wir sind auch keine Jäger, die rohes Fleisch essen; wir sind Sammler, die halb verweste Tiere essen, die wir nicht selbst getötet haben. Bis heute kochen wir unser Fleisch, um den Verwesungsprozess zu simulieren. Der Trieb, halbverwestes Fleisch zu essen, scheint also in unser neuronales Bedürfnis­ und Befriedi­gungssystem fest eingebaut zu sein, und das könnte zur Zer­störung des Planeten führen. Trotz vieler Bemühungen hat sich der Ve­getarismus nicht durchgesetzt. Au­ßer Indien mit 40% gibt es in keinem Land mehr als 13% Vegetarier. Fleischersatzstoffe sind noch nicht gut genug, um unser Gehirn zu täuschen. Eine Lösung wäre, synthetisches Fleisch mit den Techniken zu erzeu­gen, die eigentlich zur Züchtung syn­thetischer Gewebe im Labor­ und Medizinbereich entwickelt wurden. 

 

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Jayar La Fontaine: Eine Auffassung vom Menschen, die ich für gefährlich halte – und ich glaube nicht, dass sie einer von euch teilt – ist die, über die Steven Pinker in „Das unbe­schriebene Blatt“ schreibt: die Vorstellung, dass der Mensch als leeres Blatt auf die Welt kommt, auf das Kultur und Technik einfach nur ihre Regeln und Rituale einschreiben. In dieser Sicht gibt es keine nennenswerte menschliche Na­tur, sie ist so irrelevant, dass wir sie einfach mit der Technik, die uns gerade in den Kram passt, „überschreiben“ können. Da der Mensch demnach „nur Umwelt und keine Verer­bung“ ist, sollte er sich ohne Probleme mit neuen Technolo­gien abfinden und einfach an neue Realitäten anpassen kön­nen. Aber wenn neue Technologien uns so fundamental verändern können, verlieren wir den gesunden Respekt vor der Klugheit der Natur. Falls wir den je hatten. 

Andrew Berardini: Was denkt Ihr, wie es um das Projekt des Transhumanis­mus steht – vereinfacht gesagt, die Vorstellung, dass wir die Menschheit durch technologischen Fortschritt weiterentwickeln können? 

 

"Die menschen werden sich an gentechnik grossen ausmass gewöhnen, so wie sie sich an computer und smartphones gewöhnt haben"

 

Jayar La Fontaine: Ich bin da nicht mehr so optimistisch wie früher. Ich denke, es gibt große Teile in der transhumanistischen Bewegung, die die biologische Realität von Men­schen geringschätzen, und die sich nichts mehr wünschen als die biologische „Wetware“ ein­fach ganz abzuschaffen. Für mich klang der Ausdruck „Wet­ware“ schon immer abwertend. Diese Leute glauben offen­bar, dass unsere Biologie dumm oder bestenfalls lästig ist. Ich bin da anderer Meinung. Ich halte es, was den Transhumanismus angeht, eher mit dem Neurowissenschaftler Mark Changizi. In seinem Buch "Harnessed "(2011)argumentiert er, dass wir zwei der mächtigsten und am meisten verbreiteten Techniken, Musik und Sprache, der Umfunktionierung vererbter Wahrneh­mungs­ und Denkfähigkeiten verdanken, wofür nur kleine­re Modikationen hier und da nötig waren. Changizi meint, man solle immer erst mit den Fähigkeiten arbeiten, die man schon hat, bevor man neue entwickelt, die dann vielleicht nicht kompatibel sind. 

Todd Huffman: Der Glaube des Transhumanismus, dass man „das Menschliche“ ändern könnte, wird sehr oft von Schar­latanen für Zukunftsprognosen missbraucht. Die Evolution ist aber nicht einfach ein Marsch in eine Richtung. Sie ist viel chaotischer. Echte Transhumanisten machen keine Vorhersagen, sondern Pläne, die sie dann auch verfolgen. Ich für meinen Teil bin zwar Kryoniker, aber ich glaube nicht dass sich Lebensverlängerung von selbst entwickeln wird. Es wird nur real werden, wenn wir daran arbeiten. 

Ryan Bethencourt: Ich finde die idealistischen Phantasien der transhumanistischen Bewegung meistens auch deprimie­rend. Es gibt zu viele Träumer und Quatschköpfe und zu wenige Macher. Reden ist einfach! Ich persönlich verstehe mich nicht als Futurist, sondern als Now­ist. Mich interes­siert: Was können wir im Hier und Jetzt machen?

 

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Andrew Berardini: Und was denkt ihr, was die nächsten Durchbrüche des Transhumanismus sein werden? Ich mei­ne nicht nur, was Nahrungsmittel, sondern auch was die Be­schaffenheit des Lebens und die Lebensverlängerung an­geht? Wo entwickelt sich die Kryonik hin? Werden Technik und Biologie noch enger miteinander verschmelzen? Wann kommt der neue Mensch? 

Jayar La Fontaine: Der neue Mensch kommt ja die ganze Zeit. Ich glaube, große Durchbrüche wie „den neuen Menschen“ erkennt man immer erst im Nachhinein. Trotzdem glaube ich, dass der „funktionalistische“ Ansatz zum Verständnis des menschlichen Denkens und seiner Funktionsweise die größten Durchbrüche zur technischen Verbesserung des Menschen verspricht. Für Funktionalisten ist der Geist das, was das Gehirn macht, wobei nichts am Gehirn so beson­ders ist, dass es der einzig mögliche Träger für das Denken sein könnte. Heute richten wir Bewusstseine auf anderen Trägermaterialien ein, zum Beispiel Silikon.
Auch wenn das bisher recht rudimentäre Bewusstseine sind. Je besser wir das Gehirn aber als Informationsverarbei­tungsmaschine verstehen, desto attraktiver und weniger verrückt werden Ideen wie die Kryonik erscheinen. Wenn man die Nanostruktur des Gehirns konservieren kann, wird es zunehmend auch sinnvoll erscheinen, in die Langzeiterhaltung dieses Organs zu „investieren“, ob durch Kry­onik oder Plastination. Das wäre wirklich eine grundlegen­de Veränderung des Menschenbildes – als bekäme der Mensch eine komplett neue Fähigkeit. 

 

"Ich glaube, dass die Wissenschaft und der Kapitalismus die Probleme der Zukunft lÖsen kÖnnen und lÖsen werden"

 

Andrew Berardini: Aber was ist mit dem Gruseleffekt? Maschinenbewusstsein und Fleischzüchtung im Labor lässt man­chen Menschen ja immer noch das Blut in den Adern gefrie­ren. 

Jayar La Fontaine: Immer, wenn es um die „Verschränkung von Technik und Biologie“ geht, reagieren die Menschen sehr empfindlich. Die erste Injektion wurde vor mehr als 2.000 Jahren erfunden, und immer noch schrecken Menschen vor ihr zurück. Interventionen, die Technik und Bio­logie miteinander „verkabeln“, werden sehr raffniert sein müssen, um diesen Reflex zu umgehen. Vielleicht könnte das so eine Tablette schaffen, wie sie sich Ramez Naam für seine „Nexus“-Trilogie ausgedacht hat: Man schluckt Nano­roboter, die ein Betriebssystem im Gehirn installieren, damit es direkt mit anderen Gehirnen kommunizieren kann. 

Andrew Berardini: Und wie geht es mit dem Essen weiter?

Ryan Bethencourt: Wir sehen ja schon heute, wo es hingeht. Ich als Veganer sehe die spannendsten Nahrungsmitteltechni­ken in der neuen postanimalischen Bioökonomie. Das sind die Techniken, die unsere empfindungsfähigen Kameraden endlich aus den Tierfabriken befreien werden, in denen wir sie gefangen halten. Ich glaube, die Menschen werden sich an Gentechnik im großen Ausmaß gewöhnen, so wie sie sich an Computer und Smartphones gewöhnt haben. So wie Internet und Smart­phones das ganze Wissen der Welt in die Hände aller legen, werden Gentechnik und genetisch modifizierte Organis­men die zweite Domestizierung der Natur in die Hände al­ler legen. Der Lebensstandard wird weltweit in ungekannte Höhen steigen.
Das ist kein Wunschdenken, in den Laboren haben wir heu­te schon die Technologie dafür. Wir müssen nur die Vertei­lungsfrage lösen, dann könnten alle der über sieben Milliar­den Menschen auf der Erde jedes Essen aus Zuckerwasser herstellen und sich reichhaltig ernähren, mit minimalem ökologischen Fußabdruck , für weniger als einen Dollar pro Tag. Ich glaube, dass die Wissenschaft und der Kapitalismus die Probleme der Zukunft lösen können und lösen werden! 

Andrew Berardini: Ich muss an die Liedzeile aus „Democracy“ von Leonard Cohen denken: „the psychotic bitching that goes down in every kitchen, to determine who will serve and who will eat“. Und auch die unheimliche Maxime aus David Mitchells Roman „Der Wolkenatlas“: „Die Schwa­chen sind der Braten, an dem die Starken gut gerathen.“ Wenn Nahrungsmittel Macht sind, wem gehört dann die Zukunft? 

Todd Huffman: Die Zukunft gehört denen, die sie erfinden. Die Erfinder bestimmen, was real wird. Ich finde es wichtig, Dass die Macht denen gehört, die langfristig denken, weil sich neue Technologien auf sehr, sehr viele Menschen aus­wirken werden. Wer die Technologie beherrscht, hat die Macht, unseren Planeten zu zerstören oder ihn zu einem Paradies zu machen. Wir, die Erfinder, haben die Verant­wortung, neue Technologie mit Mitgefühl zu planen. „Eine Gesellschaft muss sich daran messen lassen, wie sie mit ih­ren Schwächsten umgeht“ – man weiß nicht, von wem die­ser Spruch stammt, aber ich stimme vollkommen zu. 

Aus dem Amerikanischen von Thomas Raab

ANDREW BERARDINI schreibt vor allem über Kunst. Er lebt in Los Angeles. 

 

Für weitere Bilder: www.bistro-invito.com

 

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TODD HUFFMAN ist Transhumanist, Kryoniker und Geschäftsführer des Unternehmens 3Scan, das er 2011 mitgründete. Hu man ist einer der ersten Menschen, der sich Magneten implantieren ließ. Er ist voller Sehnsucht nach der Zukunft und arbeitet an einer Vielzahl technischer Probleme. So hat er Jahre mit der Entwicklung von kryonischen Verfahren verbracht, Sinnesorgane experimentell modi ziert, in Afghanistan Projekte für DARPA geleitet oder Menschenrechtsaktivisten in autoritären Regimen unterstützt.

 

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JAYAR LA FONTAINE ist Technikforscher, der Organisationen im Ausbau ihrer Planungsfähigkeiten unterstützt. Er hat langfristig angelegte Projekte entwickelt, die von Strategien zur psychischen Gesundheit über Wearables bis zur Zukunft von Schönheit, Arbeit und Spiel reichen. Seine Arbeit besteht darin, mehr Menschen Zugang zu Technologien zu verscha en. Vor seiner Beratertätigkeit arbeitete er bei dem Startup InteraXon, das Gehirnwellensensoren für den Massenmarkt baut, und war Fallmanager und Mentor für Erwachsene mit nicht kongenitalen Gehirnschädigungen. 

 

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RYAN BETHENCOURT ist ein Querdenker, der den Status Quo in der biomedizinischen und bio- technischen Forschung durch die Förderung innovativer Jungunternehmen durchkreuzen möchte. Ende 2014 gründete er die Firma Indiebio mit, die bisher 42 Startup-Unternehmen im Sektor Biotechnologie finanziert hat. Davor half er beim Aufbau der Biohacker-Bewegung. Seit zehn Jahren arbeitet Bethencourt in der biopharmazeutischen Industrie an der Entwicklung neuer Medikamente mit großen Biotechnikkonzernen in den USA, der EU und in Japan. Er hält regelmäßig Vorträge über Biotechnologie und schreibt für BioCoder, The Bold Italic und Techonomy.